ARROFUNC Untersuchung der Funktion von Pfeilspitzen
ARROWFUNC Revisiting the function of arrowheads
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (5%); Biologie (5%); Chemie (5%); Geschichte, Archäologie (85%)
Keywords
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Neolithic,
Lithic Arrowheads,
Near East,
Southeast
Die Entstehung des Ackerbaus im Nahen Osten und seine westliche Ausbreitung nach Südosteuropa stellen entscheidende wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen dar, die zur Gründung der ersten Dorfgemeinschaften führten. Geschlagene Steinwerkzeuge sind beständige Artefakte, deren Funktion unmittelbar auf Aktivitäten der Menschen in der Vergangenheit, einschließlich ihrer Subsistenzstrategien, schließen lassen. Als Ackerbau und Viehzucht in den Lebensmittelpunkt rückten, tauchten neue Haushaltswerkzeuge auf, die wichtige Erkenntnisse darüber liefern, wie technische Innovationen die Gestaltung und Entwicklung dieser neuen Lebensweise beeinflussten. Pfeilspitzen, die traditionell den Lebensstil mobiler Jäger und Sammler widerspiegeln, werden im Neolithikum weiterhin hergestellt, obwohl die Jagd im Gegensatz zur Viehzucht nun eine geringere Rolle spielt, wie es im Nahen Osten, in Anatolien und in der Ägäis der Fall ist. Das ARROWFUNC-Projekt hat das Ziel, die Funktion von Pfeilspitzen in den ersten bäuerlichen Gemeinschaften vom Nahen Osten bis nach Südosteuropa zu bewerten, indem es sich mit der Frage der Jagd im Zeitraum vom 10. bis zum 6. Jahrtausend v. Chr. beschäftigt. Zum ersten Mal wird ein einheitlicher methodischer Ansatz, der technologische und hochmoderne Gebrauchsspurenanalysen umfasst, verfolgt, bei dem Datensätzen aus wichtigen archäologischen Siedlungen in Jordanien, der Türkei, Griechenland und Serbien, darunter zwei UNESCO-Welterbestätten, integriert werden. Das ARROWFUNC-Projekt ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das archäologische und anthropologische Studien der materiellen Kultur, technologische und mikroskopische Analysen sowie zooarchäologische und bioarchäologische Ansätze umfasst. Diese unterschiedlichen Daten werden gemeinsam betrachtet, umsowichtige DiskussionenzurEntstehung von nahrungsmittelproduzierenden Ökonomien, regionale Identitäten, kulturelle Affinitäten und die Rolle der Symbolik in neolithischen Gesellschaften zu untersuchen. Ein ausgedehntes Forschungsprojekt zu neolithischen Pfeilspitzen wird wichtige Ergebnisse hinsichtlich der gemischten/koexistierenden Ökonomien am Beginn der landwirtschaftlichen Nutzung und in Bezug auf die soziale Komplexität liefern. In einem der weltweit renommiertesten Labors für Gebrauchsspurenanalysen in Barcelona (beim Spanischen Nationalen Forschungsrat) und mit der Rückkehrphase an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wird ARROWFUNC neue theoretische Konzepte erforschen und damit zu Interpretationen bezüglich der Produktion und Funktion von Steinwerkzeugen im Neolithikum beitragen, indem es sich mit dem Transfer von Innovationen und sich verändernden kulturellen Traditionen in den Gebieten zwischen dem Nahen Osten und Europa beschäftigt.
Der Übergang von Jagen und Sammeln zur Landwirtschaft zählt zu den bedeutendsten Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Zwischen dem 10. und 6. Jahrtausend v. Chr. begannen Gemeinschaften in Südwestasien und Südosteuuropa mit Ackerbau, Viehzucht und dauerhaften Siedlungen, während die Jagd allmählich an Bedeutung verlor. Dennoch blieb ein Werkzeug aus der Zeit der Jäger und Sammler weiterhin weit verbreitet: die geschlagene Pfeilspitze. Obwohl traditionell mit mobilen Jäger- und Sammlergruppen verbunden, wurden diese Werkzeuge auch im Neolithikum hergestellt und genutzt. Das Projekt ARROWFUNC untersuchte dieses scheinbare Paradox: Behielten Pfeilspitzen ihre ursprüngliche Funktion bei, oder wurden sie in den bäuerlichen Gesellschaften neu definiert? Mithilfe einer hochauflösenden mikroskopischen Gebrauchsspurenanalyse - darunter konfokale Mikroskopie und zerstörungsfreie Analyse an Silikonabgüssen - wurden rund 500 Werkzeuge aus einem weiten geo-chronologischen Raum untersucht. Ergänzend dazu wurden technologische Studien zur Rekonstruktion der Herstellung und Nutzung (chane opératoire) durchgeführt, insbesondere zur Produktion und Instandhaltung der Geräte. In Südwestasien - einschließlich des südlichen und nördlichen Levante sowie Obermesopotamiens (heutiges Jordanien, Syrien und die Türkei) - zeigte sich, dass geschlagene Pfeilspitzen, abgesehen von ihrer primären Nutzung als Waffen (bestätigt durch diagnostische Aufprallspuren), häufig recycelt und für alltägliche Tätigkeiten wie Schneiden, Schaben oder Bohren umfunktioniert wurden. Diese Werkzeuge dienten somit auch als "Haushaltsgeräte" und waren nicht ausschließlich für die Jagd bestimmt. Trotz ökologischer und wirtschaftlicher Unterschiede ließen sich überregionale Wiederverwendungsmuster erkennen. Diese Praktiken zeigen, wie neolithische Gemeinschaften bekannte Technologien mit Innovationen verbanden und den vielseitigen Einsatz sorgfältig gefertigter Werkzeuge schätzten, um den Anforderungen veränderter Lebensweisen gerecht zu werden. Das Projekt trägt somit zu einem besseren Verständnis der Umstellung früher Gemeinschaften auf neue Versorgungsstrategien und soziale Strukturen in Südwestasien bei. In Westanatolien und Nordwestgriechenland - Schlüsselregionen für die Ausbreitung der Landwirtschaft nach Europa - zeigten sich hingegen andere Muster. Kleine Pfeilspitzen und geometrische Mikrolithen (z.B. Trapeze) wurden regional unterschiedlich eingesetzt, was auf verschiedene technologische Entwicklungen und die Ausbildung regionaler Identitäten hinweist. Im zentralen Balkan (mit Fallstudien aus dem heutigen Serbien) fiel das Fehlen von Pfeilspitzen und Mikrolithen im 6. Jahrtausend v. Chr. auf. Daher wurde der Fokus auf andere Werkzeugtypen erweitert, was neue Erkenntnisse über lokale Strategien in Subsistenz und Handwerk während der Ausbreitung neolithischer Lebensweisen in Europa lieferte. Insgesamt zeigen die Ergebnisse von ARROWFUNC, dass Pfeilspitzen keine starren Symbole der Vergangenheit waren, sondern vielseitige Werkzeuge, die in dynamische sozioökonomische Systeme eingebettet waren. Das Projekt bietet eine neue Perspektive auf technologische Entscheidungsprozesse in einer der prägendsten Epochen der Menschheitsgeschichte.
Research Output
- 14 Zitationen
- 10 Publikationen
- 1 Policies
- 2 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel Strategies of Obsidian Procurement, Knapping and Use in the First Farming Societies: From the Caucasus to the Mediterranean Typ Book Autor Vinet Alice Verlag Austrian Academy of Sciences Press -
2024
Titel Chipped stones of Bucova Pusta IV; In: Stone Age without Stones. The Early Neolithic Site of Bucova Pusta IV in northwestern Banat (Romania). Archaeology in Banat I. Typ Book Chapter Autor Bogdana Milic Verlag Tübingen University Press Seiten 337-353 -
2025
Titel Unveiling Neolithic Economic Behavior: A Novel Approach to Chert Procurement at ukuriçi Höyük, Western Anatolia. DOI 10.1007/s10816-024-09681-6 Typ Journal Article Autor Brandl M Journal Journal of archaeological method and theory Seiten 16 -
2025
Titel Fresh light on Balkan prehistory: highlights from Svinjarička Čuka (Serbia) DOI 10.15184/aqy.2025.34 Typ Journal Article Autor Bulatović A Journal Antiquity -
2025
Titel The lacustrine settlement of Dispilio (Lake Kastoria, Northern Greece): An approach to economic and craft activities through a functional study of lithic tools DOI 10.1016/j.jasrep.2025.105091 Typ Journal Article Autor Gibaja J Journal Journal of Archaeological Science: Reports -
2022
Titel Towards Understanding the Early Neolithic in the Zagros Mountains: Results of New Investigations of the Austro-Iranian Team in Ilam Province; In: Tracking the Neolithic in the Near East: Lithic Perspectives on Its Origins, Development and Dispersals Typ Book Chapter Autor Bogdana Milic Verlag Sidestone Press Seiten 561-574 -
2022
Titel Interpreting Chipped Stone Assemblages of the Neolithic in Western Anatolia - A Conceptual View; In: Lithic studies: Anatolia and beyond Typ Book Chapter Autor Bogdana Milic Verlag Oxford Seiten 139-149 -
2023
Titel ARCHAEOLOGICAL AND ANALYTICAL INVESTIGATION OF A NEW NEOLITHIC SITE IN WESTERN ANATOLIA: EKI HÖYÜK (DENIZLI, TURKEY) DOI 10.5281/zenodo.7604940 Typ Journal Article Autor Dedeoğlu F Link Publikation -
2022
Titel A Precarious Future: Reflections from a Survey of Early Career Researchers in Archaeology DOI 10.1017/eaa.2022.41 Typ Journal Article Autor Brami M Journal European Journal of Archaeology Seiten 226-250 Link Publikation -
2022
Titel New Multi-disciplinary Data from the Neolithic in Serbia. The 2019 and 2021 Excavations at Svinjaricka Cuka DOI 10.1553/archaeologia106s255 Typ Journal Article Autor Horejs B Journal Archaeologia Austriaca Seiten 255-317 Link Publikation
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2023
Titel Contribution to archaeological training and heritage interpretation practices Typ Influenced training of practitioners or researchers
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2024
Titel Guest editor (executive editor of the special issue) in the JAS Reports Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Invited speaker in the FORTHEM ALLIANCE bootcamp (Horizon 2020) Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2024
Titel Marie Skłodowska-Curie Postdoctoral Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2024 Geldgeber European Commission