Engineering Nationality
Frankreich
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (40%); Andere Technische Wissenschaften (10%); Bauwesen (50%)
Keywords
- Construction History,
- Cultural Studies,
- Strasbourg Cathedral,
- Reinforced Concrete,
- Johann Knauth,
- Master Builder
Das interdisziplinäre Kooperationsprojekt unter dem Titel Engineering Nationality untersucht am Beispiel der Rettung eines der herausragenden Bauw erke der Gotik des Straßburger Münsters in den Jahren 1905 bis 1926 ein w ichtiges, aber bisher vernachlässigtes Kapitel der Bautechnik-, Denkmal- und Kulturgeschichte. Der damalige Münsterbaumeister Johann Knauth (18641924) stellte 1903 fest, dass der Nordturm einsturzgefährdet w ar, und leitete nach umfassenden Studien Rettungsmaßnahmen an, die erst 1926 von seine n Nachfolgern Clément Dauchy (18651927) und Charles-Auguste Pierre (18751962) völlig abgeschlossen w aren. Sein tragisches Leben er w urde Opfer der französisch-deutschen Rivalitäten der Zw ischenkriegszeit und starb kurz nach seiner Ausw eisung aus dem Elsass darf nicht darüber hinw eg täuschen, dass die Straßburger Dombauhütte auch ein Ort des technischen und kulturellen Austausches w ar und dies bis heute geblieben ist. Diese Fragestellungen stehen im engen Zusammenhang mit der kulturhistorischen Bedeutung der Münsterbauhütten. Ein Thema, das durch die laufende Kandidatur von 18 europäischen Bauhütten zur Einschreibung des Bauhüttenw esens als immaterielles Kulturerbe der UNESCO von großer Aktualität ist. Bis in die 1980er Jahre w ar das Sanierungsprojekt von deutschen w ie von französischen Quellen als technische Errungenschaft der jew eiligen Nation reklamiert w orden. Erst im Jahr 2015 brachte die Stadt Straßburg eine Gedenktafel gegenüber der Kathedrale für Johann Knauth als Urheber der Rettungskampagne an und setzte damit dem ideologischen Disput ein Ende. Unsere Arbeitshypothese geht davon aus, dass die technisch hoch innovative Sanierung des Turmfundaments nicht als ausschließlich deutsch oder französisch beschrieben w erden kann, sondern ein Zusammenspiel deutscher und französischer Fachkompetenz w ar. Insofern ist der Fall Knauth auch eine Einladung, die kulturgeschichtliche Stellung anderer Vermittler im Raum des damaligen Reichslandes Elsass -Lothringen, w ie die des Metzer Dombaumeisters Paul Tornow (18481921), neu zu überdenken. Die w issenschaftliche Analyse der überlieferten Quellen vor allem des detaillierten Baustellentagebuchs w ird offenlegen, dass die ingenieurtechnische Leistung über die nationale Rhetorik hinaus aus einer Kumulation technischen Wissens auf dem Gebiet des Eisenbetons und der Restaurierungsw issenschaften bestand, die in dieser Form w ohl nur in einem Laboratorium Europas, Straßburg, möglich w ar.
Ein wesentliches Ergebnis des Projekts besteht in der vollständigen Transkription des Baustellentagebuchs, das in der heute kaum noch geläufigen deutschen Kurrentschrift verfasst ist. Aufbauend auf der Transkription wurde eine kommentierte französische Übersetzung erarbeitet, die den Zugang zu dieser Quelle für ein internationales, insbesondere französischsprachiges Publikum eröffnet. Die Edition wird durch umfangreiche Annotationen ergänzt, die technische Begriffe erläutern, biographische Informationen zu den beteiligten Akteuren liefern und die einzelnen Arbeitsschritte in ihren jeweiligen Kontext einordnen. Hiermit wird das Baustellentagebuch erstmals in einer wissenschaftlich fundierten, kommentierten und zugänglichen Form der Forschung zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wurde das Baustellentagebuch einer systematischen inhaltlichen Analyse unterzogen. Dabei konnte gezeigt werden, dass die dort dokumentierten Entscheidungen und Praktiken weit über die konkrete Baustelle hinausweisen. Sie spiegeln nicht nur den Stand der zeitgenössischen Ingenieurwissenschaften wider, sondern auch die institutionellen Strukturen der Denkmalpflege sowie die kulturellen und politischen Bedeutungszuschreibungen, die mit dem Bauwerk verbunden waren. In diesen Untersuchungen wurde deutlich, dass in der Rezeption nach 1918 technische Argumente häufig mit nationalen Narrativen verknüpft wurden, die das Münster entweder als deutsches oder als französisches Kulturerbe interpretierten. Das Projekt konnte jedoch aufzeigen, dass während der Bauzeit technische Expertise jenseits nationaler Identitätskonstruktionen zusammenkamen und sich gegenseitig beförderten. Dies war vor allem Ergebnis der Rekonstruktion der beteiligten Akteursnetzwerke. Neben den leitenden Baumeistern und Ingenieuren wurden auch die Beiträge von Baufirmen, Handwerkern, Verwaltungsbeamten und politischen Entscheidungsträgern berücksichtigt, wodurch ein differenziertes Bild der Entscheidungsprozesse gewonnen werden konnte, das die kollektive Dimension der herausragenden Baustelle hervorhebt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Sanierung des Münsters nicht als Werk einzelner nationaler Führungsfiguren verstanden werden kann, sondern als das Produkt einer komplexen Zusammenarbeit, in der unterschiedliche Interessen und Kompetenzen zusammengeführt wurden. Ergänzend zur textlichen Überlieferung wurden die Photoalben als visuelle Quellen in die Analyse einbezogen, die im Umfeld der Bauarbeiten entstanden sind. Dadurch konnten einzelne Bauphasen identifiziert, mittels Retroengineering visualisiert und wissenschaftlich erschlossen werden. Die Fotografien bieten nicht nur eine anschauliche Dokumentation der einzelnen Bauphasen, sondern erlauben auch Einblicke in die Arbeitsbedingungen auf der Baustelle sowie in die Inszenierung der Maßnahmen in der Öffentlichkeit.
- Universität Stuttgart - 100%
- Sabine Bengel, Fondation de l’OEuvre Notre-Dame - Frankreich
- Alexandre Kostka, Université de Strasbourg - Frankreich
Research Output
- 1 Disseminationen
- 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel workshops Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
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2026
Titel Production of a special issue of the journal *Bulletin de la Cathédrale* in Strasbourg Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2025
Titel 2024 Publication Award of the Faculty of Architecture at the University of Stuttgart Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2025
Titel invited lecture to Séminaire Histoire de la construction, CNRS-Sorbonne Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne: "The restoration of medieval church foundations in the 19th and early 20th centuries - the example of Strasbourg Cathedral" (20.01.2026) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel editing a special issue of a journal Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International
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2021
Titel Engineering Nationality Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021 Geldgeber Austrian Science Fund (FWF)