Literalität, Lokalkultur und Identität in der Islamischen Welt
Literacy, Local Culture and Identity in the Muslim World
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (15%); Soziologie (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (25%)
Keywords
-
SOZIALES WISSEN,
ISLAM,
ORALITÄT-LITERALITÄT,
WESTASIEN,
IDENTITÄT,
NORDAFRIKA
Forschungsprojekt P 14598 Literalität, Lokalkultur und Identität in der Islamischen Welt Andre GINGRICH 27.11.2000 Dieses Forschungsprojekt sammelt die Kapazitäten einer Reihe von erfahrenen ForscherInnen, die seit Jahren einen Prozeß, der Diskussion und Debatte über die Anthropologie Westasiens und Nordafrikas aufrechterhalten. Sein Ziel ist ein tieferes Verständnis der dynamischen Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen literalen und nichtliteralen Formen und Ebenen von Wissen und Kognition sowie deren Rolle in der Konstruktion unterschiedlicher Arten sozialer Identität in der islamischen Welt. Von aktuellen Ansätzen in Sozial- und Kulturanthropologie und verwandten Disziplinen ausgehend, streben die ProjektteilnehmerInnen danach, die idealtypische Dichotomie von auf Gelehrsamkeit und Schriftkundigkeit beruhender Elitekultur und oraler Volkskultur zu überwinden, die den westlichen wissenschaftlichen Blick auf islamische Gesellschaften lange beherrscht hat. Diese Dichotomie hat einiges für sich; sie neigt allerdings dazu, jene vielfältigen Interaktionen zwischen ,,Hochkultur" und "Volkskultur" übersehen zu lassen, die den Forschungsschwerpunkt dieses Projekts bilden. Sie läßt auch wenig Raum für die auf Buchdruck, Zeitungen, Radio und Fernsehen und den neuen Medien beruhenden moderneren Wissens- und Kommunikationsformen, die in der islamischen Welt heute große Bedeutung haben. Die Forschungen des Projektes befassen sich mit spezifischen Fällen der Wechselbeziehung zwischen unterschiedlichen Formen von Kognition und Kommunikation, traditionell wie modern, in ihrem jeweiligen historischen Kontext und ihren empirischen Manifestationen. Sie berücksichtigen dabei auch die Einflüsse supralokaler und globaler Faktoren auf lokale Weltbilder, Wissensformen und soziale Beziehungen. Eine weitere wichtige Frage in diesem Zusammenhang betrifft den Beitrag, den die Wahrnehmung kultureller Unterschiede in Wissen und Kommunikation zur Definition und Redefinition lokaler und nichtlokaler Identitäten im Zuge von Kulturwandelprozessen leisten kann. Auf der Grundlage eines gemeinsamen theoretischen und methodologischen Ansatzes vergleichen die Fallstudien kontrastierende empirische Situationen an verschiedenen Orten: Die Einflüsse von Handels- und Pilgerwegen auf lokale kulturelle Formen und politische Strukturen in der jemenitisch-saudischen Grenzregion, die Auswirkungen moderner Schulbildung auf Halbnomaden in Syrien, die Wechselbeziehungen zwischen Oraltradition und Geschichtsschreibung bei Berberstämmen in Marokko, Konzeptionen von Tabu zwischen lokalem und skripturalem Wissen in Syrien, Prozesse der Identitäts- und Gruppenbildungen bei somalischen und palästinensischen Flüchtlingen in Ägypten und im Gazastreifen, sowie den Einfluß der widersprüchlichen Beziehungen zwischen islamischem Recht, Gewohnheitsrecht und staatlichem Recht auf Heirats- und Scheidungsstrategien bei marokkanischen Berbern. Durch die systematische Verknüpfung unterschiedlicher Methoden qualitativer Feldforschung mit der Auswertung schriftlicher Quellen wird die Erarbeitung einer theoretisch fundierten Methodologie angestrebt, die der Forschung neue Wege der Interpretation sowie einen Rahmen für eine subtilere Einschätzung der Prozesse kognitiven und kulturellen Wandels zur Verfügung stellt, von denen islamische Gesellschaften heute betroffen sind. Dieser dynamische Zugang zu den vielschichtigen, hierarchisch geordneten Wissensformen, die für skripturale Zivilisationen typisch sind, kann auch in anderen Teilen der Welt nutzbringend angewendet werden. Auf diese Weise versucht das Projekt, die lange Tradition österreichischer arabistischer und anthropologischer Erforschung der islamischen Gesellschaften der Vorderen Orients mit jener Erweiterung regionaler Perspektiven zu verbinden, die zu den wichtigsten Entwicklungen in der gegenwärtigen Anthropologie zahlt.
Eine Hauptursache für die Ausbreitung des so genannten "fundamentalistischen Islam" sah die Forschung bisher im wirtschaftlichen und technischen Wandel. Der Islam sei eine primär städtische und schriftliche Religion gewesen, die sich in popularisierter Form erst mit Hilfe moderner Medien und Infrastruktur in stadtferne und ländliche Gebiete hin ausgebreitet habe. Diese neue, vereinfachende Form einer "inneren Islamisierung" habe mündliche Überlieferungen und Volkskulturen verdrängt und sei zugleich Ausgangspunkt der islamistischen Gegenbewegung gegen die Moderne geworden: So lautet etwa die These des Cambridge-Professors Ernest Gellner. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes legen eine Revision dieser These vom Absterben mündlicher Überlieferungen im Islam nahe. Sie zeigen, dass schriftliche und verbale Kommunikationsformen auch in der arabisch-islamischen Welt nicht immer starre Gegensätze sein müssen, sondern einander teils vielfältig durchdringen, teils aber auch parallel zueinander koexistieren können. Dieser erste Befund ergibt sich als Zwischenfazit aus den vier Detailstudien. Auswirkungen des Pflichtschul-Unterrichts auf halb-nomadische Bevölkerungsgruppen hat Claudia Kickinger in Syrien untersucht. Sie zeigt, dass die obligatorische Volksschule zwar neue Basisinstrumente für erweiterte Kommunikation und Identitätsfindung bereitstellt, diese aber die althergebrachten nicht unbedingt ersetzen, sondern auf unterschiedliche Weise relativieren. Speziell bei Frauen und Mädchen hat eine Phase anhaltender Pluralität von Wissens- und Identitätsformen eingesetzt, innerhalb derer je nach Kontext verschiedene Identitätsebenen aktiviert werden können. Das ganze Spektrum weiblicher Identitäten im Islam war auch Untersuchungsthema von Gudrun Kroner. Unter teils lebensbedrohenden Umständen widmete sie sich in Gaza und Kairo Flüchtlingsschicksalen aus Somalia und Palästina. Sie zeigt einen anderen Mangel der eingangs erwähnten Thesen Gellners auf, nämlich deren Nichtbeachtung moderner Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen. "Städtisches Zentrum" und "ländliche Peripherie" werden durch Ursachen und Folgen dieser Entwicklungen so sehr durcheinander gewirbelt, dass von einem einseitigen "Abdrängen" und "Absterben" keine Rede sein kann. Wolfgang Kraus verschrieb sich dem Thema der religiösen Experten im Hohen Atlas Marokkos. Er zeigt die nur mehr bedingt anhaltende Gültigkeit eines anderen Elements von Gellners These auf. Die "Heiligen" sind nicht nur Brennpunkte des ländlichen und tribalen Islam, der bei Gellner mit der städtischen Gelehrsamkeit kontrastiert. Ihnen kommt überdies eine Schlüsselrolle als Multiplikatoren von gelehrtem Schriftwissen zu. Dies erlaubt den Schluss, dass orale und schriftgebundene Traditionen oft langfristig koexistieren, dass aber auch der Einfluss mündlicher auf schriftliche Geschichtsauffassungen nicht zu unterschätzen ist. Gebhard Fartacek untersuchte den Umgang mit den Dschinn, jenen Dämonen, an die zu glauben der Koran zwar verlangt, denen aber ganz unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden können. In Syrien stehen sie immer im Zusammenhang mit "Verbotenem". Schriftgebundene Überlieferungen tendieren zu zweiwertigen Definitionen der Dschinn ("entweder - oder"), während die oft wichtigeren mündlichen Interpretationen Mehrdeutigkeiten zulassen. In jenen Landesteilen, wo Individuen besonders wenig Handlungsspielraum zugestanden wird, ist der Dämonenglaube umso ausgeprägter. Als Fazit lässt sich über die Detailergebnisse der Fallstudien hinaus zusammenfassen: Das Gellner`sche Paradigma hatte seine unzweifelhaften Verdienste. Für die Entwicklungen der Gegenwart und Zukunft deckt es aber nur mehr Bruchteile der Realität ab. Die "vulgarisierte Schriftfrömmigkeit" macht nur eine Facette des Gesamtspektrums aus, die zudem schwächer und vielleicht auch deshalb radikaler geworden ist. Darunter aber wächst ein heterogener Pluralismus an sozial und medial vermittelten Wissensformen. Ihn mit europäischen Vorstellungen von Pluralismus gleichzusetzen wäre ebenso falsch wie ihn als etwas "völlig Anderes" darzustellen. An der Ausarbeitung eines neuen Paradigmas mitzuwirken, das diesem Pluralismus gerecht wird, ist die nächste Aufgabe der Forschung.
- Walter Dostal, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Muhammad Al-Zulfa, King Saud University - Saudi-Arabien
- Edouard Conte, University of Bern - Schweiz