Bäuerliche Gesellschaft in der Moderne: Das Beispiel einer Voralpenregion im 20. Jahrhundet
Peasant Society and Modernity: The Case of an Voralpen Region in the 20th century
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
BÄUERLICHE GESELLSCHAT,
ÖSTERREICH,
AGRARGESCHICHTE,
VORALPEN,
20. JAHRHUNDERT,
MIKROHISTORIE
Das Projekt steht im Kontext eines von einer österreichweiten Arbeitsgruppe getragenen Versuchs, die österreichische Agrargeschichte im 20. Jahrhundert in Form eines Handbuchs systematisch darzustellen. Neben einer Gesamtdarstellung sollen Fallstudien für die landwirtschaftlichen Produktionsgebiete die regionale Differenzierung der Agrarentwicklung nachzeichnen. Das vorliegende Projekt stellt eine Regionalstudie über das Produktionsgebiet Voralpen dar. Die bisherige Forschung zur österreichischen Agrargeschichte im 20. Jahrhundert ist einerseits von zeitlich, räumlich oder thematisch breit angelegten Studien, denen es an analytischer `Tiefe` mangelt, andererseits von begrenzten Detailstudien, die zuwenig in die `Breite` gehen, gekennzeichnet. Das Innovationspotential des Projekts liegt in der Verknüpfung von `Breite` und `Tiefe` durch eine mikrohistorische Sichtweise: Das Große - Marktintegration, Nationsbildung, Säkularisierung usw. - wird erst im Kleinen greifbar. Auf der theoretischen Ebene Überwindet eine Sozialtheorie, die das dialektische Verhältnis von Strukturen und Praktiken erfaßt, die objektivistische Verkürzung wie die subjektive Überhöhung der historischen Akteure. Auf der methodischen Ebene überwindet die Triangulation `harter` und `weicher` Methoden die Frontstellung von quantitativem und qualitativern Paradigma. Auf der inhaltlichen Ebene überwindet die Rekonstruktion der Relationen zwischen dem Ökonomischen, Politischen und Kulturellen die Segmentierung des Historischen in die Bereiche Wirtschaft, Politik und Kultur. Die Fragestellung zielt auf eine möglichst umfassende Rekonstruktion der Transformation der ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen der Agrargesellschaft im Wechselspiel von inneren und äußeren Kräften wie überregionalen Märkten, bürokratischem Staat, kulturellem Expertenwissen usw. Als Forschungsfeld für die Regionalstudie Voralpen soll das niederösterreichische Pielachtal dienen: Erstens decken die sechs Pielachtalgemeinden die ökologische Variationsbreite des Voralpengebiets ab, zweitens erleichtert ihre institutionelle Verklammerung die Quellenerhebung, und drittens kann der Projektmitarbeiter auf eigene Vorarbeiten über die Region aufbauen. Als Quellen sollen amtliche Archivalien, Statistiken, Lokal- und Regionalzeitungen, lebensgeschichtliche Erzählungen, private Aufzeichnungen, Fotografien und Gegenstände, die quantitativ und qualitativ ausgewertet werden.
Das Projekt Bäuerliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert verfolgte das Ziel, die weitreichenden und tiefgreifenden Veränderungen der bäuerlichen Welt im vergangenen Jahrhundert im regionalen Vergleich nachzuzeichnen. Der agrarische "Strukturwandel" erscheint dabei als - keineswegs zwangsläufige - Folge menschlichen Denkens und Handelns. Die Verschuldung der Betriebe erscheint als Antriebsfeder dieses "Strukturwandels". Das Projekt Bäuerliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert verfolgte das Ziel, die weitreichenden und tiefgreifenden Veränderungen der bäuerlichen Welt im vergangenen Jahrhundert im regionalen Vergleich nachzuzeichnen. Die Untersuchung erstreckte sich auf zwei natur- und kulturräumlich unterschiedliche Regionen: Kirchberg an der Pielach in den niederösterreichischen Voralpen und Gänserndorf im niederösterreichischen Flach- und Hügelland. Das Projekt wählte - als eines der ersten in der Agrargeschichtsforschung des 20. Jahrhunderts - einen mikrohistorischen Ansatz. Entlang von Personen, Höfen und Grundparzellen wurde mit Hilfe einer Computer- Datenbank eine Vielzahl von Akten miteinander verknüpft: Vermögensverzeichnisse, agrarstatistische Erhebungen, Grundbuchseintragungen und so fort. Im Zuge der Arbeiten konnten bisher unbekannte Dokumente aus privaten und öffentlichen Beständen, etwa die Tagebücher einzelner Bauern, im Familienbesitz befindliche Fotosammlungen oder die Archive der Bezirksbauernkammern, für die Forschung erschlossen werden. Diese "stummen" Quellen ermöglichten gemeinsam mit "sprechenden" Quellen, den lebensgeschichtlichen Erzählungen von Frauen und Männern auf dem Land, genaue Einblicke in die Strukturen und Praktiken der Menschen auf den Höfen. Die Projektergebnisse zeigen, dass die natur- und kulturräumlichen Bedingungen der jeweiligen Regionen zwar das menschliche Denken und Handeln begrenzten; doch innerhalb dieser Grenzen verfügten die Frauen und Männer auf den Höfen über beträchtliche Denk- und Handlungsspielräume. Kurz, der enorme "Strukturwandel" der vergangenen hundert Jahre brach nicht wie eine "Naturkatastrophe" über das Land herein, sondern war eine Folge menschlichen Denkens und Handelns. Dabei erwies sich die Verschuldung der Betriebe als Antriebsfeder des "Strukturwandels": Wer Investitionen tätigte, musste sich verschulden; wer Schulden hatte, musste investieren. Dass in dieser Verschuldungsspirale auch der Staat eine wichtige Rolle spielte, zeigt etwa die "Entschuldungs " und "Aufbauaktion" des Jahres 1938. Die bäuerlichen Privatschulden wurden zum überwiegenden Teil "verstaatlicht". Zusätzlich wurden den beteiligten Bauernbetrieben weitere Subventionen und Kredite gewährt - mit regional unterschiedlichen Folgen: Im Voralpengebiet wurden zwischen 1938 und 1945 die "Aufbaumittel" für "Entschuldungsbetriebe" unabhängig von der Betriebsgröße vergeben; dagegen erhielten im Flach- und Hügelland die größeren Betriebe mehr Gelder als die kleineren. Dahinter standen unterschiedliche Strategien der staatlichen Agrarpolitik: Die Bergbauern in den "Ungunstlagen", die als "rassisch" besonders wertvoll galten, sollten in ihrer Gesamtheit erhalten werden; dagegen wurden die Flachlandbauern der "Gunstlagen", je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, in unterschiedlichem Maß gefördert. Doch auch vor und nach der Zeit der NS-Herrschaft waren die Strategien von "Bauernschutz" und "Rationalisierung" in den staatlichen Agrarpolitiken verbunden. Auf diese Weise wurde der "Strukturwandel" - abhängig von zeitlichen und räumlichen Kontexten - gebremst und zugleich vorangetrieben. Ausdruck dieses "österreichischen Weges" der Agrarpolitik waren etwa die im internationalen Vergleich hohen Anteile von Nebenerwerbsbetrieben, die hochmechanisierte landwirtschaftliche Marktproduktion und außerlandwirtschaftliche Lohnarbeit kombinierten. Dies beförderte die externe und interne Differenzierung der "Bauernschaft". Dennoch formten die unterschiedlichen Typen agrarischer Produzentinnen und Produzenten kaum politische Oppositionsbewegungen; der Großteil von ihnen wurde unter der Hegemonie des katholisch- konservativen "Bauernbunds" politisch mobilisiert. Große Veränderungen wie diese können bevorzugt im Kleinen erforscht werden - eine Annahme, die durch die Ergebnisse dieses Projektes bekräftigt wurde.
- Universität Wien - 100%