Selbstdarstellung in spätantiken Briefkorpora
Self-Fashioning in Late-Antique Epistolary Corpora
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Philosophie, Ethik, Religion (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
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Epistolography,
Late Antiquity,
Self-Fashioning,
Patristics
Briefsammlungen stellen unglaublich reiche Quellen für Fragen von Autorenpraktiken und Selbstdarstellungsstrategien dar, sie sind aber ebenso wichtig für die Ausarbeitung von Mikrogeschichten. In diesem Zusammenhang ist die Briefsammlung Isidors von Pelousion ein höchstinteressantes, jedoch fast unerforschtes Fallbeispiel. Isidors Briefkorpus enthält ca. 2000 Briefe, die in einer reichen handschriftlichen Tradition und in mehreren Handschriftkulturen bezeugt sind. In diesem Forschungsprojekt werden Isidors Briefe analysiert, mit dem Ziel eine Darstellung seiner Autorenpersona aus drei Perspektiven und im Dialog mit einer Auswahl von Addressaten zu rekonstruieren: die für Isidors Selbstdarstellung benutzte rhetorische Sprache; die Vernetzungsstrategien, die der Autor bei der Auswahl seiner Adressaten verwendet, und seine Positionierung im Verhältnis zu ihnen. Das aus dem gesamten Korpus resultierende Bild Isidors verschafft uns somit nicht so sehr einen Zugang zu seiner realen Persönlichkeit, sondern gibt uns vielmehr Einsichten in seine durch die Briefe vermittelte Selbstdarstellung. Indem ich diese Aspekte analysiere, werde ich mich auf jene Briefe konzentrieren, die Isidor an angesehene Personen aus allen möglichen sozialen Schichten (Bischöfe, der Kaiser, Mönche, scholastikoi), meistens außerhalb von Pelousion, jedoch auch auf lokaler Ebene, gesendet hat. Der Vorteil dieses Zugangs ist, dass wir dadurch die regionalen Kontexte, fern von den großen Metropolen des Imperiums, besser verstehen können. Dies bietet eine neue, regionalisierte Perspektive auf spätantike und mittelalterliche Briefsammlungen, die sich von den bekannten Sammlungen anderer Autoren mit einem differierenden sozialen Status (Libanios, Gregor von Nazianz, Psellos), wesentlich unterscheidet. Ziel dieses Projektes ist es zudem, eine kritische Edition von ca. 100 Briefen Isidors, sowie eine digitale Edition einer Auswahl von Briefen zu erstellen. Die digitale Edition wird uns ermöglichen, die verschiedenen Ebenen der Überlieferung, von der einzelnen Handschrift bis hin zur komplexen Dynamik des gesamten Textcorpus, visuell darzustellen.
Dieses Projekt schlägt eine Untersuchung des Briefautors vor, wobei der Schwerpunkt auf dem unter dem Namen Isidor von Pelusium erhaltenen Korpus liegt. Es wird untersucht, wie die Persona des Autors aus drei Perspektiven gestaltet wird: die Rhetorik innerhalb des Korpus, das Netzwerk des Autors und die Rezeption des Korpus. Erstens wird das Bild des Autors durch die Art und Weise konstruiert, wie sich die Epistologisten in ihren Briefen präsentieren, durch die Themen, die sie wählen, und den Stil, den sie verwenden. Zweitens wird dieses ursprüngliche Bild durch die Art und Weise verstärkt, in der die Korrespondenten sorgfältig ausgewählt, geschätzt und ermahnt werden. Das Projekt konzentriert sich auf das umfangreiche Briefkorpus aus dem fünften Jahrhundert, das unter dem Namen Isidor von Pelusium erhalten ist, und zeigt, wie Isidor sein Image aushandelte, indem er sich sorgfältig in einer Position der Macht und des Einflusses positionierte: Das Korpus enthält Briefe, die vermutlich an die Bischöfe der Umgebung von Pelusium wie Macarius (von Metelis? ), Hermogenes (von Rhinokorura?), Theopemptus (von Cabasa?) oder Heracleides (von Tamiathis?), an einflussreiche Theologen der Zeit - Evagrius (Ponticus?) und Johannes (Cassian?) - und nicht zuletzt an Kaiser Theodosius II. und an Kyrill von Alexandria. Die Effizienz der Anspielung auf historische Persönlichkeiten jenseits dieser eher vagen Vornamen sicherte Isidor einen recht prominenten Platz unter den christlichen Schriftstellern der Spätantike und sicherte das Nachleben seiner Sammlung und gab ihr eine universelle Perspektive. Das Bild, das sich innerhalb der Grenzen des Korpus ergibt, wurde dann in einen Dialog mit dem Bild des Autors gebracht, das sich aus den Mechanismen der Korpusübermittlung ergibt: Die Anordnung in den Handschriften und dann der Druck des Korpus spielen ebenfalls eine Rolle, wenn man die Sammlung betrachtet, die uns heute vorliegt. Während einige Autoren ihr Werk in einer bestimmten Reihenfolge selbst veröffentlichen und andere klare Anweisungen hinterlassen, wie sie ihr Korpus nach ihrem Tod veröffentlicht haben möchten, gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Isidor dasselbe getan haben könnte (obwohl dies nicht unmöglich ist). Das Projekt hat also einen komplexen Prozess in Gang gesetzt, in dem die Gestaltung des Autors nicht nur innerhalb des Korpus, sondern auch in seiner gesamten Rezeption analysiert wurde. Dies wurde auch in einen Dialog mit ähnlichen Praktiken verschiedener Autoren und Handschriftenkulturen aus der gesamten Spätantike und darüber hinaus gestellt. Die schiere Anzahl der erhaltenen Briefe und die Handschriften, in die sie kopiert wurden, geben uns einen Einblick in die lebendige Klostergemeinschaft, die ihn umgab, und in die sozialen und kulturellen Auswirkungen seiner literarischen Tätigkeit.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 10 Publikationen
- 5 Disseminationen
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2025
Titel The letters of Isidore of Pelusium [in press]; In: Handbuch Brief: Antike Typ Book Chapter Autor Toca Verlag De Gruyter Link Publikation -
2025
Titel Isidore of Pelusium; In: The Reception of Philo of Alexandria DOI 10.1093/oso/9780198836223.003.0013 Typ Book Chapter Verlag Oxford University PressOxford -
2024
Titel Isidore of Pelusium: Digital Bibliography Typ Other Autor Toca M Konferenz Digital Bibliography Link Publikation -
2022
Titel Schriftauslegung und Bildgebrauch bei Isidor von Pelusium. By Stefan Berkmüller. (Arbeiten zur Kirchengeschichte, 143.) Pp. x+291. Berlin-Boston: Walter de Gruyter, 2020. 99.95. 978 3 11 068593 0; 1861 5996 DOI 10.1017/s0022046922001075 Typ Journal Article Autor Toca M Journal The Journal of Ecclesiastical History -
2023
Titel The Syriac Ignatian Canons: A Critical Edition Typ Journal Article Autor Batovici D Journal Le Muséon Seiten 1-37 Link Publikation -
2023
Titel Canons from Epistles, Epistles as Canons: The Letter from Italy to the Bishops of the East (= Basil of Casarea's Letter 217) and the Epistles of Ignatius of Antioch in West Syriac Canonical Collections Typ Journal Article Autor Toca M Journal Annales Historiae Conciliorum Seiten 87-104 Link Publikation -
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Titel Isidore of Pelusium in Syriac Canonical Collections and What to Make of It [Under review] Typ Journal Article Autor Toca M Journal Journal of Eastern Christian Studies -
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Titel Isidore of Pelusium: A Critical Introduction [Proposal submitted to CUP] Typ Book Autor Toca M editors Toca M Verlag Proposal submitted to Cambridge University Press -
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Titel The Isidores of Pelusium. The Making of an Author [In preparation] Typ Other Autor Toca M -
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Titel Letters From Pelusium: Critical Edition, Translation, and Commentary of Select Letters of Isidore of Pelusium [In preparation] Typ Other Autor Toca M
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2024
Link
Titel Nicaea on-line Series: "Practicalities: How Did Letters Work in the Context of Nicaea" (March 2024) Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2022
Link
Titel Oberseminar / Vertiefungsseminar (organised by Uta Heil) Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2024
Link
Titel Panel organisation "Patristic Exegesis and the Fragmented Organisation of Knowledge" (August 2024) Typ A formal working group, expert panel or dialogue Link Link -
2024
Link
Titel Conference organisation "The Making of the Epistolographic Author" (September 2024) Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2024
Link
Titel Website on late antique epistolography (June 2024) Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link
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2024
Titel Humboldt Research Fellowship Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Summer semester opening lecture "Christianity in Letters: The Epistolary Outlook of Late Antiquity" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2024
Titel Elise Richter Postdoctoral Fellowship Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad Continental/International -
2024
Titel Invited paper "Acquaintances of the Apostles in Eusebius, Jerome, and Photius" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel Invited lecture "How to Collect a Corpus. Letters, Archives, and Authorship" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Invited paper "Isidore of Pelusium in a Syriac Canonical Collection: What to Make of It?" Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International