Mittellateinische Karlsepik und Chansons de Geste
Medieval latin epic about Charlemagne and Chansons de Geste
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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KARL DER GROßE,
UGOLINO VERINO,
CHANSONS DE GESTE,
AACHENER KARLSEPOS,
KARLSEPIK
Forschungsprojekt P 14676 Mittellateinische Karlsepik und Chansons de Geste Christine RATKOWITSCH 27.11.2000 Bereits zu seinen Lebzeiten trat Karl der Große als Protagonist im sog. Aachener Karlsepos (Anf. 9. Jh.), auf. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Kaiser Beispielfigur schlechthin für die Herrscher des lateinischen Abendlandes. So entstanden zahlreiche Epen und verwandte Dichtungen, in denen Karls Heldentaten dem jeweiligen König zur Nachahmung vor Augen geführt wurden. Einige der lat. Karlsepen bewahrten dabei ein relativ historisches Karlsbild, weil sie sich vornehmlich an Einhards Vita Karoli und den frankischen Annalen orientierten (z. B. Poeta Saxo Ende 9. Jh., Karolinus des Aegidius von Paris um 1200). Daneben entwickelte sich, angeregt durch die Konflikte mit dem Islam, vor allem ab dem 11. Jh. eine rege legendenhafte Karlsdichtung, in der Karl in ganz Europa siegreich gegen die Sarazenen focht. Der Großteil dieser Dichtungen sind altfranzösische Chansons de Geste, die oft später in andere Nationalsprachen, z. B. ins (Franko)-Italienische, Spanische oder Mittelhochdeutsche, umgearbeitet wurden; daneben begegnen die legendenhaften Stoffe aber auch in lat. Dichtungen (Haager Fragment, Karolellus, Carmen de tradicione Guenonis, Carlias des Ugolino Verino). Der Frage einer gegenseitigen Beeinflussung der altfranz./franko-ital. und mittellat. Epen wurde bisher weder von der romanistischen noch von der mittellat. Philologie breiterer Raum gewidmet. Da ich vor kurzem sogar noch in der in der zweiten Hälfte des 15. Jhs. entstandenen Carlias Verinos, neben dem Bezug auf die in Prosawerken tradierten Legenden, eine Benutzung des Aachener Karlsepos und zweier Chansons de Geste wahrscheinlich machen konnte, soll nun in Form eines interdisziplinar angelegten Projekts die Wechselwirkung zwischen lat. und nationalsprachiger Epik in weiterem Rahmen untersucht werden. Aufgrund der Fülle des Materials muß sich die Fragestellung zunächst auf zwei Problemkreise beschränken, einerseits auf die Suche nach weiteren Chansons, die Verino für die Darstellung von Karls Kämpfen gegen Desiderius und die Sarazenen in Italien inspiriert haben könnte, anderseits auf die Rezeption der lat. `historischen` Karlsepik, besonders des Aachener Karlsepos und des panegyrischen Epos auf Karls Sohn Ludwig des Ermoldus Nigellus (ferner sollen Poeta Saxo und Aegidius berücksichtigt werden), in den thematisch in Frage kommenden altfranz. und franko-ital. Chansons (Charlemagne und Karleto, Mainet, Berthe aux grands pieds und Berta da 1i pe grandi, Chevalerie Ogier und Ogier li Danois, Chanson d` Aspremont und Aspramonte, La Destruction de Rome, Saisnes, Couronnement Louis). Die Auswahl konzentriert sich auf Karls Kämpfe in Italien, seinen Aufenthalt in Rom, seine Kaiserkrönung und die Sachsenkriege, weil in diesen Bereichen die Chancen, auf Spuren lat. historisch-panegyrischer Karlsepik zu stoßen, am größten sind.
Zielsetzung dieses interdisziplinären Projektes war die Untersuchung des Einflusses mittelalterlicher lateinischer und vor allem volkssprachlicher, d. h. altfranzösischer, franko-italienischer und altitalienischer Dichtungen über Karl den Großen auf das umfangreiche lateinische Epos Carlias des Florentiner Dichters Ugolino Verino (15. Jh.). In diesem dem französischen König Karl VIII. gewidmeten Epos werden zunächst der legendenhafte Zug Karls des Großen ins Heilige Land und seine Kämpfe gegen die Heiden (d. h. gegen die Mohammedaner) in Babylon (d. i. Kairo) geschildert. Nach einer Jenseitswanderung durch Hölle, Fegefeuer und Himmel (nach Dantes Divina Commedia) siegt dann Karl in einem Zweifrontenkrieg in Süditalien beim Aspramonte über die Sarazenen, im Norden über die Langobarden und deren König Desiderius. Das Epos endet mit der Kaiserkrönung in Rom. Im Stil eines klassisch-lateinischen Epos mit starken Bezügen auf Vergils Aeneis geschrieben, vereint die Dichtung inhaltlich historische Gegebenheiten (Langobarden, Kaiserkrönung) mit meist im 11. Jh. (vor den Kreuzzügen) ausgebildeten Legenden, in denen Karl als Vorkämpfer für den rechten Glauben erscheint. Diese Legenden bilden den Stoff zahlreicher mittelalterlicher altfranzösischer Chansons de Geste, die im 13./14. Jh. in eine franko- italienische Kunstsprache bzw. ins Altitalienische übersetzt und bearbeitet wurden. Die Benutzung vor allem der altfranzösischen und franko-italienischen Chansons durch Verino wurde von Nikolaus Thurn, dem Ersteditor und bisher einzigen Kommentator des Epos, gering eingeschätzt: Der Forscher betrachtet altitalienische, tw. in Prosa abgefaßte Werke des 14.Jh. (Reali di Francia des Andrea da Barberino, Aspramonte desselben Autors, La Spagna in rime) als Hauptquellen. Nur an wenigen Stellen schließt er einen Rückgriff Verinos auf ältere franko-ital. poetische Bearbeitungen nicht ganz aus. Außerdem widmet Thurn sein Augenmerk ausschließlich der von ihm edierten späteren, bereits stark humanistisch gefärbten Fassung der Carlias; die ältere, nur in einem von Verino selbst geschriebenen Kodex erhaltene Version, die viel mehr Mittelalterliches enthält, blieb in der bisherigen Forschung so gut wie unberücksichtigt. Diese Fassung wurde nun zunächt vollständig transkribiert und einer genauen Motivanalyse im Vergleich mit der späteren Version unterzogen. Danach wurden zahlreiche altfranzösische und franko-italienische Chansons ebenfalls im Hinblick auf Struktur und Motivelemente detailliert untersucht und mit den beiden Versionen der Carlias bzw. den von Turn genannten Hauptbezugstexten in ausgewählten umfangreichen Szenenkomplexen verglichen. Das Ergebnis lautet: Verino kombinierte I Reali di Francia und La Spagna in rime mit den franko-italienischen Versionen des Karleto, der Chanson de Roland und der Chanson d`Aspremont: Zahlreiche Motive sind nur in den franko-ital. Texten und bei Verino belegt. Die Auswahl dieser Motive durch den Dichter folgt einer einheitlichen Intention: Verino wollte Karl als christlichen Vorkämpfer gegen die Heiden darstellen; daher ersetzt er ,weltliche` Motivationen für Karls Handlungen (etwa hinsichtlich der Feindschaft mit dem Sarazenenprinzen Marsilius), die die altitalienischen Werke bieten, durch religiöse, die in den franko-italienischen poetischen Bearbeitungen vorliegen. Es ließ sich außerdem sehr wahrscheinlich machen, daß sich eine Kopie des Codex, der die franko-ital. Versionen der Chanson de Roland und der Chanson d`Aspremont enthält, entweder am Hof der Medici in Florenz befand oder Verino am nahen Hof der Gonzaga zugänglich war: Luigi Pulci, mit dem sich Verino in einem freundschaftlichen poetischen Wettsreit befand, zitiert nämlich wörtlich aus dieser Version der Chanson de Roland.
- Universität Wien - 100%
- Dorothea Kullmann, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland