Bevölkerungswissenschaft in Österreich 1918-1938
Demographic research in Austria 1918-1938
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (5%); Soziologie (75%)
Keywords
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BEVÖLKERUNGSWISSENSCHAFT,
ÖSTERREICH,
ZWISCHENKRIEGSZEIT,
GESCHICHTE,
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
Forschungsprojekt P 14567Bevölkerungswissenschaft in Österreich 1918-1938Josoef KYTIR09.10.2000 Die Bevölkerungswissenschaft ist im deutschen Sprachraum durch den Nationalsozialismus eine historisch stark "vorbelastete" Wissenschaftsdisziplin. Aufgrund der institutionellen Rahmenbedingungen (es gab und gibt keinen Lehrstuhl für Demographie an Österreichs Universitäten; das Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde erst Mitte der 70er Jahre, gegründet) fehlt bislang eine auf Österreich bezogene Auseinandersetzung und Aufarbeitung der im Rahmen der Bevölkerungsforschung relevanten Personen, Institutionen und Themen. Dies gilt insbesondere für die 1920er und 1930er Jahre, in denen die Bevölkerungswissenschaft jene Konzepte und Ideologien mitentwickelte und verbreitete, die dann im Dritten Reich in Form der Rassenpolitik und der Vernichtung "lebensunwerten" Lebens in die Praxis umgesetzt wurden. Das geplante Forschungsvorhaben stellt aber nicht nur eine erstmalige Aufarbeitung der für die österreichische Bevölkerungswisschaft in der Zwischenkriegszeit wichtigen Personen, Institutionen und Diskurse dar. Es sollen auch die historischen Kontinuitäten und ideologischen Wurzeln vieler Begriffe aufgezeigt werden, unter denen aktuelle demographische Themen (Alterung, Zuwanderung, drohende Bevölkerungsverluste) in der Öffentlichkeit immer noch diskutiert werden ("Überalterung", "Überfremdung" oder "Geburtenschwund"), obwohl sich die Demographie in den vergangenen 40 Jahren inhaltlich und methodisch zu einer modernen Sozialwissenschaft entwickelte.
Hauptzielsetzung des 400-seitigen Forschungsberichtes war die erstmals umfassend durchgeführte Bestandsaufnahme der sich in der Zwischenkriegszeit langsam herausbildenden Fachdisziplin Demographie. Bevölkerungswissenschaft war damals ja ein eher "nebenbei", meist im Zusammenhang mit Bevölkerungsstatistik einerseits, Bevölkerungspolitik andererseits betriebenes wissenschaftliches Forschungsgebiet. Nach kurzen methodischen Vorüberlegungen zur Abgrenzung des Untersuchungsbereiches und zur wissenschaftshistorischen Vorgehensweise beginnt ein Überblick über die prägnantesten und für die Disziplin repräsentativsten Persönlichkeiten: den Mediziner, Sozialreformer und Bevölkerungspolitiker des "Roten Wien", Julius Tandler, der beiden hauptberuflichen prominenten Bevölkerungsstatistiker Wilhelm Hecke und Wilhelm Winkler, den Soziologen und Entdecker der "Menschenökonomie" Rudolf Goldscheid, sowie die Eugeniker Heinrich Reichel und Oda Olberg. Institutionell interessierten der Aufbau und die Leitung des Bundesamts für Statistik, die Durchführung der Volkszählungen von 1920, 1923 und 1934 und ihr Widerhall in der Presse, Winklers "Institut für die Statistik der Minderheitsvölker", der Unterricht von Bevölkerungsstatistik und Bevölkerungslehre an den österreichischen Universitäten, die "Österreichische Gesellschaft für Bevölkerungspolitik (und Fürsorgewesen)" sowie weitere, sozial- und gesundheitspolitisch (und damit auch eugenisch) orientierte wissenschaftliche Vereinigungen, und schließlich auch die wichtigsten wissenschaftlichen Publikationsorgane. In einem dritten Abschnitt des Berichtes wurden die Schwerpunkte des damaligen demographischen Diskurses herausgearbeitet: Geburtenrückgang, Säuglingssterblichkeit, Landflucht und Unehelichkeit. Die Randthemen Migration, sowie nationale und ethnische Minderheiten wurden im Hinblick auf das heutige große Interesse an diesen Themen besonders untersucht. Charakteristisch für den damaligen demographischen Diskurs war darüber hinaus, dass sich Frauen kaum daran beteiligten, dass es kaum Kritik und Kontroversen gab und dass eugenisches Gedankengut, vor allem aus dem Bereich der Medizin, weitgehend unkritisch von den Demographen übernommen wurde. Antisemitische Inhalte oder Rassendiskriminierung konnte im Diskurs dagegen nicht ausfindig gemacht werden. Neben dem internen, in Österreich stattfindenden Diskurs wurde auch die Beteiligung der österreichischen Bevölkerungswissenschaftler auf internationalen Kongressen analysiert.