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Ins koloniale Archiv hören

Listening to the Colonial Archive

Anette Hoffmann (ORCID: 0000-0002-3794-0667)
  • Grant-DOI 10.55776/M2231
  • Förderprogramm Lise Meitner
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.2017
  • Projektende 29.02.2020
  • Bewilligungssumme 162.180 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)

Keywords

    Sound Recordings, Subaltern Studies, Colonial Archive, Critique, Representation, Imperial Knowledge Production

Abstract Endbericht

Ausführende Forscherin: Dr. Anette Hoffmann In Kooperation mit Prof. Dr. Ruth Sonderegger und der Akademie der bildenden Künste, Wien Wissenschaftliche Erforschungen kolonisierter Gebiete und Menschen haben enorme Archive und Objektsammlungen hinterlassen. Die Erforschten selbst bleiben in diesen kolonialen Archiven meist stumm. Sie wurden zumeist bildlich und schriftlich aus der Perspektive von Forschenden, Reisenden, Missionaren und Kolonialbeamten repräsentiert. Die Problematik des Kolonialarchivs als oftmals einziger Quelle der europäischen Wissensproduktion im Allgemeinen und der (kolonialen) Geschichtsschreibung im Besonderen, wird dem entsprechend seit einigen Jahren diskutiert. Bislang jedoch wurden historische Stimmaufnahmen, die seit dem Ende des 19.. Jahrhunderts zur Erforschung von Sprachen und Kulturen produziert und archiviert wurden, in diese Diskussion kaum einbezogen. Die Vernachlässigung der zahlreichen Sammlungen von Stimmaufaufnahmen verzerrt nicht nur unser Verständnis des kolonialen Archivs, sondern übergeht auch bedeutende akustische Quellen. Mit Sprach- und Gesangsaufnahmen gelangten kritische Kommentare zur europäischen Forschungspraxis und zum Zeitgeschehen von Sprecher_innen aus kolonisierten Regionen in europäische Archive, wo sie oftmals jedoch nicht einmal übersetzt wurden. Diese erst kürzlich digitalisierten Aufnahmen eignen sich ganz besonders als Quellen zur Untersuchung von rassistischen Forschungspraktiken, denn auf diese Weise werden zumeist erstmals gesprochenen Kommentare der Untersuchten mit einbezogen. Das Forschungsprojekt Ins koloniale Archiv hören untersucht Stimmaufnahmen aus einem Konvolut von 350 sprachwissenschaftlichen Aufnahmen mit afrikanischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges. Diese Aufnahmen des Berliner Lautarchivs sind ein Teilergebnis eines großangelegten Forschungsprojektes zur Erfassung aller in deutschen Kriegsgefangenenlagern gesprochenen Sprachen (1915-18). Die systematische Vorgehensweise dieses Forschungsprojekts und ihre Dokumentation erlauben die Untersuchung der frühen wissenschaftlichen Aufnahmepraxis. Die Aufnahmen selbst fördern erstaunliche Kommentare, Erzählungen und Verbindungen zu anderen Archiven zutage: So führt die akustische Spur eines Sprechers beispielsweise direkt zu anthropologischen Forschungen an Kriegsgefangenen in Rumänien. Ein senegalesische Sprecher teilt mit, dass er nicht dorthin deportiert werden möchte, und kann mithilfe der (nur) akustisch dokumentierten Aussage in den archivierten Aufzeichnungen österreichischer Anthropologen in Wien aufgefunden werden. Diese und andere Beispiele zeigen den Stellenwert akustischer Sammlungen bei der Auffindung ansonsten marginalisierter Kommentare. Das Projekt analysiert 70 bereits übersetzte Aufnahmen in sieben afrikanischen Sprachen. Es untersucht deren Genres und Inhalte im Zusammenhang mit und im Kontrast zu zeitgenössischen bildlichen und schriftlichen Repräsentationen von kriegsgefangenen Afrikanern. Anette Hoffmann entwickelt seit einigen Jahren Methoden der Analyse von Tondokumenten, die in diesem Projekt exemplarisch umgesetzt werden. Die erstmalige Übersetzung und Interpretation der Tonaufnahmen afrikanischer Kriegsgefangener stellt außerdem bisher nicht bekannte historische Quellen zu Erfahrungen von afrikanischen Kolonialsoldaten im Lager vor, und zeigt damit das immense, bisher nicht berücksichtige Potential historischer Tonaufnahmen für die Dokumentation zeitgenössischer Kolonialkritik.

Das Forschungsprojekt "Ins koloniale Archiv hören" hat sprachwissenschaftlichen Aufnahmen mit afrikanischen Kriegsgefangenen des Berliner Lautarchivs als Geschichtsquellen untersucht. Diese Aufnahmen, die während des Ersten Weltkriegs gemacht wurden, eignen sich als Quellen zur Untersuchung von rassistischen Forschungspraktiken, da die schriftliche Dokumentation der Aufnahmen die Annahmen und Praktiken der Linguisten dokumentiert. Gleichzeitig geben die gesprochenen Kommentare der Gefangenen Aufschluss über deren Situation im Lager. Mithilfe von close listening und der Zusammenführung von Dokumenten aus sehr unterschiedlichen Archiven, in denen sich Spuren der Sprecher fanden, wird es möglich die Ausbeutung der Sprecher als "Forschungsobjekte" der kolonialen Wissenschaft, aber auch als Darsteller in Völkerschauen in Deutschland, als Sprachassistenten an der Universität Hamburg, und als Modelle für deutsche Künstler genauer zu beschreiben. Doch sprechen die Tonaufnahmen auch vom Krieg, von der Rekrutierung afrikanischer Soldaten für die Schlachtfelder in Europa, und von kolonialer Geschichte in den jeweiligen Herkunftsländern. Am Beispiel der historischen Tonaufnahmen wird der Stellenwert akustischer Sammlungen bei der Auffindung ansonsten marginalisierter Kommentare gezeigt. Für close listening ist die enge Zusammenarbeit mit ÜbersetzerInnen und ExpertInnen (in diesem Fall) aus Afrika unabdingbar, um die Genres und Inhalte der historischen Aufnahmen zu analysieren. Erst aus dem genauen Zuhören ergibt sich der Kontrast der Tonaufnahmen zu den rassistischen Forschungs - und Abbildungspraktiken, denen die Gefangenen ausgeliefert waren. In mehreren bereits publizierten Artikeln, einer Monografie, die im kommenden Jahr erscheinen wird, sowie mit kuratorischen Arbeiten (siehe https://anettehoffmann.com) zeigt Hoffmann in sehr detaillierten Studien zu spezifischen Aufnahmen, das bisher nicht berücksichtige Potential historischer Tonaufnahmen für die Dokumentation zeitgenössischer Kolonialkritik.

Forschungsstätte(n)
  • Akademie der bildenden Künste Wien - 100%

Research Output

  • 2 Publikationen
  • 4 Künstlerischer Output
Publikationen
  • 2019
    Titel Museumsethnologie - Eine Einfuhrung: Theorien - Debatten - Praktiken
    Typ Book
    Autor Ahrndt Wiebke
    Verlag Dietrich Reimer
  • 2018
    Titel Handbuch Sound: Geschichte - Begriffe - Ansatze
    Typ Book
    Autor Morat Daniel
    Verlag Springer-Verlag Berlin and Heidelberg GmbH & Co. KG
Künstlerischer Output
  • 2019
    Titel Sound Installation "Foreign Subjects "
    Typ Artwork
  • 2019
    Titel Der Krieg und die Grammatik.Mohamed Nur: Ton- und Bildspuren aus dem Kolonialarchiv October 23. 2019 - February 15. 2020
    Typ Artistic/Creative Exhibition
  • 2019
    Titel Sound Installation "Die Kette"
    Typ Artwork
  • 2018
    Titel "Kanaje's Critique"
    Typ Artwork

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