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Die Naturalisierung der Bedeutung

Naturalizing Meaning

Christoph Limbeck-Lilienau (ORCID: 0000-0002-2799-0687)
  • Grant-DOI 10.55776/J4502
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.2021
  • Projektende 30.04.2024
  • Bewilligungssumme 167.390 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Logical Empiricism, Ramsey, Russell, Meaning, Representation, Intentionality

Abstract Endbericht

Das Projekt widmet sich der Frage, wie naturalistische und pragmatistische Tendenzen in der analytischen Philosophie der 1920er Jahre die Positionen des Wiener Kreises prägten. Zentraler Fokus ist dabei der Einfluss von Bertrand Russells und Frank Ramseys naturalistischen und pragmatistischen Auffassungen von Bedeutung, Repräsentation und Propositionen auf den Wiener Kreis. In der zentralen Phase des Wiener Kreises um 1930 wurde zunehmend Wittgensteins Tractatus und seine Abbildtheorie der Bedeutung einer Kritik unterzogen. Wittgenstein stand in Cambridge in engem Kontakt mit Ramsey, der schon früh wesentliche Aspekte der Abbildtheorie kritisiert hatte. Auch mit einzelnen Mitgliedern des Wiener Kreises (Waismann, Schlick, Carnap) diskutierte Wittgenstein über die Probleme seiner ursprünglichen Theorie. Ab 1930 wurde im Wiener Kreis zunehmend ein Ersatz für Wittgensteins ursprüngliche Theorie der Bedeutung gesucht. Da Carnap und Neurath eine neue Form des Naturalismus vertraten, den Physikalismus, so wurden auch naturalistische Theorien der Bedeutung und der Repräsentation für diese Mitglieder des Kreises attraktiv. Eine zentrale Hypothese des Projekts ist es, dass Russells naturalistische Auffassung von Propositionen (Russell 1919), seine Formulierung einer kausalen Theorie der Bedeutung (Russell 1921), Ramseys vom Pragmatismus geprägte Erfolgssemantik (Ramsey 1927) sowie die im Behaviorismus formulierten kausalen Theorien sprachlicher Bedeutung eine wesentliche Rolle spielten, als man um 1930 im Wiener Kreis neue Bedeutungstheorien formulierte. Ein wichtiger Vorteil der genannten Theorien Russells und Ramseys war insbesondere, dass sie mit dem Naturalismus der Physikalisten kompatibel waren. Das Projekt stellt sich die Aufgabe die Rolle dieser Theorien Russells und Ramseys bei den von den logischen Empiristen entwickelten kausalen Theorien und Gebrauchstheorien der Bedeutung aufzuzeigen. Es werden im Rahmen des Projekts neue Archivquellen erschlossen, um die Diskussionen zwischen Wittgenstein und Ramsey, Wittgenstein und Waismann sowie deren Einfluss auf die Mitglieder des Wiener Kreises zu rekonstruieren. Hierbei wird besonders die Rolle von Waismann als Vermittler zwischen den Positionen in Cambridge und Wien, sowie seine Rolle als Impulsgeber für neue theoretische Ansätze hervorgehoben. In einem ersten Schritt wird im Projekt untersucht, aufgrund welcher Argumente Wittgensteins Abbildtheorie gegen Ende der 1920er Jahre im Wiener Kreis zunehmend aufgegeben wurde. Dann werden die im Kreis diskutierten Optionen für eine neue Bedeutungstheorie untersucht, insbesondere Neuraths und Carnaps Überlegungen zu einer kausalen Theorie der Bedeutung im Rahmen des Physikalismus, Waismanns Präferenz für eine Gebrauchstheorie der Bedeutung sowie für eine linguistisch neu formulierte Theorie der Intentionalität. Diese theoretische Auseinandersetzung wird in Beziehung zu gegenwärtigen naturalistischen Theorien der Bedeutung und der Repräsentation gestellt.

Ausgehend von Russells und Ramseys Philosophie der 1920er Jahren untersuchte das Projekt die Auswirkung naturalistischer Theorien (Russell 1919, 1921, 1927) und pragmatischer Theorien (Ramsey 1927, 1931) von Bedeutung, Satz und Begriff auf den Wiener Kreis. Die Kernthese des Projekts ist, dass diese Theorien wesentlich die Auffassung von Bedeutung, Satz, Begriff und Grammatik im Wiener Kreis prägten. Diesbezüglich untersuchte das Projekt besonders den Austausch und die Gespräche Wittgensteins mit Frank Ramsey einerseits und mit Friedrich Waismann andererseits. Es wurde im Besonderen der enge Zusammenhang der Philosophie des mittleren Wittgenstein (1929-36), des späten Ramsey (1928-29) und des frühen Waismann (ab 1929) hervorgehoben und aus Archivquellen rekonstruiert. Der Austausch zwischen diesen Philosophen führte auch zu einer substanziellen Re-orientierung im Wiener Kreis selbst. Diese bestand in einer Reihe von neuen Positionen: einem Finitismus in der Philosophie der Mathematik, der Auffassung von Hypothesen als (Ableitungs-)Regeln und der Auffassung der Syntax einer Sprache als ein frei wählbares rein formales Kalkül. Das Projekt stellte dar, wie sich diese Positionen entwickelten und den Wiener Kreis ab 1930 prägten. Im Fokus stand dabei Waismann als Bindeglied zwischen England und dem Wiener Kreis. Durch ihn wurden die genannten Positionen intensiv im Wiener Kreis diskutiert. Diese Diskussionen führten (1) zu einer instrumentalistischen Auffassung von Naturgesetzen als Hypothesen; (2) zur Auffassung der Syntax einer Sprache, sowie der Logik, als ein frei nach pragmatischen Überlegungen wählbares Kalkül; (3) zur Auffassung der Porosität von Begriffen ("open texture"), i.e. zu Ansicht, dass die meisten unserer Begriffe ein Art Unvollständigkeit besitzen. Es wurde aufgezeigt, wie diese Konsequenzen im Wiener Kreis sichtbar wurden, so insbesondere Position (1) bei Schlick, Position (2) bei Carnap und Position (3) bei Waismann. Bezüglich Position (1) wurde untersucht, wie die Auffassung von Hypothesen als Regeln unmittelbar aus dem Finitismus Wittgensteins und Ramseys folgte. Bei Position (2) wurde gezeigt, wie der intellektuelle Austausch zwischen Ramsey, Wittgenstein und Waismann zu einer zunehmenden Kritik der Logik des Tractatus führten: Je nach Anwendungsgebiet muss es verschiedene Logiken geben. Die Logik kann auch nicht empirisch gerechtfertigt werden, sondern wird konventionell festgesetzt. Durch Gespräche Waismanns mit Carnap führte dies zur Auffassung einer pragmatischen Wahl logischer Systeme (Carnaps "Toleranzprinzip"). Bezüglich Position (3) wurde Waismanns Auffassung von Begriffen als einem System von Hypothesen in ihrem historischen Kontext (Wiener Kreis, Wittgenstein) rekonstruiert. Demnach ist ein Begriff ein System von Hypothesen oder Regeln, durch die verschiedene Bereiche der Erfahrung verbunden werden. Begriffe als solche Systeme bleiben aber immer offen gegenüber Erfahrungen, die in diesem System von Hypothesen nicht berücksichtigt wurden; daher die prinzipielle Offenheit der Begriffe ("open texture"). Die genannten Positionen stellten eine substantielle Revision der Auffassungen von Logik, von allgemeinen Sätzen, sowie von Begriffen dar.

Nationale Projektbeteiligte
  • David Marian, Universität Graz , nationale:r Kooperationspartner:in

Research Output

  • 11 Publikationen
  • 9 Disseminationen
  • 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2022
    Titel Review: Cheryl Misak, Frank Ramsey: A Sheer Excess of Powers. Oxford: Oxford University Press 2020. 544 pp. ISBN: 978-0198755357
    DOI 10.1007/978-3-030-93687-7_24
    Typ Book Chapter
    Autor Limbeck-Lilienau C
    Verlag Springer Nature
    Seiten 409-412
  • 2023
    Titel Wittgenstein, Carnap and Waismann on the Nature of Logical Syntax
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Christoph
    Konferenz 44. International Wittgenstein Symposium, Kirchberg (Austria)
    Seiten 408-415
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Carnap and Neurath as Critics of the Tractatus; In: Ways of the Scientific World-Conception. Rudolf Carnap and Otto Neurath
    DOI 10.1163/9789004680203_012
    Typ Book Chapter
    Verlag BRILL
  • 2021
    Titel Introduction
    DOI 10.4324/9781315650647-1
    Typ Book Chapter
    Autor Limbeck-Lilienau C
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 1-11
  • 0
    Titel Ramsey, Pragmatism, and the Vienna Circle
    Typ Other
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Link Publikation
  • 0
    Titel Arthur Pap in Vienna and the Criticism of Logical Empiricism
    Typ Journal Article
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Journal Grazer Philosophische Studien
    Link Publikation
  • 0
    Titel Waismann and the Origin of Open Texture
    Typ Other
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Link Publikation
  • 0
    Titel The Road to Tolerance. Wittgenstein, Waismann and Carnap on the Nature of Logical Syntax
    Typ Other
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Link Publikation
  • 0
    Titel Carnap und Wittgenstein; In: Carnap Handbuch
    Typ Book Chapter
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Verlag Metzler Verlag
  • 0
    Titel Carnap über Strukturen; In: Carnap Handbuch
    Typ Book Chapter
    Autor Georg Schiemer
    Verlag Metzler Verlag
  • 0
    Titel The Vienna Circle. Carnap's Years in Vienna and Prague (1926-1935); In: Carnap Handbuch
    Typ Book Chapter
    Autor Christoph Limbeck-Lilienau
    Verlag Metzler Verlag
Disseminationen
  • 2023 Link
    Titel Conference presentation and workshop
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2021
    Titel Participation in a Reading Group on Pragmatism (University of Toronto)
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2021 Link
    Titel Conference presentation
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2023
    Titel Workshop Presentation
    Typ A talk or presentation
  • 2022 Link
    Titel Conference presentation
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2022
    Titel A presentation and discussion on Carnap in an undergraduate class (University of Toronto)
    Typ A talk or presentation
  • 2022 Link
    Titel Conference presentation
    Typ A talk or presentation
    Link Link
  • 2023
    Titel Organisation of and participation in a Reading Group on the History of Analytic Philosophy at the University of Graz
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2024
    Titel Conference presentation
    Typ A talk or presentation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2023
    Titel Invitation as a speaker to the International Conference "The Vienna Circle - History and Legacy" (University of Vienna)
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2022
    Titel Workshop on my work on Pragmatism and Logical Empiricism
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)
  • 2021
    Titel Invitation for a talk in the lecture series of the "Logic & Philosophy of Science Group" (University of Toronto)
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Regional (any country)

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