Entrainment: Zeitliche Strukturierung kreativer Projekte
Temporally Structuring Creative Projects through Entrainment
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Technische Wissenschaften (70%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (30%)
Keywords
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Kreativität,
Innovation,
Entrainment,
Temporal structuring,
Creative Processes
Inhalt und Forschungsfrage: Dieses Projekt untersucht die Rolle von Entrainment in kreativen Projekten. Damit ist gemeint, dass Prozesse oder Aktivitäten, die zu einem kreativen Projekt beitragen, synchronisiert, also zeitlich miteinander in Einklang gebracht werden. In der Organisationsforschung geht man typischerweise davon aus, dass synchronisierte Prozesse effizienter sind, so zum Beispiel rechtzeitig auf umweltbedingte Schwankungen reagiert und ein Produktionsengpass vermieden werden kann. In kreativen Projekten geht es jedoch weniger um Effizienz, sondern vielmehr um die Exploration neuer und wertvoller Ideen. Die Schaffensprozesse dieser Ideen haben ihre ganz eigene Zeitlichkeit oft kann man sie nicht nach Kalender und Uhrzeit planen. Eine zu starke Synchronisierung entlang organisationaler oder regulatorischer Strukturen geht dann womöglich auf Kosten der Kreativität. Gleichzeitig kann Zeitdruck aber natürlich auch die Entstehung von Ideen beschleunigen wir alle haben schließlich schon einmal die kreativitätsfördernde Wirkung von Deadlines erlebt. Dieses Projekt hat sich zum Ziel gemacht, die Zeitlichkeit kreativer Projekte genauer zu untersuchen. Es startet bei der Annahme, dass Entrainment in manchen Phasen eines kreativen Projektes durchaus kreativitätsfördernd sein kann, z.B. wenn durch Zeitpläne ein fokussierter, intensiver Aktivitätsgrad erreicht werden kann, um Prozesse abzuschließen. In anderen Phasen jedoch kann es wichtig sein, Aktivitäten untereinander und von äußeren zeitlichen Strukturen zu entkoppeln (etwas, was wir als Detrainment bezeichnen), um Raum für die Ideenentwicklungzu schaffen. Die Forschungsfrage lautet: Welche organisationalen Praktiken des De-/Entrainment wirken sich wie auf Kreativität aus? Ausgehend von dieser Frage verfolgt das Projekt vier Beiträge für eine Theorie der zeitlichen Strukturierung kreativer Projekte. Erstens sollen kreative Produktionszyklen in zwei Feldern, Musik und Pharma, systematisch erfasst werden. Auf dieser Basis soll zweitens ein praxistheoretisches Verständnis von Entrainment entwickelt werden, welches die Rolle der handelnden Akteure ins Zentrum stellt, die ihre Arbeitsprozesse aktiv zeitlich strukturieren, wobei auch Praktiken des Detrainment herausgearbeitet werden sollen. Drittens soll die Rolle von unterschiedlichen Materialitäten (Objekte, Räume, Technologien, etc.) in kreativen Prozessen als Mitverursacher zeitlicher Strukturen untersucht werden. Zuletzt und in Summe sollen anhand eines Vergleichs unterschiedlicher kreativer Projekte in Kunst und Wissenschaft Propositionen herausgearbeitet werden, die De-/Entrainment als eine Form des Organisierens kreativer Projekte theoretisieren. Methoden: Da es noch keine bestehende Theorie zur Rolle von Entrainment in kreativen Projekten gibt, ist dieses Projekt explorativ angelegt und verwendet ethnographische Methoden, um detaillierte, qualitative Langzeitdaten zur zeitlichen Entwicklung kreativer Projekte zu erheben. In jedem der beiden Untersuchungsfelder, Musik und Pharma, werden zwei Projektökologien untersucht, in denen parallel mehrere kreative Projekte verfolgt werden. Einige dieser Fälle wurden bereits beforscht, so dass eine echte Langzeituntersuchung möglich ist. Whats new: Zwar wurde die zeitliche Komplexität kreativer Projekte in und zwischen Organisationen bereits mehrfach hervorgehoben, doch kaum eine Studie hat bislang Praktiken des De-/Entrainment kreativer Prozesse und deren Auswirkungen auf Kreativität untersucht.
Dieses Projekt untersuchte die Rolle von Entrainment, definiert als die Anpassung eines Verhaltens, um es mit einem anderen Verhalten zu synchronisieren oder im Einklang zu halten, in kreativen Projekten. Entrainment wird typischerweise als eine Möglichkeit gesehen, Unsicherheiten aus dem organisatorischen Umfeld zu reduzieren und die organisatorische Effizienz zu steigern. Kreative Projekte beinhalten jedoch komplexe Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren, Organisationsprinzipien und Artefakten, die sich nicht leicht miteinander synchronisieren lassen. Zunächst stellten wir fest, dass Entrainment kreative Prozesse sowohl fördern als auch behindern kann. So zeigen Otto, Schuessler, Sydow und Vogelgsang (2024) auf der Grundlage ethnografischer Forschung in pharmazeutischen Innovationsprozessen, dass Entrainment zwar zu verpassten Gelegenheiten führen kann, indem es zeitliche Spannungen löst, um einen gegebenen Innovationsprozess zu bekräftigen und fortzusetzen, aber auch dazu beitragen kann, Momente kollektiver Kreativität zu fördern. Interessanterweise erfordert dies oft eine Form von Disentrainment, was Raum für die Entstehung und Entwicklung neuer Ideen schafft. Die Studie veranschaulicht, dass kreatives Handeln in starren Zeitstrukturen möglich wird, wenn sich die Akteure vorübergehend von den vorherrschenden Zeitrhythmen lösen und indem sie zeitliche Spannungen und Abweichungen von etablierten Plänen als kreative Möglichkeiten anerkennen. Um diese Möglichkeiten jedoch in komplexen Innovationskontexten mit starren Zeitstrukturen umsetzbar zu machen, müssen sie so gestaltet werden, dass sie in neu konfigurierte Zeitstrukturen integriert werden können. Basierend auf Forschung in einem Musikstudio hebt Schiemer (2024) die Rolle der "Zwischenzeit" - der zeitlichen Lücken zwischen geplanten Aktivitäten - als kritischen Raum für Kreativität hervor, in dem Akteure neue Ideen erkunden und individuelle und kollektive kreative Prozesse aufeinander abstimmen können. Diese Forschung trägt zu einem tieferen Verständnis der zeitlichen Dynamik in kreativen Projekten bei und bietet einen Rahmen für den Umgang mit zeitlichen Spannungen in kreativen Kontexten. Zweitens entwickelte das Projekt, aufbauend auf diesen Arbeiten, ein praxisbasiertes Verständnis von Entrainment, das diese Aktivitätszyklen nicht als exogen gegeben, sondern als zeitlich strukturiert durch Akteure betrachtet, die ihre Aktivitäten aufeinander abstimmen. Dieser praxisbasierte Ansatz wurde von Otto, Schiemer, Sminia & Sydow (2025) weiter ausgeführt. Diese Studie erklärt, dass kreative Prozesse von drei miteinander verbundenen Erwartungsdimensionen (Einzigartigkeit, Machbarkeit, Resonanz) geprägt werden, die kreative Projekte dynamisch beeinflussen, da die Akteure auf Rückschläge in diesen Dimensionen reagieren, was den kreativen Prozess im Laufe der Zeit prägt und verändert. Diese Perspektive verändert das Verständnis von kreativem Erfolg: Statt ergebnisorientiert zu sein, wird Erfolg als die Fähigkeit verstanden, kreative Prozesse über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Das Neue daran: Während frühere Forschungen die zeitliche Komplexität kreativer Projekte hervorgehoben haben, beleuchtet unser spezieller Fokus auf Entrainment als Form zeitlicher Arbeit und insbesondere auf den Begriff des Detrainments, wie Störungen und Misserfolge integraler Bestandteil der Entwicklung von Neuheiten sind.
- Jörg Sydow, Freie Universität Berlin - Deutschland
- Gernot Grabher, Hafencity Universität Hamburg - Deutschland
Research Output
- 19 Zitationen
- 7 Publikationen
- 1 Künstlerischer Output
- 5 Disseminationen
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Finding Creativity in Predictability: Seizing Kairos in Chronos Through Temporal Work in Complex Innovation Processes DOI 10.1287/orsc.2020.14743 Typ Journal Article Autor Otto B Journal Organization Science -
2024
Titel It's About What Happens in the Meantime: The Temporal Interplay of Individual and Collective Creativity DOI 10.1287/orsc.2021.15117 Typ Journal Article Autor Schiemer B Journal Organization Science -
2025
Titel Failure as a Process: Shaping What is Worth Doing in Creative Projects; In: Spaces for Creativity and Innovation Within and Across Organizational Boundaries DOI 10.1108/s0733-558x20250000091020 Typ Book Chapter Verlag Emerald Publishing Limited -
2025
Titel Innovation and Organization; In: Handbook of Innovation - Perspectives from the Social Sciences DOI 10.1007/978-3-031-25143-6_20-1 Typ Book Chapter Verlag Springer Nature Switzerland -
2022
Titel Regulating Nimbus and Focus: Organizing Copresence for Creative Collaboration DOI 10.1177/01708406221094201 Typ Journal Article Autor Schiemer B Journal Organization Studies Seiten 545-568 Link Publikation -
2021
Titel Organizing Creativity for Innovation: Situated Practices and Process Perspectives; In: Organizing Creativity in the Innovation Journey DOI 10.1108/s0733-558x20210000075002 Typ Book Chapter Verlag Emerald Publishing Limited -
2020
Titel Organizing Distributed Creativity in Virtual and Physical Spaces Typ PhD Thesis Autor Benjamin Schiemer
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2024
Link
Titel Public talk on the relationship of creativity and love Typ A talk or presentation Link Link -
2021
Link
Titel Video Interview with DigBizLeader TV Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2021
Link
Titel Interview for national news Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2023
Link
Titel Podcast on "Was Unternehmen kreativ macht" von Deutschlandfunk Nova Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link -
2021
Link
Titel Video "Mythos: Online funktioniert Innovation nicht so gut. Oder?" Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) Link Link
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2025
Titel PDW on "A Temporal Perspective on Disruptive Innovation Processes" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Invited Speaker for Academy of Management Symposium Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Speaker and Facilitator at PDW: Threads of Time: Weaving Craft, Creativity, and Temporality Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Keynote at 25th CINet Conference 2024: Organizing for Collaborative Innovation Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Talk at HEC Montreal Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Einladung zu den Mainzer Universitätsgespräche "Heureka! Kreativität - oder wie das Neue entsteht" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country)
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2021
Titel The Temporal Structuring of Creative Projects: Organizing Creativity through (Dis-) Entrainment Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021 Geldgeber German Research Foundation