Der Stellenwert der forensischen Wissenschaft in Österreich
On the application of forensic science in Austria
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (40%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (20%); Soziologie (40%)
Keywords
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Forensic Research Culture,
Communication,
Evaluative Reporting,
Physical Traces
Die Forensische Wissenschaft (FW) beschäftigt sich mit Methoden zur Sammlung, Analyse und Auswertung von Spuren, die durch kriminelle Aktivität entstanden sind. An dieser Definition wird der interdisziplinäre Charakter der FW deutlich, der dazu führt, dass sie meistens nur als Zusammenschluss verschiedener Disziplinen wahrgenommen wird. Diese Trennung in verschiedene Fachbereiche (z.B. forensische Chemie oder Biologie) verursacht einen Mangel an eigenständiger disziplinärer Identität, was weltweit immer wieder zu Zweifeln an der Disziplin führt. Eine unzureichende Kommunikation zwischen den AkteurInnen der FW verschärft die Situation und führt zu Misstrauen gegenüber forensischen Methoden. Angesichts dessen ist Forschung dringend notwendig, um den Stellenwert der FW zu stärken und die Kommunikation zu verbessern. Das European Network for Forensic Science Institutes (ENFSI) veröffentlichte in diesem Sinne Richtlinien betreffend die Aufbereitung forensischer Erkenntnisse und empfahl die Anwendung von anerkannten und einheitlichen statistischen Methoden. Mehrere europäische Länder unter ihnen Österreich zeigten sich jedoch zurückhaltend gegenüber diesem Vorschlag und skeptisch gegenüber der Notwendigkeit der Weiterentwicklung der FW. Ziel des Projektes ist es, der Stellenwert und Anwendung der forensischen Wissenschaft in Österreich zu studieren und verstehen, v.a. hinsichtlich DNA, Fingerspuren und Handschriften. Neben dem Studium einschlägiger Literatur sind daher auch Umfragen sowie Interviews und Beobachtung von Gerichtsprozessen mit forensischen ExpertInnen, ErmittlerInnen und Justizangehörigen geplant. Dies soll eine bessere Einschätzung der Stärken und Schwächen der praktischen Anwendung der FW in Österreich erlauben. In diesem Kontext wird auch das Potential einer Implementierung der ENFSI- Richtlinien beleuchtet werden. Die Ergebnisse sollen zu Optimierungsvorschlägen für die Anwendung der FW in der österreichischen Praxis führen. Österreich erscheint für die Durchführung dieser Studie besonders interessant, weil wenn die resultierenden Optimierungsvorschläge von einem eher skeptischen Land wie Österreich positiv aufgenommen und vielleicht sogar umgesetzt werden, könnten sie in der Folge auch Vorbildcharakter für andere Länder entfalten, was zurzeit sehr benötigt wird. Zudem ist diese grundlegende Forschungsarbeit im Bereich der FW die erste auf akademischer Ebene in Österreich seit Gross Pionier der Disziplin in den 1900er Jahren was Impulse für die weitere Entwicklung der Disziplin (z.B. die Gründungeines Studiengangs in FW) in der österreichischen Wissenschaftslandschaft geben wird.
Ziel des vorgeschlagenen Projektes war es, der Stellenwert und Anwendung der forensischen Wissenschaft in Österreich zu studieren. Im Mittelpunkt der Forschung stand die Identifizierung aktueller Stärken und Schwächen der (inter)persönlichen Kommunikation im Hinblick auf die Verwendung und Auswertung physischer Spuren (z.B. DNA, Fingerspuren...) durch die österreichischen Akteure der Forensik (d.h. Ermittler, forensische Experte, Justizmitarbeiter). Durch praxisorientierte Maßnahmen zur Anwendung der Forensik und zur Auswertung von Tatortspuren wurde als Hauptfolge dieser Forschung eine Verbesserung der Kommunikation zwischen den forensischen Experten und den Vertretern der Justiz erwartet. Die Entscheidung, sich auf Österreich zu konzentrieren, wurde aus zwei Hauptgründen getroffen. Erstens, da Österreich dank Hans Gross eine der Wiegen der forensischen Wissenschaft ist, war es historisch interessant, die Situation mehr als ein Jahrhundert nach der Arbeit dieses Pioniers zu untersuchen. Darüber hinaus konnte nach sorgfältiger Beobachtung und Untersuchung des österreichischen Systems während meines ersten Postdoc Forschungsprojektes festgestellt werden, dass in Österreich keine vollständige Ausbildung im Bereich der Forensik auf akademischem Niveau angeboten wird und dass sich kein Forschungs- und Entwicklungsinstitut auf der forensischen Wissenschaft konzentriert. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die forensische Wissenschaft in Österreich hauptsächlich in einer hierarchischen und konservativen polizeilichen Struktur angesiedelt ist. Die notwendigen Strukturen zur Untersuchung der oben genannten Fragen fehlen und es erschien daher sinnvoll, ein Forschungsprojekt darüber vorzuschlagen. Ich habe das Projekt jedoch nur etwa fünf Monate lang durchführen können, da ich es zwei Mal vorübergehend unterbrochen habe um internationale und nationale praktische Erfahrungen im Bereich der Forensik zu gewinnen. Ich habe nämlich die Möglichkeit bekommen, drei Monate lang für die United Nations on Drugs and Crime im Bereich der Tatortarbeit und acht Monate lang im Büro Tatort des Bundeskriminalamtes (.BK) zu arbeiten, bevor mir anfangs 2019 vom .BK eine Stelle als forensische Expertin angeboten wurde. Ich nahm dieses Angebot an und musste daher das FWF Postdoc Projekt endgültig unterbrechen. In meiner jetzigen Stelle beim .BK verfolge ich eigentlich die Ziele meines FWF Forschungsprojektes weiter, indem ich Änderungen in den eigentlichen Arbeitsprozessen vorschlage und versuche, die Entwicklung von Forschungsprojekten im Bereich der Forensik zu fördern. Ich hoffe, dass meine Bemühungen mittelfristig zur Schaffung eines wissenschaftlichen Instituts führen werden, das sich der Bildung, Forschung und Entwicklung im Bereich der Forensik widmet und in Zusammenarbeit mit der Polizei arbeitet, wie es bereits in anderen europäischen Ländern (z.B. Schweiz, Holland, Schweden) etabliert ist.
- Universität Wien - 100%