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Brentano und der epistemische Status des Mentalen

On the epistemic status of the mental,starting from Brentano

Andrea Marchesi (ORCID: 0000-0003-0277-802X)
  • Grant-DOI 10.55776/M2831
  • Förderprogramm Lise Meitner
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2020
  • Projektende 30.11.2020
  • Bewilligungssumme 159.340 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Mind, Knowledge, Perception, Williamson, Epistemic Transparency, Brentano

Abstract Endbericht

In der Neuzeit gab es, ausgehend von Descartes, eine starke Strömung, die annimmt, dass die Urteile, die unsere Geisteszustände begleiten, unfehlbar (oder zumindest immer korrigierbar) sind. Timothy Williamson spricht in diesem Zusammenhang von der These der mentalen Leuchtkraft mentaler Zustände. Es ist diese Leuchtkraft, die es ermöglichen soll, dass wir immer ohne Beobachtung wissen, in welchem mentalen Zustand wir uns gerade befinden. Das vorliegende Projekt beschäftigt sich mit den Einwänden, die Williamson und andere zeitgenössische Philosophen, wie z.B. Eric Schwitzgebel, gegen diese These vorgebracht haben. Aufgrund dieser Einwände hat sich in der Erkenntnistheorie zuletzt die Ansicht durchgesetzt, dass auch sogenannte phänomenale Selbstbeschreibungen fehlbar sind, also z.B. die Beschreibung eines sinnlichen Erlebnisses, das beim Hören, Sehen oder Schmecken auftritt. Aber ist diese Ansicht wirklich überzeugend? Das vorliegende Projekt sammelt Gründe, die es sinnvoll erscheinen lassen, die These von der Leuchtkraft mentaler Zustände nicht zu schnell aufzugeben. Die Gründe dafür sind zweierlei. Erstens ist immer noch nicht vollkommen klar, was ein Anspruch auf unfehlbare Selbsterkenntnis genau bedeutet. Der zweite Grund ist, dass noch lange nicht alle Ressourcen ausgeschöpft wurden, um die Widerstandsfähigkeit dieser These zu testen. Deshalb widmet sich das vorliegende Projekt dem österreichischen Philosophen und Psychologen Franz Brentano (1838-1917), der ein expliziter Anhänger der kartesischen Position war. Aus Sicht von Brentano lässt sich die metaphorische These von der mentalen Leuchtkraft wie folgt verstehen: Innere Wahrnehmung ist so selbstverständlich, dass sie keiner weiteren Begründung bedarf. Ziel des Projekts ist es, diese von Brentano vorgeschlagene Verteidigung der kartesischen Position auf ihre Tragfähigkeit hin zu untersuchen.

Das Forschungsprojekt zielte darauf ab, die Plausibilität der traditionellen, d.h. cartesianischen Auffassung des Mentalen, nach der der Bereich des Mentalen einen besonderen epistemischen Status hat, zu bewerten. Genauer gesagt, zielte das Projekt darauf ab, Franz Brentanos (cartesianische) Auffassung der inneren Wahrnehmung zu untersuchen und zu sehen, ob diese Auffassung gegen zeitgenössische Kritik verteidigt werden kann. Zwei Achsen des Projekts wurden entwickelt. Eine systematische Untersuchung von Brentanos Auffassung des Mentalen-genauer gesagt, eine systematische Untersuchung von Brentanos These, dass wir immer wissen, in welchem mentalen Zustand wir uns gerade befinden-und die kritische Beurteilung von Timothy Williamsons Anti-luminosity Argument. In einem ersten Schritt wurde eine Rekonstruktion von Brentanos Theorie verteidigt, die sich wesentlich von derjenigen unterscheidet, die in letzter Zeit die meiste Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Rekonstruktion besagt, dass innere Wahrnehmung ein realer Teil des mentalen Phänomens, auf das sie sich bezieht, ist. Zweitens wurde zu zeigen versucht, dass Williamsons Argument sich auf einen nicht näher spezifizierten Begriff der Empfindung stützt und dass ein Großteil seiner dialektischen Stärke von diesem Begriff der Empfindung abhängt. Werden Empfindungen in intentionalistischen Begriffen aufgefasst, verliert das Anti-luminosity Argument seine Kraft. Wichtig ist, dass eine intentionalistische Auffassung von Empfindungen sowohl bei Brentano als auch bei Descartes zu finden ist. Deshalb wird gezeigt, dass der Antiluminist aus Sicht des Intentionalisten in ein auswegloses Dilemma gerät: Entweder kann sein Argument gar nicht richtig starten oder es führt nicht zu dem gewünschten Schluss. Dieses Ergebnis ist für die Philosophiegeschichte ebenso wichtig wie für die systematische Philosophie des Geistes. Durch die Anwendung der Methode der rationalen Rekonstruktion gelangt das Projekt zu einer Interpretation von Brentano, die exegetisch genauer ist als die anderen verfügbaren Interpretationen. Systematisch betrachtet macht diese Analyse Brentanos Theorie der inneren Wahrnehmung interessant für die Entwicklung einer "higher-order" Theorie des Bewusstseins. Was die Kritik an Williamsons Anti-luminosity Argument betrifft, so ist daran bemerkenswert, dass sie vom Standpunkt der Philosophie des Geistes erfolgt, und nicht wie bisher üblich vom Standpunkt der Erkenntnistheorie. Ein Großteil der Debatte über Williamsons Argument konzentriert sich auf die Annahmen über die Natur der Erkenntnis-insbesondere auf die Sicherheitseinschränkung, die er dieser auferlegt. Im Unterschied dazu richtet sich die in diesem Projekt entwickelte Kritik gegen den darin verwendeten Begriff der Empfindung.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%

Research Output

  • 4 Zitationen
  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2021
    Titel A heterodox defense of the actualist higher-order thought theory
    DOI 10.1007/s11098-021-01726-w
    Typ Journal Article
    Autor Marchesi A
    Journal Philosophical Studies
    Seiten 1715-1737
    Link Publikation
  • 2021
    Titel A radical relationist solution to the problem of intentional inexistence
    DOI 10.1007/s11229-021-03126-3
    Typ Journal Article
    Autor Marchesi A
    Journal Synthese
    Seiten 7509-7534
    Link Publikation
  • 2021
    Titel A Systematic Reconstruction of Brentano’s Theory of Consciousness
    DOI 10.1007/s11245-020-09737-8
    Typ Journal Article
    Autor Marchesi A
    Journal Topoi
    Seiten 123-132
    Link Publikation
  • 2021
    Titel A radical relationist solution to the problem of intentional inexistence
    Typ Journal Article
    Autor Andrea Marchesi
    Journal Synthese

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