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Die Legitimität von religiösen humanitären Organisationen

Legitimacy of Faith-Based Humanitarian Organizations

Zeynep Sezgin (ORCID: 0000-0002-5800-3373)
  • Grant-DOI 10.55776/M1440
  • Förderprogramm Lise Meitner
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2013
  • Projektende 30.06.2017
  • Bewilligungssumme 133.360 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (20%); Soziologie (20%); Wirtschaftswissenschaften (60%)

Keywords

    Faith-based organizations, Austria, Humanitarian organizations, Germany, Legitimacy, Pakistan

Abstract Endbericht

Die Koordinierung humanitärer Maßnahmen hat angesichts der wachsenden Anzahl und Intensität von humanitären Krisen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Um humanitäre Bedürfnisse effektiv befriedigen zu können, bedarf es des Engagements und der Kompetenz aller beteiligten Akteure, einschließlich religiöser Organisationen, deren Funktion und Leistungsfähigkeit vom Grad ihrer Legitimität beeinflusst wird. Allerdings hat sich keine der bisher vorliegenden Studien zu religiösen humanitären Organisationen einer systematischen oder empirischen Untersuchung der Legitimität dieser Organisationen gewidmet. Die öffentliche Diskussion um diese Organisationen beschränkt sich derweil nach wie vor auf Einzelfälle und ist von Missverständnissen und Vorurteilen geprägt. Angesichts dieser Forschungslücke wird dieses Forschungsprojekt zum einen untersuchen, ob und inwieweit diese Organisationen als legitim wahrgenommen werden, und zwar sowohl in den Ländern, in denen sie ihren Hauptsitz haben, als auch in jenen Ländern, in denen sie humanitäre Hilfe leisten. Zum anderen wird untersucht, was religiöse humanitäre Organisationen unterschiedlichen Typs unternehmen, um sich Legitimität zu verschaffen oder diese zu erhalten. Die zentrale Hypothese dieses Forschungsprojekts lautet, dass es religiösen humanitären Organisationen in Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung der gleichen Religion angehört wie die Mitglieder der jeweiligen Organisation, leichter gelingt, sich Legitimität zu verschaffen und diese zu erhalten. Des Weiteren wird angenommen, dass diese Organisationen sich den Interessen der Geber unterordnen, die gegensätzlichen Interessen anderer Akteure in ihrem Umfeld jedoch manipulieren oder sich über sie hinwegsetzen. Zur Überprüfung dieser Hypothesen wird sich dieses Forschungsprojekt auf den Ressourcenabhängigkeitsansatz, den Neoinstitutionalismus, die Transnationalismusforschung und die Verbändeforschung stützen. Es werden sechs religiöse Organisationen verglichen, die ihren Hauptsitz in Österreich bzw. Deutschland haben und in Pakistan humanitäre Hilfe leisten. Im Einzelnen handelt es sich dabei um eine christliche Organisation in Österreich (Caritas Österreich) und ihr Pendant in Deutschland (Deutscher Caritasverband), eine muslimische Organisation in Österreich (Muslime Helfen Österreich) und ihr Pendant in Deutschland (Muslime Helfen Deutschland) sowie eine muslimische Migrantenorganisation in Österreich (Islamische Föderation) und ihr Pendant in Deutschland (Islamische Glaubensgemeinschaft Mill Görüs). Die gemeinsame Betrachtung von Österreich, Deutschland und Pakistan eignet sich besonders gut zur Klärung der Frage, ob christliche und muslimische humanitäre Organisationen in Ländern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung muslimischen bzw. christlichen Glaubens ist, mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert werden. In Österreich und Deutschland, wo das Christentum die vorherrschende Religion ist, bestehen sehr ähnliche Chancenstrukturen für christliche humanitäre Organisationen; die Haltung der Bundesregierungen der beiden Länder gegenüber muslimischen Organisationen ist jedoch sehr unterschiedlich. In Pakistan, einem muslimischen, von andauernden humanitären Krisen geplagten Land, sind christliche humanitäre Organisationen mit Legitimitationsproblemen konfrontiert. Bei der Datenerhebung wird sich dieses Forschungsprojekt zum einen auf Sekundärliteratur stützen und zum anderen auf Tiefeninterviews mit Vertretern und Mitgliedern der Organisationen, staatlicher Behörden, klassischer humanitärer Nichtregierungsorganisationen, UN-Organisationen und der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung sowie mit Kooperationspartnern vor Ort und Empfängern von humanitärer Hilfe in Pakistan.

Humanitäre NGOs mit religiösem Hintergrund (Faith-based humanitarian NGOs) sind oft in transnationale Zusammenhänge eingebettet. Caritas, Muslime Helfen (MH) und die Islamische Gemeinschaft Mill Görü? (IGMG) zum Beispiel, die als Fallstudien für diese Projekt ausgewählt wurden, haben ihren Hauptsitz in Ländern des Globalen Nordens, leisten ihre humanitäre Hilfe jedoch in verschiedenen Krisengebieten im Globalen Süden. In diesen unterschiedlichen Kontexten werden humanitäre NGOs mit religiösem Hintergrund mit komplexen und bisweilen widersprüchlichen religiösen und säkularen Erwartungen verschiedener Akteure konfrontiert und in ihrer Arbeit beeinflusst. Diese Erwartungen kommen nicht nur von Seiten ihrer Mitarbeiter, den freiwilligen Helfern, Geldgebern und Behörden in den Ländern des Globalen Nordens, in denen sie ihren Hauptsitz haben, sondern auch von den Behörden, Hilfsempfängern und Durchführungspartnern in den Ländern des Globalen Südens, in denen sie humanitäre Hilfe leisten.Humanitäre NGOs mit religiösem Hintergrund reagieren zudem aktiv und strategisch auf solcherlei Erwartungen, um ihre Finanzierung zu sichern, Zugang zu hilfsbedürftigen Menschen zu erlangen und ihre Mitarbeiter in den Krisengebieten zu schützen. Entsprechend ihrer Organisationsinteressen vereinen humanitäre NGOs mit religiösem Hintergrund im Zuge ihrer humanitären Arbeit sowohl religiöse als auch säkulare Elemente, indem sie bestimmte normative (institutionalisierte Handlungsskripte, wie etwa die traditionellen humanitären Prinzipien), regulatorische (Aktivitäten unter Einhaltung nationaler und internationaler Gesetze) und kognitive (die kognitive Fähigkeit, im Sinne der erklärten Mission zu handeln, mit dem Ziel durch Wissen, Fähigkeiten und Fachexpertise der Mitarbeiter Zugang zu Menschen in Not zu erlagen) sowie ergebnisorientierte Strategien (die Fähigkeit, den Stakeholdern zu demonstrieren, dass die Mission der Organisation umgesetzt wurde, beispielsweise mittels Transparenz und erfolgreicher Kommunikationsstrukturen) verwenden. In diesem Zusammenhang kann religiöse Motivation, die nach wie vor verschiedene Aspekte humanitärer Hilfe beeinflusst (z. B. die thematisch und geografisch spezifische Bereitstellung von Hilfe oder die Auswahl der Durchführungspartner) als rationale Entscheidung gelten, da das Überleben solcher Organisationen oft von der finanziellen Unterstützung ihrer konservativ religiösen Geberbasis abhängt. Die empirischen Forschungsergebnisse hierzu zeigen, dass das Maß, in dem eine Organisation säkular oder religiös ist, je nach (transnationalem) Kontext verschieden ist und oft auf pragmatischen Entscheidungen beruht, mit denen die Organisationen ihre Legitimität steigern um ihre Ressourcen aufzustocken und dadurch ihre Überlebenschancen zu erhöhen Humanitäre NGOs mit religiösem Hintergrund arbeiten in vielen Fällen anders als traditionelle humanitäre Organisationen und nicht notwendigerweise gemäß den humanitären Leitprinzipien der Unparteilichkeit (unabhängig von Nationalität, Rasse, Ethnie, Glauben, Geschlecht, Klasse oder politischen Ansichten; Priorisierung der bedürftigsten Fälle), der Neutralität (Unparteilichkeit in Kampfhandlungen; keine Einmischung in politische, rassenbezogene, religiöse oder ideologische Debatten in den Krisengebieten; Nichtbevorzugung der einen oder anderen Seite in Konflikten oder Auseinandersetzungen) und der Unabhängigkeit (Bewahrung der Autonomie von Geldgebern). Das humanitäre Prinzip also die grundsätzliche Motivation, Bedürftigen zu helfen ist nach wie vor das verbindende Element von humanitären NGOs mit religiösem Hintergrund und traditionellen humanitären Akteuren, wenn auch nur in einer minimalistischen Art und Weise. Hier deuten die Forschungsergebnisse darauf hin, dass sich das System der humanitären Hilfe zunehmend fragmentiert, was sich in erheblichem Maße auf die Legitimität, Stabilität und Leistungsfähigkeit humanitärer Hilfe auswirkt.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 27 Zitationen
  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 2016
    Titel Conclusion: Divergence or Convergence.
    Typ Book Chapter
    Autor Dijkzeul D
  • 2014
    Titel Turkish Migrant Organisations after the 2011 Van Earthquake: Member Interests versus Humanitarian Principles
    DOI 10.1080/13600818.2013.875136
    Typ Journal Article
    Autor Sezgin Z
    Journal Oxford Development Studies
    Seiten 19-37
  • 2013
    Titel Bridging Diverse Expectations in Germany and Pakistan: The Transnational Legitimization Strategies of Caritas.
    Typ Book Chapter
    Autor M. Maletzky
  • 2014
    Titel Islamic Migrant Organizations: Little-Studied Actors in Humanitarian Action
    DOI 10.1111/imre.12061
    Typ Journal Article
    Autor Rosenow-Williams K
    Journal International Migration Review
    Seiten 324-353
  • 2016
    Titel Introduction: New Humanitarians Getting Old?
    Typ Book Chapter
    Autor Sezgin Z
  • 2016
    Titel Diaspora Humanitarianism: Implications for the Humanitarian Action in Syria and Neighbouring Countries.
    Typ Book Chapter
    Autor Sezgin Z
  • 2013
    Titel Migrant Organisations in Humanitarian Action
    DOI 10.1007/s12134-013-0273-9
    Typ Journal Article
    Autor Sezgin Z
    Journal Journal of International Migration and Integration
    Seiten 159-177
  • 0
    Titel The New Humanitarians in International Practice: Emerging Actors and Contested Principles.
    Typ Other
    Autor Dijkzeul D

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