Die Naturalisierung der Bedeutung
Naturalizing Meaning
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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Logical Empiricism,
Ramsey,
Russell,
Meaning,
Representation,
Intentionality
Das Projekt widmet sich der Frage, wie naturalistische und pragmatistische Tendenzen in der analytischen Philosophie der 1920er Jahre die Positionen des Wiener Kreises prägten. Zentraler Fokus ist dabei der Einfluss von Bertrand Russells und Frank Ramseys naturalistischen und pragmatistischen Auffassungen von Bedeutung, Repräsentation und Propositionen auf den Wiener Kreis. In der zentralen Phase des Wiener Kreises um 1930 wurde zunehmend Wittgensteins Tractatus und seine Abbildtheorie der Bedeutung einer Kritik unterzogen. Wittgenstein stand in Cambridge in engem Kontakt mit Ramsey, der schon früh wesentliche Aspekte der Abbildtheorie kritisiert hatte. Auch mit einzelnen Mitgliedern des Wiener Kreises (Waismann, Schlick, Carnap) diskutierte Wittgenstein über die Probleme seiner ursprünglichen Theorie. Ab 1930 wurde im Wiener Kreis zunehmend ein Ersatz für Wittgensteins ursprüngliche Theorie der Bedeutung gesucht. Da Carnap und Neurath eine neue Form des Naturalismus vertraten, den Physikalismus, so wurden auch naturalistische Theorien der Bedeutung und der Repräsentation für diese Mitglieder des Kreises attraktiv. Eine zentrale Hypothese des Projekts ist es, dass Russells naturalistische Auffassung von Propositionen (Russell 1919), seine Formulierung einer kausalen Theorie der Bedeutung (Russell 1921), Ramseys vom Pragmatismus geprägte Erfolgssemantik (Ramsey 1927) sowie die im Behaviorismus formulierten kausalen Theorien sprachlicher Bedeutung eine wesentliche Rolle spielten, als man um 1930 im Wiener Kreis neue Bedeutungstheorien formulierte. Ein wichtiger Vorteil der genannten Theorien Russells und Ramseys war insbesondere, dass sie mit dem Naturalismus der Physikalisten kompatibel waren. Das Projekt stellt sich die Aufgabe die Rolle dieser Theorien Russells und Ramseys bei den von den logischen Empiristen entwickelten kausalen Theorien und Gebrauchstheorien der Bedeutung aufzuzeigen. Es werden im Rahmen des Projekts neue Archivquellen erschlossen, um die Diskussionen zwischen Wittgenstein und Ramsey, Wittgenstein und Waismann sowie deren Einfluss auf die Mitglieder des Wiener Kreises zu rekonstruieren. Hierbei wird besonders die Rolle von Waismann als Vermittler zwischen den Positionen in Cambridge und Wien, sowie seine Rolle als Impulsgeber für neue theoretische Ansätze hervorgehoben. In einem ersten Schritt wird im Projekt untersucht, aufgrund welcher Argumente Wittgensteins Abbildtheorie gegen Ende der 1920er Jahre im Wiener Kreis zunehmend aufgegeben wurde. Dann werden die im Kreis diskutierten Optionen für eine neue Bedeutungstheorie untersucht, insbesondere Neuraths und Carnaps Überlegungen zu einer kausalen Theorie der Bedeutung im Rahmen des Physikalismus, Waismanns Präferenz für eine Gebrauchstheorie der Bedeutung sowie für eine linguistisch neu formulierte Theorie der Intentionalität. Diese theoretische Auseinandersetzung wird in Beziehung zu gegenwärtigen naturalistischen Theorien der Bedeutung und der Repräsentation gestellt.
Ausgehend von Russells und Ramseys Philosophie der 1920er Jahren untersuchte das Projekt die Auswirkung naturalistischer Theorien (Russell 1919, 1921, 1927) und pragmatischer Theorien (Ramsey 1927, 1931) von Bedeutung, Satz und Begriff auf den Wiener Kreis. Die Kernthese des Projekts ist, dass diese Theorien wesentlich die Auffassung von Bedeutung, Satz, Begriff und Grammatik im Wiener Kreis prägten. Diesbezüglich untersuchte das Projekt besonders den Austausch und die Gespräche Wittgensteins mit Frank Ramsey einerseits und mit Friedrich Waismann andererseits. Es wurde im Besonderen der enge Zusammenhang der Philosophie des mittleren Wittgenstein (1929-36), des späten Ramsey (1928-29) und des frühen Waismann (ab 1929) hervorgehoben und aus Archivquellen rekonstruiert. Der Austausch zwischen diesen Philosophen führte auch zu einer substanziellen Re-orientierung im Wiener Kreis selbst. Diese bestand in einer Reihe von neuen Positionen: einem Finitismus in der Philosophie der Mathematik, der Auffassung von Hypothesen als (Ableitungs-)Regeln und der Auffassung der Syntax einer Sprache als ein frei wählbares rein formales Kalkül. Das Projekt stellte dar, wie sich diese Positionen entwickelten und den Wiener Kreis ab 1930 prägten. Im Fokus stand dabei Waismann als Bindeglied zwischen England und dem Wiener Kreis. Durch ihn wurden die genannten Positionen intensiv im Wiener Kreis diskutiert. Diese Diskussionen führten (1) zu einer instrumentalistischen Auffassung von Naturgesetzen als Hypothesen; (2) zur Auffassung der Syntax einer Sprache, sowie der Logik, als ein frei nach pragmatischen Überlegungen wählbares Kalkül; (3) zur Auffassung der Porosität von Begriffen ("open texture"), i.e. zu Ansicht, dass die meisten unserer Begriffe ein Art Unvollständigkeit besitzen. Es wurde aufgezeigt, wie diese Konsequenzen im Wiener Kreis sichtbar wurden, so insbesondere Position (1) bei Schlick, Position (2) bei Carnap und Position (3) bei Waismann. Bezüglich Position (1) wurde untersucht, wie die Auffassung von Hypothesen als Regeln unmittelbar aus dem Finitismus Wittgensteins und Ramseys folgte. Bei Position (2) wurde gezeigt, wie der intellektuelle Austausch zwischen Ramsey, Wittgenstein und Waismann zu einer zunehmenden Kritik der Logik des Tractatus führten: Je nach Anwendungsgebiet muss es verschiedene Logiken geben. Die Logik kann auch nicht empirisch gerechtfertigt werden, sondern wird konventionell festgesetzt. Durch Gespräche Waismanns mit Carnap führte dies zur Auffassung einer pragmatischen Wahl logischer Systeme (Carnaps "Toleranzprinzip"). Bezüglich Position (3) wurde Waismanns Auffassung von Begriffen als einem System von Hypothesen in ihrem historischen Kontext (Wiener Kreis, Wittgenstein) rekonstruiert. Demnach ist ein Begriff ein System von Hypothesen oder Regeln, durch die verschiedene Bereiche der Erfahrung verbunden werden. Begriffe als solche Systeme bleiben aber immer offen gegenüber Erfahrungen, die in diesem System von Hypothesen nicht berücksichtigt wurden; daher die prinzipielle Offenheit der Begriffe ("open texture"). Die genannten Positionen stellten eine substantielle Revision der Auffassungen von Logik, von allgemeinen Sätzen, sowie von Begriffen dar.
- Universität Wien
- Universität Graz
- David Marian, Universität Graz , nationale:r Kooperationspartner:in
Research Output
- 11 Publikationen
- 9 Disseminationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2024
Titel Carnap and Neurath as Critics of the Tractatus; In: Ways of the Scientific World-Conception. Rudolf Carnap and Otto Neurath DOI 10.1163/9789004680203_012 Typ Book Chapter Verlag BRILL -
2021
Titel Introduction DOI 10.4324/9781315650647-1 Typ Book Chapter Autor Limbeck-Lilienau C Verlag Taylor & Francis Seiten 1-11 -
2023
Titel Wittgenstein, Carnap and Waismann on the Nature of Logical Syntax Typ Conference Proceeding Abstract Autor Christoph Konferenz 44. International Wittgenstein Symposium, Kirchberg (Austria) Seiten 408-415 Link Publikation -
2022
Titel Review: Cheryl Misak, Frank Ramsey: A Sheer Excess of Powers. Oxford: Oxford University Press 2020. 544 pp. ISBN: 978-0198755357 DOI 10.1007/978-3-030-93687-7_24 Typ Book Chapter Autor Limbeck-Lilienau C Verlag Springer Nature Seiten 409-412 -
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Titel Arthur Pap in Vienna and the Criticism of Logical Empiricism Typ Journal Article Autor Christoph Limbeck-Lilienau Journal Grazer Philosophische Studien Link Publikation -
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Titel Ramsey, Pragmatism, and the Vienna Circle Typ Other Autor Christoph Limbeck-Lilienau Link Publikation -
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Titel Waismann and the Origin of Open Texture Typ Other Autor Christoph Limbeck-Lilienau Link Publikation -
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Titel The Vienna Circle. Carnap's Years in Vienna and Prague (1926-1935); In: Carnap Handbuch Typ Book Chapter Autor Christoph Limbeck-Lilienau Verlag Metzler Verlag -
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Titel Carnap über Strukturen; In: Carnap Handbuch Typ Book Chapter Autor Georg Schiemer Verlag Metzler Verlag -
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Titel Carnap und Wittgenstein; In: Carnap Handbuch Typ Book Chapter Autor Christoph Limbeck-Lilienau Verlag Metzler Verlag -
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Titel The Road to Tolerance. Wittgenstein, Waismann and Carnap on the Nature of Logical Syntax Typ Other Autor Christoph Limbeck-Lilienau Link Publikation
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2024
Titel Conference presentation Typ A talk or presentation -
2021
Link
Titel Conference presentation Typ A talk or presentation Link Link -
2023
Titel Workshop Presentation Typ A talk or presentation -
2023
Titel Organisation of and participation in a Reading Group on the History of Analytic Philosophy at the University of Graz Typ A formal working group, expert panel or dialogue -
2021
Titel Participation in a Reading Group on Pragmatism (University of Toronto) Typ A formal working group, expert panel or dialogue -
2022
Link
Titel Conference presentation Typ A talk or presentation Link Link -
2023
Link
Titel Conference presentation and workshop Typ A talk or presentation Link Link -
2022
Titel A presentation and discussion on Carnap in an undergraduate class (University of Toronto) Typ A talk or presentation -
2022
Link
Titel Conference presentation Typ A talk or presentation Link Link
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2023
Titel Invitation as a speaker to the International Conference "The Vienna Circle - History and Legacy" (University of Vienna) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2022
Titel Workshop on my work on Pragmatism and Logical Empiricism Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2021
Titel Invitation for a talk in the lecture series of the "Logic & Philosophy of Science Group" (University of Toronto) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country)