Nationen erschreiben, das Individuum erschreiben
Writing the Nation, Writing the Self
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
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European travel writing,
Performance Of Individualisation,
18th and 19th century,
Genre Theory,
Performance Of Nation Building
Nationen erschreiben, das Individuum erschreiben geht von der These aus, dass Reiseberichte ein grundlegendes Medium im Prozess der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Europa vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts darstellen. Besonders die Prozesse der Ausbildung kollektiver nationaler Identitäten und Kulturen sowie das Entstehen des Bürgertums mit seiner Betonung individueller Identität werden im zeitgenössischen Reisebericht implizit dargestellt, performiert und ausgehandelt. Die Position des Reiseberichts zwischen Kulturen verstärkt seine Möglichkeit und Funktion der Aushandlung sowohl nationaler als auch individueller Identität. Die wachsende Popularität des Reiseberichts ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unterstreicht seine steigende gesellschaftliche und politische Bedeutung. Außerdem werden die sozio-politischen Funktionen des Genres in seinen veränderten Formen und Inhalten abgebildet: Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verändert sich der Reisebericht zunehmend von wissenschaftlichen Berichten zu vermehrt unterhaltsamen Formen. Darüber hinaus korrespondiert eine der Haupteigenschaften des Genres, nämlich seine Hybridität mit Bezug auf Form und Inhalt, mit den vielen Funktionen des Reiseberichts. Diese Hybridität wird durch Aspekte ausgedrückt wie das Oszillieren der Texte zwischen Fakt und Fiktion, sowie zwischen Autobiographie und literarischem Text, aber auch durch Bezugnahme auf andere Texte (Intertextualität), durch Mehrsprachigkeit und/oder Übersetzung und durch Meta-Textualität: oft sind sich die fraglichen Texte der Gattungstradition, in die sie sich einschreiben, sehr bewusst und beziehen sich explizit oder implizit auf sie. Das vorliegende Projekt untersucht den performativen Charakter des Reiseberichts in Hinblick auf seine gesellschaftliche und politische Bedeutung während der Übergangsperiode vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Rahmen des Projekts wird zum ersten Mal in der Reiseberichtforschung ein komparatistischer Ansatz angewendet um Reiseberichte europäischer AutorInnen zwischen 1760 und 1850 zu untersuchen. Es ist Ziel des Projekts, die spezifischen Strukturen und Charakteristika der Texte zu identifizieren, die sie zu einem grundlegenden Medium der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklungen im vorgeschlagenen Zeitraum machen. Das Projekt wird damit ein sehr viel detaillierteres Verständnis der komplexen Funktionen und Eigenschaften des äußert beliebten Genres des Reiseberichts ermöglichen und zum besseren Verstehen der zeitgenössischen Mentalität beitragen.