Dialektometrische Analyse des ALD I
Dialectometric Analysis of the ALD I
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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ITALIAN DIALECTS,
DOLOMITIC LADINIAN,
DIALECTOMETRY,
DIALECTOLOGY,
CLASSIFICATION,
COMPUTATIONAL LINGUISTICS
Forschungsprojekt P 14566Dialektometrische Analyse des ALD IRoland BAUER09.10.2000 Unter Dialektometrie versteht man das Verfahren, die in Sprachatlanten gespeicherten Originaldaten mittels statistischer Methoden zu synthetisieren und solcherart in den Sprachatlasdaten implizit enthaltene höherrangige Ordnungsmuster offenzulegen bzw. explizit zu machen. Damit werden Probleme wie jenes der Dialektverzahnung, der Dialektübergänge, der Dialektgrenzen usw. in globaler und interdisziplinär verwertbarer Weise erforscht. Im allgemeinen geht es im Rahmen der Dialektometrie darum, die Sprachatlanten zuerst EDV-gerecht zu kodieren (Messung), dann diese Kodierung statistisch zu verdichten (EDV-Numerik) und abschließend die numerischen Resultate in aussagekräftiger Form zu visualisleren (EDV-Graphik mittels computerunterstützter kartographischer Verfahren, z.B. Geographical Information Systems, kurz GIS). Im vorliegenden Antrag ist geplant, die Ende 1998 fertiggestellte Datenbank eines zur maschinenlesbaren Sprachatlasses (des FWF-geförderten Ladinienatlas ALDI) unter Einsatz eines Dialektometrie-Programmsystems (VDM, ebenfalls im Rahmen eines FWF-Projekts realisiert) zur Gänze dialektometrisch auszuwerten. In diesem Zusammenhang sollen die gesamte, rund 1 Million Zellen große Datenmatrix des ALDI (217 Messpunkte = Ortschaften mal ca. 4.500 Arbeitskarten) verrechnet und die entsprechenden Verrechnungsergebnisse visualisiert und interpretiert werden.
Das Hauptziel des Projekts lag in einer umfassenden quantitativen Klassifikation jener 217 oberitalienischen (d.h. lombardischen, trentinischen u. venedischen) und rätoromanischen (d.h. bündnerromanischen, dolomitenladinischen u. friaulischen) Mundarten, die in den vier Bänden des Sprachatlasses des Dolomitenladinischen (ALD-I, 1998) dokumentiert sind. Die mittels numerischer Klassifikation durchgeführte Analyse stützte sich dabei auf das größte zu diesem Raum verfügbare Datencorpus, wobei knapp 3.900 Einzelauswertungen der originalen Sprachatlaskarten vorgenommen wurden. Somit konnte die dialektometrische Analyse aus einer über 850.000 Zellen umfassenden Datenmatrix schöpfen (219 Ortsdialekte * 3.899 sprachliche Merkmale). Hier die wichtigsten im Laufe der Projektarbeit erzielten Resultate: 1. Zu jedem unserer 217 Ortsdialekte können (in Form färbiger Karten) so genannte Ähnlichkeitsprofile generiert werden, die es erlauben, die Position des gewählten Ortsdialekts innerhalb einer Sprachlandschaft/eines Sprachsystems näher zu beleuchten. Dadurch können Fragen nach der Einbettung, dem Einzugsbereich, der räumlichen Ausstrahlung bzw. der Abgrenzung der Dialekte beantwortet werden. 2. Die unter 1. genannten Einsichten können auch bezüglich zweier, künstlich in das Untersuchungsnetz eingestreuter Vergleichspunkte (Standarditalienisch u. Standardfranzösisch) gewonnen werden, um solcherart die Relationen (sprachliche Ähnlichkeiten u. Distanzen) zwischen den oberitalienischen bzw. rätoromanischen Dialekten und den beiden genannten Hochsprachen herauszuarbeiten. 3. Als eines von mehreren Kernresultaten sei erwähnt, dass die größte geotypologische Differenzierung des 24.500 km 2 großen Beobachtungsraumes heute zwei klar voneinander zu trennende Sprachtypen betrifft, nämlich das Rätoromanische und das Oberitalienische. Diese Erkenntnis sollte dazu beitragen können, der klassifikationsfeindlichen Philosophie der Gegner einer rätoromanischen Sprachfamilie, die selbiges seit gut 100 Jahren zum italienischen Sprachtyp schlagen und ihm somit jegliche Eigenständigkeit verwehren, aus dialektometrischer Sicht Wind aus den Segeln zu nehmen und somit die im Bereich der Italianistik bzw. Rätoromanistik schwelende Streitfrage um das Rätoromanische (die so genannte "questione ladina") entschärfen zu helfen. 4. Besonders ergiebig waren die dialektometrischen Ergebnisse bezüglich des trentinischen Dialektraums. Dort lässt sich nämlich weder die in der Fachliteratur überlieferte Klassifikation einiger nordwesttrentinischer Mundarten (Noce-Tal: Sulzberg und Nonsberg) als "halbladinisch" noch die Zuordnung eines Teils dieser Dialekte (oberer Sulzberg) zum Alpinlombardischen rechtfertigen. Die genannten Varietäten erscheinen indes klar an das zentraltrentinische, stark vom Venedischen beeinflusste System angebunden. Der trentinische Zentralraum, der sich entlang der Etsch vom Bozner Unterland bis an die Südgrenze der Provinz Trient erstreckt, tritt bei allen dialektometrischen Einzelanalysen als sehr kompakte Klasse in Erscheinung, so dass auch die in den Handbüchern überlieferte, zwischen Trient und Rovereto liegende Murazzi-Grenze, die historisch gesehen der Nordgrenze der Republik Venedig im 15. Jh. entspricht, offensichtlich ausschließlich auf Merkmalsillusionen, i.e. auf speziell gewählten Sprachmerkmalen (Einzelisoglossen) beruhen dürfte und mittlerweile als realiter nicht mehr feststellbare und somit mythische Sprachgrenze charakterisiert werden kann.
- Universität Salzburg - 100%