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Religion im Leben der Österreicher/innen 1970 - 2000

Religion in the life of the Austrians 1970 - 2000

Paul Michael Zulehner (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P13407
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.1999
  • Projektende 31.12.2001
  • Bewilligungssumme 97.495 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (70%)

Keywords

    RELIGION, ALTERNATIVE RELIGIOSITÄT, CHRISTENTUM, KIRCHE

Abstract Endbericht

Die Lage der Religion wird in Österreich seit 1970 - mit einem im wesentlichen gleichbleibenden Instrumentarium - kontinuierlich untersucht. Die Fortschreibung der Studien "Religion im Leben der Österreicher/innen" von 1970, 1980 und 1990 ist sowohl für die religionssoziologische Forschung wie für die Orientierung gesellschaftlicher Praxis von großer Bedeutung. Durch die vierte Replikation der Studie besteht für Österreich die Möglichkeit einer detaillierten und tiefschürfenden Analyse der Veränderung in den religiösen Einstellungen der Bevölkerung. Langfristige Trends werden erkennbar, zukünftige Entwicklungen prognostizierbar. Globalziel der Untersuchung ist die Analyse der religiösen Lage der Menschen in Österreich. Dabei interessieren nicht allein die christlichen Formen von Religiosität sondern auch alternative Formen von Religiosität wie sie sich in verschiedenen esoterischen Bewegungen oder religiösen Sondergemeinschaften zeigen und Varianten von "unsichtbaren Religionen" der Menschen im Kontext ihrer Alltagskultur. Die neueren religionssoziologischen Forschungserfahrungen legen es nahe, die sozioreligiöse Ausstattung für mehrere inhaltliche Ebenen getrennt zu analysieren. - Es geht um die Genese religiöser Gedanken und Erfahrung, um das Entstehen religiöser Einstellungen im biographischen Zusammenhang, um religiöse Sozialisation und religiöse Erziehung. - Von besonderem Interesse ist die Rolle verschiedenster Institutionen, die die Genese religiöser Einstellungen beeinflussen: Religionsgemeinschaften, Familie, Religionsunterricht, außerschulische Kinder- und Jugendarbeit, Medien, etc. - Die subjektive Religiosität der Menschen ist ein Untersuchungsthema, das sich unter anderem mit religiöser Selbsteinschätzung, Religionsverständnis, religiösen Funktionen und Alltagsreligiosität befaßt. - Erforscht wird auch, wieweit Elemente des christlichen Glaubens die Menschen in Österreich prägen: Hier geht es um die Frage nach dem Gottesbild, das Vertrauen auf christliche Glaubensinhalte, um die Einstellung anderen Religionen gegenüber. - Religiöse und kirchliche Praxis: Themen dieses inhaltlichen Feldes sind: Gebet und Gebetshäufigkeit, Gottesdienstbesuch, Engagement in kirchlichen Organisationen, Vertrauen in die Kirchen, Kompetenz der Kirchen. 1999 soll ein neuer Schwerpunkt in die Studie eingeführt werden: Vor allem im qualitativen Teil soll der "Suche nach der religiösen Aura" nachgegangen werden, die sich immer weniger bei institutionell verfaßten Religionen ereignet, sondern an anderen Orten: Esoterik, Magie, fernöstliche Meditationstechniken, etc. sind Stichworte, welche die religiösen Suchbewegungen - gerade der unter 40jährigen - umschreiben. Von der Methodik her sollen im aktuellen Projekt - neben der Analyse themenspezifischer Literatur und Daten - qualitative und quantitative Untersuchungsschritte zur Anwendung kommen. Während die qualitative Untersuchung (qualitative Befragung, focus-groups, Expert/inn/eninterviews) den Schwerpunkt auf den neuen Bereich der "alternativen Religiosität" legt, dient die quantitative Studie als Replikationsstudie und thematisiert vor allem die "klassischen" Untersuchungsanliegen.

Österreich ist nach wie vor ein religiöses Land: Mehr als zwei Drittel der ÖsterreicherInnen verstehen sich als religiöse Menschen. Auch von einem Ende des Christentums kann nicht gesprochen werden: Christentümliche Elemente finden sich in nahezu allen Weltanschauungen. Die Säkularisierungsthese der 70er-jahre, dass mit zunehmender Modernisierung auch die Religiosität verschwinden werde, lässt sich also so nicht bestätigen. Vielmehr gilt: je moderner eine Zivilisation ist, umso religiositätsproduktiver wird sie. Das zeigen die Studienergebnisse des Langzeitprojektes "Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970 - 2000", das seit nunmehr 30 Jahren unter der Federführung von Paul M. Zulehner die religiöse Situation in Österreich untersucht. Die Religion ist also wieder im Kommen, freilich ist auch sie von Pluralisierung und Individualisierung nicht verschont geblieben. Die Studie liefert ein vielfältiges Bild der religiösen Weltanschauungen. So können z. B. 30% der Österreicher/innen als Humanist/innen bezeichnet werden: mit explizit christlichen oder fernöstlichen Glaubensinhalten können sie wenig anfangen, aber Frage, Sehnsucht, oder auch ein Glaube an einen unbestimmten Gott finden sich auch hier. Oder: Die 13% der sogenannten atheisierenden Österreicher/innen negieren die Existenz Gottes oder merken zumindest nichts von seiner Präsenz. Für sie ist mit dem Tod alles aus, der Sinn des Lebens liegt im Leben selbst. Aber auch unter ihnen finden sich Menschen, die die Frage nach der Religion nicht kaltlässt. Die religionssoziologisch spannendendste Gruppe sind die 30% "Religionskomponist/innen": Diese Menschen übernehmen einzelne Positionen aus dem Christentum, sind aber der Ansicht, dass Gott nicht nach der Art der Christen verstanden werden kann. Diese Gruppe verbindet fernöstliches, naturalistisches und humanistisches Gedankengut. Wie kunstfertig dies geschieht, - ob es sich um Neuschöpfungen, Nachschöpfungen, Kinderlieder, Experimentalmusik oder Symphonien handelt, wissen wir vorläufig noch nicht. An den religiösen Dimensionen in den Weltanschauungen der Menschen wird man hinkünftig auch in der Öffentlichkeit nicht mehr vorbeigehen und so tun können, als wäre das alles Privatsache. Religiöse Weltanschauungen hängen stark mit anderen Wertehaltungen zusammen: So sind Menschen, deren Religiosität stark kirchengebunden ist, in der Regel autoritärer, aber auch solidarischer als die weniger kirchennahen. Auch die Kirchlichkeit der Österreicher/innen ist differenzierter als gemeinhin angenommen. In der Studie wird eine Vielfalt unterschiedlichster Kirchenerwartungen sichtbar. Unter jenen, die sich als Kirchenmitglieder verstehen, gibt es verschiedene Typen: Die sog. "Sozialchrist/innen" (42% in Ö) gehen zwar selten in die Kirche, wünschen sich von dieser vor allem soziales Engagement. Die "Ritualist/innen" (14%) besuchen hin und wieder den Gottesdienst, schätzen die Rituale der Kirche, lehnen aber soziales Engagement ab. Diese 56% stehen den Kirchen skeptisch, aber nicht prinzipiell ablehnend gegenüber. 31% der befragten Personen kann man schließlich zur Gruppe der Intensivchristen zählen: Diese leben innerhalb des kirchlichen Binnenraums, sie sind die "Stammklientel" der Kirchen, aus denen diese ihre Kraft beziehen. Als dezidierte Nicht-Mitglieder sind also nur 14% der Österreicher/innen zu bezeichnen. Die Freude und Freiheit, die Menschen heute daran haben, die persönliche Religiosität selbst zu "komponieren", die konfliktive Vielfalt von Erwartungen an die Kirchen: all das wirft viele neue Fragen auf: für die Zukunft der Religion in unserem Land und auch für die Rolle, die die Kirchen dabei spielen können - im Feld eines religiösen Pluralismus, das auch in Österreich unhintergehbare Realität ist.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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