Überlebende des Widerstands im Nachkriegseuropa
Survivors of the Resistance in Post-war Europe
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (85%)
Keywords
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Transnational Vergangenheitsbewältigung,
Victim's and Veterans' Associations,
Cold War,
Survivors of Nazi Persecution
Die Rolle, die die Erinnerungspolitik der ehemaligen NS-Verfolgten in der Nachkriegszeit spielte, ist in den letzten Jahren auf wachsendes Interesse der geschichtswissenschaftlichen Forschunggestoßen. ImZentrum stehen dabei jedochnationale Aspekte. Grenzüberschreitende Aktivitäten der ehemaligen Verfolgten undihrevielfältigen internationalen Kontakte sind relativ wenig untersucht worden, obwohl sie zu den wenigen Akteuren während des Kalten Krieges mit Verbindungen nach Ost und West zählten. In dieses Desiderat stößt das Projekt vor, indem es am Beispiel der kommunistischen InternationalenFöderation derWiderstandskämpfer (FIR),des bedeutendsten internationalen Verfolgtenverbands, die transnationalen Erinnerungen der Verfolgten untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei das Widerstandsgedächtnis, das nach 1945 die Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa dominierte. Die These der transnational memory studies, die von einer transnationalen Verflechtung der Erinnerungskulturen erst seit den 1980er Jahren ausgeht, soll kritisch überprüft und ein Beitrag zur Debatte um eine gemeinsame europäische Erinnerung geleistet werden. Welche Rolle spielte die FIR in den europäischen Erinnerungsdiskursen? Existierte ein transnationales, europäisches Widerstandsgedächtnis? Welche Haltung nahmen die kommunistischen Verfolgten zur Holocaust-Erinnerung, zu den jüdischen Überlebenden und zu Israel ein? Welche Rolle spielten die Widerstandsmitglieder in ausgewählten Konflikten des Kalten Kriegs, wie etwa der Auseinandersetzung um die deutsche Remilitarisierung? Welche Rolle spielte die Erinnerung in diesen Konflikten, den Verjährungsdebatten und den Kampagnen umEntschädigung? Erinnerten die meistvon Männern dominierten Verfolgtenverbände an die Teilnahme von Frauen am Widerstand? Welche Rolle spielte die Verfolgung der Juden im Gedächtnis der FIR? Wie reagierte die FIR auf die Herausforderung des Widerstandsgedächtnisses durch das seit etwa 1979 aufkommende Shoah-Gedenken im Westen? Zentraler Ansatz ist das kulturwissenschaftliche Konzept der Transnationalität, mit dem nach der Herstellung von wechselseitigen, die nationalstaatlichen Grenzen überschreitenden Verbindungen, Verflechtungen und Bezügen zwischen den Erinnerungskulturen gefragt wird Mit diskursanalytischen Methoden wird der Sprachgebrauch, den die Überlebenden zur Verständigung über die Vergangenheit nutzten, untersucht. So lassen sich die Wandlungen der Erinnerung und des Vergessens, das untrennbar zum Erinnern gehört, detailliert nachvollziehen. Die Verbindung von Diskursanalyse mit der Untersuchung der Erinnerung soll neue methodische Impulse für die historische Gedächtnisforschung liefern.
Dr. Maximilian Becker Überlebende des Widerstands im Nachkriegseuropa Europäische Vernetzungen und transnationale Erinnerungsgemeinschaften Ehemalige Verfolgte des Nationalsozialismus spielten in der Nachkriegszeit eine wichtige politische, soziale und kulturelle Rolle. Es waren vor allem die Überlebenden der Verfolgung - in erster Linie ehemalige politische Häftlinge sowie Angehörige des Widerstands - und ihre zahlreichen Organisationen, die für die Rechte der Überlebenden, für die Erinnerung an Widerstand und Konzentrationslager, für eine Aufklärung der Öffentlichkeit und besonders der nachwachsenden Generationen über die NS-Verbrechen und für eine Bestrafung der Verantwortlichen eintraten. Überlebende waren zudem auf beiden Seiten in den Kampagnen des Kalten Krieges engagiert und setzten sich früh mit dem Rechtsextremismus auseinander. Die Überlebenden waren dabei grenzüberschreitend aktiv und zählten zu den Akteuren im Kalten Krieg mit Verbindungen nach Ost und West. Das Projekt untersucht am Beispiel der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), des bedeutendsten internationalen Verfolgtenverbands, diese transnationalen Verbindungen und Aktivitäten. Beginnend 1946/47 mit der Gründung der Internationalen Föderation ehemaliger politischer Gefangener (FIAPP), aus der 1951 die FIR hervorging, zeichnet das Projekt die Geschichte der Überlebenden bis zum Ende des Kalten Krieges nach. In der FIR waren Verbände ehemaliger politischer Deportierter, jüdischer Überlebender, von Partisanen und Angehörigen des Widerstands vereint. Mit Mitgliedsorganisationen in Ost und West sowie Israel verband die FIR Überlebende über den "Eisernen Vorhang" hinweg. Von Kommunisten dominiert, bezog die FIAPP/FIR in den Auseinandersetzungen des Kalten Krieges regelmäßig Partei für den Ostblock. Das Projekt fragt danach, wer die Funktionäre und Mitglieder der FIR waren. Welche Rolle spielten Frauen und jüdische Überlebende? Gefragt wird auch nach den vielfältigen Aktivitäten der FIR auf politischem, kulturellem und sozialem Gebiet sowie nach den Konflikten mit antikommunistischen Überlebendenverbänden. Im Mittelpunkt steht dabei das Widerstandsgedächtnis, das nach 1945 die Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa dominierte. Welche Rolle spielte die FIR in den europäischen Erinnerungsdiskursen? Existierte ein transnationales, europäisches Widerstandsgedächtnis? Welche Haltung nahmen die kommunistischen Verfolgten zur Holocaust-Erinnerung, zu den jüdischen Überlebenden und zu Israel ein? Welche Rolle spielten die Widerstandsmitglieder in ausgewählten Konflikten des Kalten Krieges, wie etwa der Auseinandersetzung um die deutsche Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren? Welche Rolle spielte die Erinnerung in diesen Konflikten, den Verjährungsdebatten und den Kampagnen um Entschädigung? Darüber hinaus wird das Engagement Überlebender gegen rechtsradikale Gruppen und in der Friedensbewegung untersucht, das teilweise durch ihre Erfahrungen in Widerstand oder KZ motiviert war. Auf diese Weise wird ein umfassendes Bild der Geschichte ehemals politisch Verfolgter und Widerstandsangehöriger im Kalten Krieg gezeichnet.
Research Output
- 4 Publikationen
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2024
Titel Antifaschismus und Kalter Krieg: Die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer in Nachkriegseuropa DOI 10.46500/83535650 Typ Book Autor Becker M Verlag Wallstein Verlag -
2020
Titel Beyond Camps and Forced Labour, Proceedings of the Sixth International Conference DOI 10.1007/978-3-030-56391-2 Typ Book editors Bardgett S, Schmidt C, Stone D Verlag Springer Nature -
2020
Titel Tales of Antifascism: International Survivors’ Organizations during the Cold War DOI 10.1163/22116257-09010009 Typ Journal Article Autor Becker M Journal Fascism Seiten 244-271 Link Publikation -
2022
Titel Die Internationale Foderation der Widerstandskampfer im Kalten Krieg; In: Organisiertes Gedächtnis. Kollektive Aktivitäten von Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen Typ Book Chapter Autor Becker Seiten 544-583