Franz Brentanos Theorie der intentionalen Inexistenz
Franz Brentano’s theory of intentional inexistence
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Franz Brentano,
Consciousness,
Intentional Inexistence,
Philosophy of Mind,
Phenomenology,
Intentionality
Dieses Projekt thematisiert Franz Brentanos (1838-1917) Theorie intentionaler Inexistenz, die in der analytischen Philosophie und in der Phänomenologie kontrovers diskutiert wird. In seiner Psychologie vom empirischen Standpunkte (1874) vertritt Brentano die These, dass das hervorstechendste Merkmal eines mentalen Phänomens seine Gerichtetheit auf ein Objekt ist. Daher können wir die Subjektivität einer Erfahrung nur verstehen, wenn wir seine immanente Objektivität verstehen. Wenn ein Subjekt ein rotes Objekt sieht, müssen wir nicht nur zwischen dem Subjekt und seiner Seherfahrung unterscheiden, sondern auch zwischen dem Akt des Sehens und dem roten Objekt, das gesehen wird. Außerdem können wir fragen, ob das Objekt wirklich rot ist, oder ob es bloß als rot erscheint. Die These der intentionalen Inexistenz lautet: Ein Objekt, das einem Subjekt als rot erscheint, ist auf gewisse Weise im Akt des Sehens enthalten. Eine Theorie intentionaler Inexistenz muss erklären, wie das Enthaltensein des Objekts im mentalen Akt zu verstehen ist. Brentano beschäftigt sich mit diesem Problem nicht bloß in seiner Psychologie, sondern auch in früheren und späteren Schriften. Zur Entwicklung von Brentanos Theorie gibt es in der Forschung verschiedene Positionen. Versteht Brentano unter der immanenten Objektivität mentaler Phänomene immer dasselbe oder liefert er in verschiedenen Texten verschiedene Theorien? Entwickelt Brentano eine Theorie intentionaler Inexistenz, die ihn nicht auf die Annahme von Objekten verpflichtet, deren ontologischer Status unklar ist? Das vorliegende Projekt nähert sich diesen Fragen sowohl exegetisch als auch systematisch an: Es gibt zweifelsohne mehr als eine widerspruchsfreie Interpretation von Brentanos Texten. Unser wichtigstes Ziel ist zu zeigen, dass Brentanos Schriften zur intentionalen Inexistenz zwar so verstanden werden können, dass sich Brentano ontologisch auf ein Reich intentionaler Objekte verpflichtet; dass es aber andererseits eine Deutungsmöglichkeit gibt, nach der der Ausdruck intentionale Inexistenz ontologisch neutral ist. Aus systematischer Sicht ist die letztere Interpretation zu bevorzugen. Wir empfehlen daher, Brentanos Theorie ontologisch neutral zu lesen. Das Projekt besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil gibt einen Überblick über die divergierenden aktuellen Deutungen zu Brentanos Theorie intentionaler Inexistenz. Der zweite Teil konfrontiert diese Interpretationen mit den Texten Brentanos zur intentionalen Inexistenz. Wir konzentrieren uns dabei auf die Texte von 1874-1904. Denn diese Phase ist entscheidend dafür, ob man Brentano (i) eine ontologisch sich verpflichtende oder (ii) eine ontologisch neutrale Haltung zuschreibt. Die Vorlage einer kritischen Edition von Brentanos Texten zur intentionalen Inexistenz soll schließlich beweisen, dass Brentanos Texte mit den Sichtweisen (i) und (ii) vereinbar sind. Eine Entscheidung zwischen den beiden Deutungsmöglichkeiten sollte nur auf dem Fundament systematischer Gründe getroffen werden.
Brentanos Theorie der intentionalen Inexistenz Das Projekt handelte von der frühen Intentionalitätstheorie beim österreichischen Philosophen Franz Brentano (1838-1917). Unter "Intentionalität" oder "intentionaler Inexistenz" versteht man sowohl die Gerichtetheit des Bewusstseins auf ein Objekt als auch das 'Enthaltensein' des Objekts im Akt des Bewusstseins. Zum Beispiel: Wenn eine Person einen Vogel sieht, dann bezieht sich ihre visuelle Wahrnehmung auf den Vogel. Außerdem enthält dieser psychische Akt den Vogel als ein intentionales Objekt auch dann, wenn der Vogel nicht wahrgenommen, sondern nur vorgestellt wird. In der philosophischen Debatte wird daher die Frage diskutiert, inwiefern solche intentionalen Objekte im Bewusstseinsakt existieren können. Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Deswegen haben wir uns zuerst mit den divergierenden aktuellen Deutungen von Brentanos Theorie der intentionalen Inexistenz beschäftigt und dann diese Positionen mit einigen, überwiegend unveröffentlichten Texten Brentanos zur intentionalen Inexistenz verglichen. Dabei haben wir uns besonders auf Brentanos Texte von 1874-1904 konzentriert. Eine kritische Edition mit einigen unveröffentlichten Manuskripten von Brentano ist derzeit in der Publikationsvorbereitung. Auf Basis des Projekts und der untersuchten, zu publizierenden Manuskripte kann es nun als gesichert gelten, dass man Brentanos Theorie intentionaler Inexistenz nicht sinnvoll verstehen kann, ohne seine Sprachtheorie verstanden zu haben. Dies stellt nicht nur einen philosophiehistorischen Fortschritt für das Verständnis von Brentanos Theorie dar. Vielmehr lässt sich diese Erkenntnis verallgemeinern und systematisch fruchtbar machen für ein besseres Verständnis des Bewusstseins. Die Implikationen dieser These sind nicht nur in der Philosophie des Geistes bedeutsam, sondern auch für eng angrenzende Debatten. Zu diesen gehören beispielsweise Fragen zur Möglichkeit eines Gruppenbewusstseins ("Wir-Intentionalität"), von Künstlicher Intelligenz ("Können Computer denken?") oder von Fiktionstheorien ("Welchen Status haben fiktive Figuren, auf die wir gemeinsam Bezug nehmen?").
- Universität Salzburg - 100%
Research Output
- 4 Publikationen
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2020
Titel Ist alles Psychische bewusst und intentional? Brentanos These und Searles Kritik Typ Journal Article Autor Marques De Carvalho Journal Brentano-Studien. Internationales Jahrbuch der Franz-Brentano-Forschung Seiten 99-116 Link Publikation -
2021
Titel SEARLE E OS DESAFIOS DA INTELIGNCIA ARTIFICIAL (IA) FORTE Typ Journal Article Autor Joelma Marques De Carvalho Journal REVISTA REFLEXÕES Seiten 1-16 -
2021
Titel Die Erkenntnis psychischer Phänomene bei Brentano Typ Journal Article Autor Brandl Journal Revista de Filosofia Moderna e Contemporânea Seiten 51-77 Link Publikation -
2021
Titel A anlise mereolgica dos objetos intencionais em Brentano Typ Journal Article Autor Marques De Carvalho Journal Revista de Filosofia Aurora Seiten 261-278 Link Publikation