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Imago Noctis - Die Darstellung der Nacht in der Kunst des Abendlands

The Night in Western Art

Walter Krause (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P13078
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.1998
  • Projektende 31.10.2001
  • Bewilligungssumme 61.627 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (20%); Kunstwissenschaften (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)

Keywords

    NACHTDARSTELLUNG, KUNST, ABENDLAND

Abstract Endbericht

Die Nacht als Grundfaktor des Daseins hat die Künste immer wieder zur Auseinandersetzung mit ihr herausgefordert und stellte namentlich in der Bildenden Kunst eine der in Form und Sinn vielfältigsten wie schwierigsten Aufgaben dar. Die Gesamtdarstellung des Phänomens "Nachtstück" in der Kunstgeschichte des Abendlands - ein Multiproblem schlechthin - fehlt in der Forschung und wird hier angestrebt. Bis jetzt existieren nur Abhandlungen über Teilaspekte, welche durch ihre eingeschränkte Sicht nicht befriedigen und Fehler aufweisen. Es ist unbedingt notwendig, die Nachbardisziplinen von Archäologie über Orientalistik bis zur Theologie einzubeziehen. Ferner bedarf es der Betrachtung verwandter Erscheinungen wie dem des Schattens oder der Bedeutung des "sfumato" für die Bilddunkelheit, die das Spiel mit den nächtlichen Lichtquellen natürlicher, künstlicher oder göttlicher Natur erst erlauben. Dazu zählen auch die Herabminderung der Farbe oder ihre Steigerung aus dem "mezzo" des dunklen Grunds. Die Nacht wurde seit der Antike - das erste Beispiel findet sich im assyrisch-babylonischen Kulturraum - sowohl als Allegorie (symbolisch oder personal) wie als natürliche, atmosphärische Nachahmung der Wirklichkeit gestaltet. Die allegorische Nacht erscheint in vielfältigen Variationen ihrer Bekleidung, Attribute und Begleitung. Sie kann Göttinnen und anderen Personifikationen ähneln (wie Selene, Astraea, Persephone, Nut, Isis u.a.); im Christentum kommt es zu einer Hypostase dieser Gestalten in die Schutzmantelmadonna, die auch mit blauem oder besterntem Mantel begegnet. Das Projekt soll die Nachtstücke einerseits chronologisch behandeln, andererseits als Epochengrenzen sprengende Phänomene. Der Vielgesichtigkeit der Nacht hat auch eine methodische Vielfalt zu entsprechen, die aktuell für das Fach gefordert wird. Als Hälfte des menschlichen Lebens ist die Nacht zwar als Naturerfahrung durch die künstliche bzw. elektrische Beleuchtung zum Tag gewandelt; der Distanzierungsschub wirkt sich aber auf die Anzahl der künstlerischen wie literarischen Darstellungen seit 1800 aus, wahrend der barocke "Boom" noch mit dem religiösen, mystischen Erlebnis, aber auch der gegenreformatorischen Propaganda verknüpft war. Unter den zu behandelnden Aspekten sind hervorzuheben: die Auseinandersetzung mit den Quellenschriften, das Problem der Ekphrasen, Kategorien wie das Erhabene, der "paragone-Streit", weiters Metaphern wie die des Verhüllens, die Farbübereinstimmungen in Literatur und Bildender Kunst (Definitionen reichen von blau und schwarz bis braun [im Barock], grau [im Klassizismus] usw.). Nicht fehlen dürfen vor allem feministische Aspekte im Zusammenhang mit der Heroine, den Hexen und den Texten der Mystikerinnen.

Erstmals in der Kunstgeschichtsschreibung liegt eine systematische Übersicht über die Darstellung der Nacht in ihren vielfältigen Erscheinungsformen, Attributen und Verknüpfungen im Zeitraum vom Alten Orient über Ägypter, Griechen, das römische Weltreich, Frühchristentum, Mittelalter und Renaissance bis zum Barock vor. Eine Fortsetzung, die von der Aufklärung und Romantik bis zur Moderne reicht, ist geplant. Trotz der Gliederung in historische Abschnitte nach deren zeitlicher Reihenfolge mußte der methodischen Vielfalt durch fachübergreifende und gründliche Studien von Einzelphänomenen Rechnung getragen werden. Deshalb sind auch Gesichtspunkte aus vielen Nachbarwissenschaften berücksichtigt. Nachtdarstellungen sind weit über ihre ästhetische Funktion hinaus mit religiösen, philosophischen, astrologischen und theologischen Vorstellungen verbunden, z.B. wurde die Nacht in der Antike als das - weibliche - Urprinzip verstanden, aus welchem der männliche Tag entsprang. Mannigfach wie ihre Erscheinungsformen sind auch ihre Farben. Die Barockzeit sah die Nacht nicht wie frühere Epochen blau oder schwarz, sondern braun. Die Nacht kann als Personifikation erscheinen oder als "natürliche" Nacht, etwa in Form einer Mondlandschaft. Das älteste bisher bekannte "Nachtstück" in Gestalt eines Fischerboots auf einem See mit Schilfrohr und Mondsichel ziert ein vorbabylonisches Siegel aus dem frühen 3.Jahrtausend v.Chr. Nacht kann positive Aspekte des Lebens meinen, steht aber auch für bedrohliche Mächte (Tod, Hexenkunst, Alptraum) und niedere Triebe (primitive Erotik). Mitunter kann - wie beim Schlaf - auch beides zutreffen. Nacht und Licht gehören zusammen. Indem der durch eine Lichtquelle in nachtdunklem Raum erzeugte Schatten nachgezeichnet wurde, entstand nach altem Glauben die bildende Kunst. Zu den neu erarbeiteten Erkenntnissen gehört vor allem der in der Renaissance als Bildthema beliebte Nachtfleiß, das nächtliche Schaffen von Fürsten, Künstlern und Wissenschaftlern, die sich damit über die gewöhnliche Masse erheben. Zahlreiche Werke bedeutender Künstler sind nicht nur überblicksmäßig geordnet, sondern nach Kategorien untersucht und erläutert, u.a. Michelangelo ("...ich bin ein Kind der Nacht"), Raffael, El Greco, Rubens und Caravaggio. Darüber hinaus erweitern etliche bisher wenig oder nicht bekannte Gemälde, Graphiken und Bildhauerarbeiten den Blickwinkel. Während die Forschungsarbeiten zum Projekt noch im Gang waren, ergab sich die Möglichkeit zu Kooperation bei einschlägigen Ausstellungen und Rundfunksendungen. In den Katalogbeiträgen von B.Borchhardt ("Die Nacht", München 1998; "Nightscapes", Ulm 2001) sind wichtige Erkenntnisse in kurzer Form zusammengefaßt.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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