Changing the 17th century paradigm through Harrach´s diaries
Changing the 17th century paradigm through Harrach´s diaries
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (85%); Philosophie, Ethik, Religion (15%)
Keywords
-
Habsburg court,
Kingdom of Bohemia,
Aristocracy,
Private writing,
Counterreformation,
Life in Vienna
Das Ziel dieses Projekts besteht in der kritischen Zusammenführung verschiedener Tendenzen der Forschung über das Leben im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa. Obwohl zahlreiche Studien zu einer Vertiefung unserer Kenntnisse der frühneuzeitlichen Gesellschaft geführt haben, besitzen wir noch kein umfassendes Bild von ihr. Die Publikation einer der interessantesten Quellen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts würde uns meiner Ansicht nach nicht nur die Möglichkeit geben, das Alltagsleben der führenden Klasse besser zu verstehen, sondern auch Spezialisten mit neuen Informationen zu aktuellen Fragen der Historiographie zu versorgen, nämlich zum Wiederaufstieg des Katholizismus in Mitteleuropa, zum allmählichen Wachstum des Absolutismus, zur Bedeutung des Hofes der österreichischen Habsburger etc. Die in den letzten Jahren an Boden gewinnende Neuinterpretation des Hofes und der Aristokratie beruht nicht zuletzt auf dem bedeutenden Wachstum des Umfangs der den Forschern zur Verfügung stehenden Quellen. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche bisher vernachläßigte Quellen wiederentdeckt, darunter auch die sogenannten Tagebücher des Kardinals Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667). Trotz des radikalen Wandels im Stil der Tagebücher besitzen sie, gemeinsam mit den "Tagzetteln" der 1660er Jahre, zahlreiche gemeinsame Züge - in erster Linie Harrachs Bedürfnis, für sich selbst, seine Verwandten und seine Freunde die zunehmend chaotischen Ereignisse seiner Zeit aufzuzeichnen. Beim Tagebuch des Kardinals Harrach handelt es sich nicht um private Aufzeichnungen, sondern um wöchentliche Berichte für ausgewählte Freunde. Diese halbprivate Natur verlieh den Texten im Unterschied zu den gedruckten Zeitungen eine größere Meinungsfreiheit. Was sie für den modernen Historiker so bedeutend macht, ist, daß es sich bei ihnen nicht um stereotype tägliche Aufzeichnungen über Ereignisse und Aktivitäten handelt, sondern um häufig sehr ins Detail gehende Schilderungen. Von großer Bedeutung für Harrach ist auch die Registrierung von Geburten und Todesfällen, der geringsten Veränderungen in der Hierarchie des Kaiserhofes, seines eigenen Gesundheitszustandes und dessen seiner Freunde sowie der Mahlzeiten in den Palästen des Adels. Harrach stand an der Spitze der katholischen Hierarchie des 17. Jahrhunderts, und die politische Macht, die er ausübte, ist von größter Bedeutung für den Historiker: Er war nicht nur das wichtigste Bindeglied zwischen dem päpstlichen Hof in Rom und dem Habsburgerhof, sondern auch der Leiter der Gegenreformation im Königreich Böhmen. Daher war er verpflichtet sich in Prag aufzuhalten, weit weg vom politischen Zentrum (Wien), und aus diesem Grund benötigte er ein leistungsfähiges Informationssystem. Er löste das Problem durch die Schaffung eines Netzes von "Brief- Zeitungen", die zur vollständigsten Quelle für die Rekonstruktion der mitteleuropäischen und böhmischen Geschichte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden. Das Ziel dieses Forschungsprojektes besteht in der Publikation des umfangreichen Manuskripts der Tagebücher (ich habe bereits knapp 15% davon abgetippt), zusammen mit einer Einleitung und einem ausführlichen Kommentar. In Anbetracht der wachsenden Spezialisierung der universitären Studien wird es immer wichtiger, Brücken zwischen interdisziplinären Fragestellungen zu bauen, denn hier können wir den Schlüssel zum Verständnis der Neuzeit finden. Zu diesem Zweck müssen wir sprachwissenschaftliche, geschichtswissenschaftliche und slawistische Kompetenzen verbinden.
- Universität Wien - 100%
- Thomas Winkelbauer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in