Frauenstimmen in mittelalterlichen Artes Dictandi und Sammlungen von Musterbriefen
Women’s Voices in Medieval Artes Dictandi and Model Letter Collections
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (25%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%)
Keywords
-
Model Letters,
Women'S/Gendered Voices,
Thematic Census,
Manuscripts,
Stylistic Analysis,
Digital Editing
Der Schwerpunkt dieser Forschungsarbeit ist die weibliche Figur in den mittelalterlichen Musterbriefen. Das Ausarbeitungsziel ist die Vorbereitung eines thematischen Zensus über die von und für Frauen geschriebenen Musterbriefe, die sich in mittelalterlichen brieflichen Handbüchern und Lehrsammlungen befinden, welche vom 12. bis zum 14. Jahrhundert teils veröffentlicht und teils nicht veröffentlicht wurden. Die Forschung der Handschriften sollte in Österreichischen Büchereien geleitet werden, insbesonders in der Österreichischen Nationalbibliothek, die eine der reichsten Bibliotheken weltweit darstellt und die das briefliche Quellmaterial gut erhält. Der Spielplan gibt eine theoretische Einführung mit, die Vorgaben für die Anwendung der weiblichen Briefe wie eine Methode/Weg für die Erforschung der weiblichen Geschichte in der mittelalterlichen Gesellschaftzur Verfügung stellt. Mittelalterliche Handbücherüber Briefrechtschreibung und die Sammlung von Lehrbriefen wurden von Rhetorikspezialisten zu bestimmten praktischen Zwecken erschaffen, als Muster, um echte Briefe zu schreiben. Der davon gewonnene Zensus erlaubt einem zu bestimmen, von welchen Briefen die Frauen im Mittelalter besonders Gebrauch machten, entsprechend ihrem Stand/Status in der mittelalterlichen Gesellschaft (in Hofstaaten, Städten, Klostern). Folglich verbessert dies unsere Kenntnis über die Gestalung der weiblichen Gesellschaft (Familie, Körper, Ehe) und ihrer Tätigkeit (Kraft, Aushandlung, Selbstständigkeit, Freiheit). Zudem führt eine stilistische Auswertung der für oder von Frauen geschriebenen mittelalterlichen Musterbriefe dazu, den Entwicklungsprozess der literarischen und sozialen Frauenstimmen vom 12. bis zum 14. Jahrhundert zu verstehen. Das Project, welches an der Universität Wien unter der Leitung von Christina Lutter durchgeführt wird, gliedert sich in drei Phasen. Zuerst werde ich die Frauenstimmen in herausgegebenen Brieftextenerforschen (ca. 130). Die zweite Phase wird über die Recherche von Handschriften durchgeführt, teilweise in Bibliotheken, die die Briefstücke bewahren und zwar jene Stücke, die im von Emil J. Polak (2015) vorbereiteten Katalog für die Österreichische Nationalbibliothek (8 ausgewählt) gekennzeichnet wurden. Der Schwerpunkt der dritten Phase ist die soziale, statistische und stilistische Auswertung des Zensus. Zur Enwicklung meiner Forschungsarbeit werde ich folgende Methoden benutzen: Paläographie, Kodikologie, Textanalyse, statistische Untersuchung, stilistische Analyse und Digitalbearbeitungen. Die geschlechtsspezifische Schätzung schließt keine besondere Erforschung über von Frauen und für Frauen geschriebene mittelalterliche Briefe ein, im Sinne der Kollektion und Analyse von Angaben und Daten. Das Projekt sollte diese Forschungslücke durch einen Katalog mit einer einführungsstudie ausfüllen, welche in Form eines ausgedruckten Buches sowie als digitale Veröffentlichung herausgebracht werden soll. Die vorgebrachten Ergebnisse werden als Startzeichen eines Langzeitplans gesehen, dessen Ziel es ist, einen Katalog vorzubereiten, der von und für Frauen geschriebene Musterbriefe sowohl mit bearbeiteten als auch nicht bearbeiteten Brieftexten enthält.
Das Ziel des Forschungsprojektes war es, den historischen Wert von Musterbriefen zu analysieren, die von Frauen geschickt und empfangen wurden. Diese Musterbriefe waren in mittelalterlichen Brieftraktaten und didaktischen Sammlungen enthalten. Gegenstand meiner Untersuchung war eine umfassende Untersuchung edierten und unedierten Materials im Zeitraum vom 12. bis 14. Jahrhundert. In der Vergangenheit interpretierten Historiker*innen zwar Briefe als wesentliche Quellen der Frauen- und Geschlechtergeschichte; sie vernachlässigten dabei aber Musterbriefe fast vollständig. Die "fiktiven" Stimmen von Frauen, die in Musterbriefen repräsentiert sind, sollte in meinem Projekt als bedeutungsvolle komplementäre Quelle für geschlechtergeschichtliche Fragestellungen berücksichtigt werden. Meister der Rhetorik, die damals professionelle Briefschreiber waren, kreierten mittelalterliche Handbücher des Briefeschreibens und didaktische Briefsammlungen für spezifische praktische Zwecke. Solche Musterbücher wurden ihrerseits als Vorlage für das Schreiben von Briefen verwendet. Tatsächlich ergänzen Musterbriefe in mittelalterlichen Handschriften die meist archivalisch überlieferten Informationen aus Briefen und tragen auf diese Weise viel zu unserem Wissen über unterschiedliche Typen von Frauenbriefen bei, die nicht aufgezeichnet oder aufgehoben wurden, weil man ihnen keine besondere Bedeutung zumaß. Ein aussagekräftiges Beispiel dafür sind etwa Musterbriefe zwischen Müttern und ihren Kindern, die während des Studiums fern von zu Hause lebten. Sie gehören zu den am häufigsten Briefformen unter den erforschten Musterbriefen. Musterbriefe enthüllen aber nicht nur vernachlässigte Formen von Briefschreibepraktiken von Frauen. Sie sind auch das intellektuelle Produkt von Rhetorikmeistern, die Vorstellungen von Geschlecht (Gender) in unterschiedlichen Formen reproduzieren. Die umfangreichen rhetorischen Kompositionen von Liebes-Musterbriefen liefern zudem relevante Hinweise auf die zentrale Rolle, die Liebesbriefschreibepraktiken im Mittelalter hatten. Sie zeigen auch die Bedeutung, die Rhetorikmeister der emotionalen brieflichen Kommunikation von Frauen gaben und dürften damit auch jene mittelalterlichen Gender-Stereotypen reflektieren, die - gespeist von aus medizinischen und Rechtstraditionen - von einer besonderen Verbindung zwischen Emotionalität und Weiblichkeit ausgehen. Drei umfangreiche Forschungsartikel und ein umfassendes Quellenrepertorium dokumentieren die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit, die im Rahmen des Lise Meitner Projekts durchgeführt wurde. Die Artikel zeigen Perspektiven und praktische Beispiele für die Verwendung von Musterbrief-Sammlungen als bedeutende Quelle, um die Geschichte sowohl von Frauen als auch von Gender zu studieren. Das Repertorium umfasst rund 500 vollständige oder fragmentarisch überlieferte Musterbriefe, die von Frauen gesendet oder empfangen wurden und die eine weite geografisch differenzierte Verbreitung rhetorischer Formen der Briefliteratur von und an Frauen in Europa zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert belegen. Nahezu 80% des Materials ist bereits ediert; 20% ist nicht oder nur teilweise ediert. Die Musterbriefe werden in einer online Datenbank zugänglich gemacht ("Frauenstimmen in mittelalterlichen Artes Dictandi und Musterbrief-Sammlungen"), die vom Centro di Ateneo per le biblioteche "Roberto Pettorino" an der Universität von Neapel Federico II betreut wird und so eine wichtige Basis für künftige Forschungsarbeiten darstellen, aber mittelfristig auch einer breiteren, interessierten Öffentlichkeitzur Verfügung stehen wird.
- Universität Wien - 100%
- Lucie Dolezalova, Charles University Prague - Tschechien
Research Output
- 1 Zitationen
- 1 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2019
Titel „No Man is a Woman“: Studying Gender Constructions and Women’s Voices in Medieval Artes Dictandi and Model Letter Collections DOI 10.7767/miog.2019.127.2.334 Typ Journal Article Autor Battista F Journal Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung Seiten 334-357
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2019
Titel 2020 Parergon Early Career Committee Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International