Die Ungarische Spracherneuerung (1776–1825)
The Hungarian Language Renewal (1776–1825)
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (67%); Philosophie, Ethik, Religion (33%)
Keywords
-
Intellectual History,
18th and 19 Century Studies,
Language,
Identity,
Hungary,
Sociology of Knowledge
Nicht nur die Verbreitung deines Namens, sondern auch das Glück des Vaterlandes und die Ver- mehrung sowie Verschönerung unserer Sprache mögen [deine Vorhaben] bezwecken. Als Ferenc Kazinczy 1791 der Diktator der ungarischen Gelehrsamkeit diese Wünsche an György Aranka richtete, hat dieser gerade die Ungarische Gesellschaft zur Sprachenbildung (ung.: Erdélyi magyar nyelvmvelo trsasg) in Cluj, Siebenbürgen gegründet. Beide Gelehrte vereinte ein Ziel: Die Erneue- rung der ungarischen Sprache, die Vermehrung ihres Vokabulars, die Standardisierung von Orthogra- phie und Grammatik; kurz: Die Schaffung einer Wissenschafts- und Literatursprache für die Nation der Magyaren. Trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen von Konzepten wie Nation oder Unga- risch, unterstützten in der Folge immer mehr ungarische Gelehrte die Ungarische Sprachenerneue- rung (ung.: Magyar Nylevjts). Den historischen Hintergrund bildete der Übergang von der lateinischsprachigen und gesamt- europäischen Gelehrtenrepubik hin zu einer neuen Form von Gelehrsamkeit, die getragen wurde von den Idealen einer modernen kollektiven Identität, die sich wiederum über die Idee von Ethnizität und einer gemeinsamen Muttersprache definierte. In ganz Europa, so auch in Ungarn, begannen die Ge- lehrte, in ihrer Muttersprache anstatt Latein zu schreiben und zu publizieren. Die Wahl einer Publika- tionssprache hing nicht mehr allein von dem Ziel ab, andere Gelehrte in Europa zu erreichen, sondern die eigenen Landesleute zu bilden. Damit einher ging auch die Politisierung der Ungarischen Spra- chenfrage (ung.: Magyar Nyelvkérdése). Das Projekt untersucht die drei Hauptaspekte der Ungarischen Sprachenerneuerung vom Ende des Jesuitenordens und ihren barock-lateinischen Bildungsidealen (1776) bis zur Gründung der Ungari- schen Akademie der Wissenschaften (1825) und wendet hierfür verschiedene theoretische wie metho- dische Konzepte (z. B. Wissenssoziologie) an: 1) Politische Dimension: Diskussionen auf politisch-administrativer Ebene über den Gebrauch der ungarischen Sprache im öffentlichen Raum (wie Bildung, Verwaltung, Politik). 2) Linguistische Dimension: Standardisierung und Reglementierung von Grammatik und Ortho- graphie, Sammlung und Niederschrift von bestehenden ungarischen Wörtern zur Publikation von Wörterbüchern, Schaffung von neuem (Fach-)Vokabular zur Entwicklung einer ungarischen Wis- senschafts- und Literatursprache. 3) Literarische Dimension: Imitation und Übersetzung antiker Prosa sowie neuzeitlicher Literatur unter starkem Einbezug fremdländischer Literaturbewegungen, insbesondere der Weimarer Klas- sik. Bislang war die Forschung hauptsächlich auf eine ungarische Leserschaft beschränkt und berücksich- tigte nur bedingt die Wechselwirkung mit anderen vergleichbaren Bewegungen in Zentraleuropa. Die- ses Projekt wird der erste Versuch sein, diese Forschungslücke zu füllen und einen bislang kaum be- kannten Sprachraum einer internationalen Forschungsgemeinschaft zugänglich zu machen.
- Universität Wien
Research Output
- 9 Publikationen
-
2020
Titel Linguae Patriae usum Civi Hungari esse omnio necessarium. Sprachreformen im Königreich Ungarn (1790–1806) DOI 10.7767/9783205210511.161 Typ Book Chapter Autor Haarmann D Verlag Brill Osterreich Seiten 161-188 -
2022
Titel Eckhel und seine Kollegen im k. k. Münzkabinett. Ein wissenssoziologischer Versuch; In: Ars Critica Numaria: Joseph Eckhel (1737-1789) and the Transformation of Ancient Numismatics Typ Book Chapter Autor Daniela Haarmann -
2021
Titel Das Königreich Ungarn. Ein vielsprachiges Reich; In: Language and Society in the 18th-century South Eastern Europe Typ Book Chapter Autor Daniela Haarmann -
2022
Titel Hermann Versus Varus at the Battle of Nations in Leipzig (1813): The Reception of the Hermann Myth during and after the Napoleonic Wars in Austria DOI 10.1017/s0067237821000497 Typ Journal Article Autor Haarmann D Journal Austrian History Yearbook Seiten 61-74 Link Publikation -
2022
Titel Ars critica numaria. Joseph Eckhel (1737?1789) and the Transformation of Ancient Numismatics DOI 10.1553/978oeaw87745 Typ Book Autor Woytek B Verlag Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Verlag Link Publikation -
2020
Titel The Role of the Museum Between Centre and Periphery in Habsburg Monarchy Around 1800; In: The Habsburg State-wide and the regions in the Southern Danube basin. 16th-20th Centuries Typ Book Chapter Autor Daniela Haarmann -
2022
Titel The Path to Monolingualism. Multi- and Translingual Methods and Practices of Hungarian Poetry Around 1800; In: Folytonossg és megszaktottsg a magyar kultrban. A doktoriskolk VI. nemzetközi magyarsgtudomnyi konferencija (Bécs, 2019. szeptember 5-6.) [= Entwicklung und Zäsur in der ungarischen Kultur] Typ Book Chapter Autor Daniela Haarmann Seiten 299-312 -
2021
Titel Yearbook of the Society for 18th Century Studies on South Eastern Europe, Vol 3 Typ Book Autor Daniela Haarmann -
2020
Titel Freidenkerei, Libre-pensée, Szabadgondolkodás – Concepts of Freethinking during the Eighteenth and Nineteenth Centuries DOI 10.1515/9783110688283-004 Typ Book Chapter Autor Haarmann D Verlag De Gruyter Seiten 35-84