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Ruinöse Texturen

Ruinous Textures

Maria Teresa Kovacs (ORCID: 0000-0002-3051-0461)
  • Grant-DOI 10.55776/J4030
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 14.08.2017
  • Projektende 13.08.2019
  • Bewilligungssumme 162.190 €

Wissenschaftsdisziplinen

Kunstwissenschaften (33%); Sprach- und Literaturwissenschaften (67%)

Keywords

    Ruin Studies, Drama, Text and Theatre / Art, Text and Urban Space, Text as Urban Waste Land, German Literature after 1945

Abstract Endbericht

Heiner Müller, Elfriede Jelinek und René Pollesch zählen zu den innovativsten und prägendsten deutschsprachigen DramatikerInnen und TheatermacherInnen des 20. bzw. 21. Jhdts. Auffallend ist, dass alle drei KünstlerInnen in ihre Arbeiten das Ruinöse einschreiben, deshalb widmet sich das Pro- jekt im Rahmen eines zweijährigen Forschungsaufenthalts am Department for Germanic Languages & Literatures der University of Michigan und einer anschließenden einjährigen Rückkehrphase an der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Wien den urbanen Verfallsland- schaften in deren Werk. Das Projekt will danach fragen, wie sich das Ruinöse transformiert und ob es mit Beginn des 21. Jhdts. unter den Eindrücken von 9/11, von Katastrophen wie Hurrikan Katrina und Fukushima, aber auch der globalen Finanzkrise neu besetzt wird. Es will untersuchen, wieso vornehm- lich der westliche, US-amerikanische städtische Raum mit dem Ruinösen verbunden wird, wie sich das Verhältnis von Urbanität und Landschaft gestaltet und welche spezifischen Subjektkonzeptionen damit in Zusammenhang gebracht werden. Des Weiteren soll diskutiert werden, ob die Texte und The- aterarbeiten selbst als ruinöse Landschaft zu beschreiben sind und ob der räumliche Textbegriff ge- prägt ist durch andere künstlerische Disziplinen. Das Vorhaben will für die Analyse Müllers, Jelineks und Polleschs Arbeiten mit Texten aus dem Be- reich der Philosophie, Architektur, Soziologie, Ökonomie und geographischen Stadtforschung zu- sammenlesen. Darüber hinaus soll Benjamins Begriff der Übersetzung mit Mieke Bals travelling con- cepts kombiniert werden, um die Übersetzungsprozesse von Ruinösem und Urbanität nachzuvollzie- hen, die diese Begriffe auf ihrer Reise durch die verschiedenen zu untersuchenden Arbeiten erfah- ren. Das Forschungsvorhaben schließt dabei an den im Bereich der Ruin Studies im letzten Jahrzehnt vorwiegend im US-amerikanischen Raum v.a. von Julia Hell geleisteten Vorarbeiten an, die gezeigt haben, dass verstärkte Interdisziplinarität neue Erkenntnisse befördert und der Komplexität gegenwär- tiger Ruinen-Diskurse gerecht wird. Die Tatsache, dass Prof. Julia Hell während des Aufenthalts als Betreuerin fungieren wird, verspricht der Antragstellerin Dr. Teresa Kovacs, dass sie neueste und im deutschsprachigen Raum völlig unbekannte Ansätze auf diesem Gebiet kennenlernen und sich diese aneignen wird. Neben der Erschließung innovativer theoretischer und methodischer Zugänge stellt das Projekt darüber hinaus erstmals die Arbeiten Müllers, Jelineks und Polleschs miteinander in Bezug.

Ausgangspunkt meines Forschungsprojekts war die Beobachtung, dass eine beachtliche Zahl zeitgenössischer Performances und Theaterarbeiten großes Interesse an Verfall und am Rückgang städtischer Strukturen zeigt. In Anbetracht der Tatsache, dass das Theater auf eine lange Tradition der Repräsentation solcher Prozesse zurückblickt, ging es mir darum, im Rahmen meiner Arbeit nachzuweisen, dass im gegenwärtigen deutschsprachigen Theater nicht mehr Repräsentation im Zentrum steht, sondern dass wir eher von einer ruinösen Praxis ausgehen müssen. Auch diese Praxis verbindet sich mit historischen Formen und Konzeptualisierungen von Theatertext und Aufführung, die wir u.a. bei Kleist, Büchner oder Gertrude Stein finden. Während Stein ihre Stücke als landscapes beschreibt, die eine sich atmosphärisch ausbreitende Gegenwart erfahrbar machen sollen, spreche ich in Hinblick auf das zeitgenössische Theater von ruinösen Landschaften. Auf diese Weise will ich auf die Diskontinuitäten, Brüche und Irritationen der Gegenwart hinweisen, die für die von mir analysierten Arbeiten zentral sind. Die ruinöse Praxis, die ich beschreibe, verändert nicht nur die Art und Weise wie wir den Raum im Rahmen eines theatralen Ereignisses wahrnehmen, sondern auch die Qualität der Präsenz von menschlichen Akteuren und von Objekten. Schließlich frage ich im Rahmen des Projekts, wieso in unserer Gegenwart eine solche ruinöse Praxis an Bedeutung gewinnt und auf welche conditia humana des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts dieses Interesse verweist. Ich argumentiere, dass das Ruinöse aufgegriffen wird, um auf den Zustand der Krise zu reagieren, der unsere Gegenwart wie kein anderer prägt. Die Arbeiten setzten sich damit auseinander, was es bedeutet, in einer postfordistischen, neokapitalistischen Gesellschaft zu leben, die auf verschiedenen Ebenen Krisen erlebt (durch Krieg, Gewalt, ökonomische oder ökologische Gründe verursachte Massenmigration; Naturkatastrophen; zunehmende Fremdenfeindlichkeit, Populismus und Totalitarismus; Prekarität; etc.). Ich veranschauliche meine Thesen anhand ausgewählter Arbeiten von Heiner Müller, Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief, Heiner Goebbels, Dimiter Gotscheff, René Pollesch und dem Performance- Kollektiv theatercombinat. Um die neuartigen Formen der Präsenz und Absenz von Akteuren und die veränderte räumliche Qualität innerhalb der ruinösen Praxis zu beschreiben fokussiere ich auf folgen- de Aspekte: 1) Unzeitgemäßes Bewohnen, 2) Koexistenz, 3) still act. Mit unzeitgemäßem Bewohnen unterstreiche ich eine Körperlichkeit, die im Moment der Präsenz Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfahrbar macht und den Körper des Schauspielers immer als zu spät und zu früh erscheinen lässt. Koexistenz bezieht sich auf eine Dramaturgie, die Zeit und Raum nicht auf der Grundlage von Kausalität organisiert, sondern die gleichzeitige Anwesenheit und Beziehung von Objekten und Menschen betont. Mit still act betone ich, dass in diesen Arbeiten scheinbar stumme Objekte ins Zent- rum rücken und als eigentliche Akteure zu einer Befragung und Unterbrechung einer als linear fortlaufenden Abfolge von Zeit anregen. Während die meisten Wissenschaftler zeitgenössisches Theater ausschließlich negativ bestimmen und das Fehlen von Figuren, Erzählung, Handlung usw. betonen, habe ich auf der Grundlage einer ruinösen Praxis positive Begriffe gefunden, um die Struktur und Form zeitgenössischer Werke zu beschreiben. 1

Forschungsstätte(n)
  • University of Michigan - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Ulrike Haß, Ruhr-Universität Bochum - Deutschland
  • Günther Heeg, Universität Leipzig - Deutschland
  • Paul Buchholz, Emory University School of Medicine - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Niklaus Largier, University of California Berkeley - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Heidi Schlipphacke, University of Illinois at Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Imke Meyer, University of Illinois at Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Alys George, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 1 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Flowing Space
    DOI 10.30965/9783846764138_015
    Typ Book Chapter
    Autor Kovacs T
    Verlag De Gruyter
    Seiten 153-172

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