Coping-Strategien bei Kühen im Stall und in künstlichen Streßsituationen unter Berücksichtigung von sozialen Bindungen zwischen den Tieren
Coping strategies of cows in their stable and artificial stress situations considering the effect of social bonds
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (90%); Tierzucht, Tierproduktion (10%)
Keywords
-
COPING STRATEGIES,
HEART RATE,
SOCIAL BEHAVIOUR,
CATTLE,
FAECAL CORTISOL METABOLITES
Die intensive Tierhaltung bedeutet für Rinder aufgrund der Enge des Stalles und den vermehrten Konkurrenzsituationen eine Streßbelastung. Das Platzangebot für die Kühe ist begrenzt, die Herdengröße nimmt mit steigender Intensität der Produktion des Betriebes zu und die Zusammensetzung der Herde verändert sich häufig, so daß das Sozialverhalten der Tiere hierdurch negativ beeinflußt ist. Um sich diesen Umweltsituationen anpassen zu können, müssen Rinder individuelle Coping-Strategien entwickeln. Seit einigen Jahren sind Untersuchungen zum Sozialverhalten von landwirtschaftlichen Nutztieren weniger auf die ausschließliche Betrachtung reiner Dominanzbeziehungen und Rangordnungen ausgerichtet, sondern vielmehr stehen heutzutage Fragen über individuelle Verhaltensstrategien im Vordergrund, die die Tiere in agonistischen und nicht-agonistischen Interaktionen mit ihren Artgenossen entwickelt haben. Weiterhin scheinen im Hinblick auf den physiologischen Status und die Gesundheit der Tiere, die übernommenen Strategien für das Tier bedeutsamer zu sein, als der aktuelle soziale Status. Untersuchungen zu diesem Aspekt bei Rindern bestehen kaum und lassen noch viele Fragen offen. Weiterhin ist im Hinblick auf Coping-Strategien über die Konsistenz individuellen Verhaltens und physiologischer Streßreaktionen bei Rindern nur wenig bekannt. Das Ziel dieser Untersuchung ist, grundlegende Informationen (Physiologie/Verhalten) über verschiedene Coping- Strategien bei Milch- und Mutterkühen unter Berücksichtigung sozialer Bindungen zwischen den Tieren zu erarbeiten. Das Wissen über Verhaltensstrukturen, individuelle Coping-Strategien und soziale Bindungen bei Rindern erlaubt es, das Verhalten der Tiere besser vorhersagen und steuern zu können, wie beispielsweise die Aggression von Tieren in Gruppen. Das Management und die Stallungen könnten derart gestaltet werden, daß die Tiere effektive Coping-Strategien entwickeln können, was deren Streß in den Haltungssystemen reduziert. Dies wäre ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung des Wohlbefindens von landwirtschaftlichen Nutztieren.
In dem Projekt konnten bei Kühen verschiedene Verhaltensstrategien im Sozialverband und auch unterschiedliche Reaktionstypen in (nicht-sozialen) Stresssituationen gefunden werden. Allerdings scheint keine Übereinstimmung zwischen den sozialen Strategien und denen in belastenden Situationen zu bestehen. Soziale Bindungspartner (Freundschaften) zeigten positive Effekte sowohl langfristig auf die Gesundheit als auch in Stresssituationen. Durch diese Ergebnisse kann die Entwicklung von Haltungssystemen, die solche Bindungen fördern bzw. Störungen dieser Bindungen weitgehend vermeiden, forciert werden. Die Haltung von Rindern in Ställen bringt eine deutliche Einschränkung des Bewegungsraumes der Tiere mit sich. Hierdurch und durch Managementmaßnahmen (z.B. Umgruppierungen, tierärztliche Maßnahmen) kommt es immer wieder zu belastenden Situationen, die die Kühe mit unterschiedlichen Verhaltensstrategien bewältigen. Ziel des Projektes war, solche Strategien zu untersuchen und die Fragen abzuklären, ob solche Verhaltensstrategien in verschiedenen Situationen konsistent sind und inwiefern sie den bei anderen Tierarten gefundenen Reaktionstypen entsprechen. Da soziale Bindungen beim Menschen und verschiedenen Tierarten für die Stressbewältigung bekanntermaßen eine Rolle spielen, wurden Aspekte hiervon ebenfalls miteinbezogen. Es erfolgten Beobachtungen zum Sozialverhalten in einer Milchkuh- und einer Mutterkuhherde. Mittels dieser Daten wurden drei verschiedene Strategiegruppen identifiziert. Eine "aggressive" Gruppe mit ranghohen Tieren und zwei Gruppen, die sich im Verhalten, jedoch nicht im Rang unterschieden: "nicht-agonistische" Tiere leckten häufig andere Herdenmitglieder und gingen Auseinandersetzungen aus dem Wege, während die Tiere der "agonistisch-unterlegenen" Gruppe mehr Aggressivität zeigten. Die drei Gruppen sozialer Strategien unterschieden sich auch in physiologischen Grundwerten und bestätigten sich in einem sozialen Belastungstest. Mit den Tieren beider Herden fanden des weiteren zwei Belastungstests außerhalb des Sozialverbandes statt. Zur Ermittlung, ob soziale Bindungspartner die Belastungen in solchen Stresssituationen mindern können, erfolgten die Tests auch im Beisein von befreundeten Tieren und nicht-befreundeten Herdenmitgliedern. Es zeigte sich, dass die identifizierten Strategiegruppen sich in den Tests bezüglich des Verhaltens und physiologischer Parameter nur wenig unterschieden. Dagegen gab es deutliche Übereinstimmung in den physiologischen und Verhaltensparametern innerhalb der beiden Belastungstests. Folglich scheinen die sozialen Strategien im Herdenverband nur begrenzt den Coping-Strategien in Stresssituationen zu entsprechen. Anwesenheit von Bindungspartnern führte zu Veränderungen im Verhalten der Tiere (z.B. keine Lautäußerungen im Beisein der Bindungspartner), die auf eine Verminderung der Belastung aufgrund dieser sozialen Unterstützung hinweisen. Weitere Untersuchungen hierzu sind notwendig, um diese Reaktionstypen und Strategien in verschiedenen Situationen noch genauer zu charakterisieren und damit eine Optimierung des Herdenmanagements und der Haltungssysteme, die zu einer Verbesserung der Tiergerechtheit führt, noch weiter voranzutreiben.
- Rupert Palme, Veterinärmedizinische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 33 Zitationen
- 1 Publikationen
-
2003
Titel Individual differences in behaviour and in adrenocortical activity in beef-suckler cows DOI 10.1016/j.applanim.2003.08.007 Typ Journal Article Autor Mülleder C Journal Applied Animal Behaviour Science Seiten 167-183