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Die geöffnete Wirklichkeit. Theorie des modernen europäsichen Romans

A Theory of the Modern European Novel

Klaus Müller-Salget (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P12739
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.1998
  • Projektende 30.11.2001
  • Bewilligungssumme 71.510 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (15%); Philosophie, Ethik, Religion (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)

Keywords

    ROMANTIK, WIRKLICHKEIT, POSTMODERNE, GESCHICHTE DES ROMANS, GESCHICHTSPHILOSOPHIE, ROMAN- UND ERZÄHLTHEORIE

Abstract Endbericht

Mit der deutschen Romantik vollzog sich ein fundamentaler Einschnitt in der Geschichte menschlicher Erfahrung und Wahrnehmung, der Übergang von einem metaphysisch geschlossenen zu einem auch in sich offenen Wirklichkeitsverständnis. Es war diese Offenheit, die die Romantik in ihrer Essayistik durch einen bewußten Mangel an Systematik und eindeutiger Begrifflichkeit kultivierte; und weil einzig der Roman, sofern er sich von jeder Gattungsbegrenzung emanzipierte, bewerkstelligen konnte, wozu sich die Romantik gezwungen sah, nämlich "Welten" ohne vorgegebenes, die Wirklichkeit zusammenhaltendes Ordnungsgefüge zu schaffen, bestimmte sie ihn als experimentelles, offenes Kunstwerk und fand ihren Rückhalt in einer eigenen Literatur- und Kulturtradition. Unter allen geistes- und romangeschichtlichen Erscheinungen am unzugänglichsten geblieben, kommt die Romantik unserer unmittelbaren Gegenwart am nächsten: Aufgrund der qualitativ vergleichbaren Wirklichkeitsproblematik bringt postmodernes Denken und Erzählen ein der Romantik verwandtes Wirklichkeits-, Theorie- und Kunstwerkverständnis hervor. Angesichts einer fragmentierten, massenmedial produzierten und daher auch von Seiten einer betont wissenschaftlichen Philosophie nicht sytsematisierbaren Wirklichkeit polemisieren postmodernen Denker selbst in der formalen Verfassung ihrer Theorien gegen die systematisierenden Tendenzen in der modernen Philosophie und den in dieser Tradition dominanten Strang nach der Romantik, die Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, deren geschlossener Wirklichkeitsbegriff die romantische Groteske und Phantastik, die Thematisierung des Zufälligen und die Theoriebildung der Romantik selbst als "irreal" und "irrational" denunzierte. Parallel hierzu nimmt postmodernes Erzählen die romantisch bestimmte Offenheit des Romans als dessen Wesenhaftigkeit wieder auf, da nur diese der gegenwärtigen Wirklichkeit gewachsen zu sein scheint, wie ein Vergleich zwischen Achim von Arnims Romanexperiment "Die Kronenwächter" und Salman Rushdies "Satanischen Versen" erweisen könnte: Beide, obwohl exemplarisch für ihre jeweilige Gegenwart, als literarische Werke nur wenig beachtet, sind Kulminationen der romantischen Romantheorie bzw. postmoderner Ästhetik, in denen sich die Wirklichkeitsproblematik zum inhaltlichen und formalen Strukturgesetz verdichtet. Da die Romantik geschichtsphilosophischen Deutungsmustern nur verfälscht gefügig gemacht werden kann, wurde sie nun über nahezu zwei Jahrhunderte hinweg lediglich als vor- oder gar gegenmoderne Übergangserscheinung und Abweichung vom kontinuierlichen Verlauf der Geschichte mißverstanden; somit ist auch ihre Aktualität weitgehend unerkannt geblieben. Um diese - Romantik wie Moderne gleichermaßen verfehlende - Vorstellung zu revidieren, die Romantik statt dessen in ihrer ursprünglichen Komplexität und Wirklichkeitsfähigkeit und ihre Wiederbelebung in der Postmoderne erfassen zu können, versucht das Forschungsvorhaben, die Romantik und romantische Neubestimmung des Romans aus dieser selbst, ihrer Gegenwart und Wirklichkeitsauffassung heraus zu denken und neu zu beschreiben und dabei die lineare Logik der Geschichtsphilosophie zu durchbrechen: Ausgehend von der Wirklichkeitsproblematisierung in Heinrich von Kleists Erzählungen, den ästhetischen Theorien, den Traditions- und Kulturgeschichte des Erzählens, die den Wandel der Wirklichkeitsbilder freilegt, wie sie der moderne europäische Roman präsentiert, ohne darin, wie in bisherigen Literaturtheorien üblich, einen geschichtsphilosophisch fixierbaren Fortschritt ausmachen zu wollen, erläutert anhand dieser Kulturgeschichte die romantischen Romantheorien und analysiert "Die Kronenwächter" als deren Zuspitzung und Epilog. Über die postmoderne Kritik an der Geschichtsphilosophie und Ästhetik des 19. Jahrhunderts arbeitet das Forschungsvorhaben die Parallelen zwischen Romantik und Postmoderne in der Philosophie im Detail heraus und untersucht schließlich, wie sich Rushdies Roman die Charakteristiken romantischen Erzählen spiegeln. Die Analysen, Beweisführungen und Klärungen fügen sich zu einer Literaturtheorie zusammen, die neue Dimensionen der Geschichte des Romans eröffnet: So wie der Blick auf die Problematisierungen von Wirklichkeit in der Literatur die einzige Perspektive sein könnte, von der aus die Geschichte des Romans unvoreingenommen und epochenübergreifend zu erschließen ist, so kann die Romantik in ihrer Zeitgenossenschaft die bewußtseinsgeschichtlichen Voraussetzungen der gegenwärtigen Wirklichkeitsproblematik und deren Bewältigung im Roman wahrnehmbar machen.

Der Theorie liegt die These zugrunde, daß seit dem Don Quijote und der Romantik und erneut in der Postmoderne eines Vladimir Nabokov und Salman Rushdie die andere, verwilderte Seite des modernen europäischen Romans - mit den Formelementen des Phantastischen, Grotesken und einer das Modell fortschreitender Geschichte durchkreuzenden Handlungsführung - die seit Platon, Aristoteles und Augustinus in Philosophie und ästhetischer Theorie wirksamen Vorstellungen von Wirklichkeit und Zeit in sich zerrüttet und negiert und hierdurch die ästhetische Eigenwirklichkeit der Gattung des Romans gegen jede Fremdlegitimierung und Funktionalisierung behauptet. Dieser romantische Komplex mußte bislang verdeckt bleiben, gerade weil ihn Romantheorie für die platonische Ontologie und ihr jeweiliges geschichtliches Selbstverständnis nicht dienstbar machen konnte. Doch erweist sich die vitale Ästhetik der Romantik aufgrund ihrer Befreiung des Romans von allen normativen Vorgaben als ein Standard, an der ästhetische Theorie zu messen ist. In Verzicht auf jede geschichtsphilosophische Perspektivierung problematisiert die Theorie das Verhältnis von Realität und Roman, revidiert herkömmliche Interpretationen und anderen wissenschaftlichen Disziplinen entlehnte Wertungen, bricht mit der Dominanz platonischer Ontologie und des Realismus innerhalb ästhetischer Theorie und sucht dadurch Roman- wie Erzählforschung eine Neuorientierung zu bieten.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Wendelin Schmidt-Dengler, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in

Research Output

  • 486 Zitationen
  • 5 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Association of complete blood count parameters, d-dimer, and soluble P-selectin with risk of arterial thromboembolism in patients with cancer
    DOI 10.1111/jth.14484
    Typ Journal Article
    Autor Grilz E
    Journal Journal of Thrombosis and Haemostasis
    Seiten 1335-1344
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Citrullinated histone H3, a biomarker for neutrophil extracellular trap formation, predicts the risk of mortality in patients with cancer
    DOI 10.1111/bjh.15906
    Typ Journal Article
    Autor Grilz E
    Journal British Journal of Haematology
    Seiten 311-320
    Link Publikation
  • 2019
    Titel The role of ADAMTS-13 and von Willebrand factor in cancer patients: Results from the Vienna Cancer and Thrombosis Study
    DOI 10.1002/rth2.12197
    Typ Journal Article
    Autor Obermeier H
    Journal Research and Practice in Thrombosis and Haemostasis
    Link Publikation
  • 2018
    Titel A clinical prediction model for cancer-associated venous thromboembolism: a development and validation study in two independent prospective cohorts
    DOI 10.1016/s2352-3026(18)30063-2
    Typ Journal Article
    Autor Pabinger I
    Journal The Lancet Haematology
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Association of Platelet-to-Lymphocyte Ratio and Neutrophil-to-Lymphocyte Ratio with the Risk of Thromboembolism and Mortality in Patients with Cancer
    DOI 10.1055/s-0038-1673401
    Typ Journal Article
    Autor Grilz E
    Journal Thrombosis and Haemostasis
    Seiten 1875-1884

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