Genre, Habitus und wissenschaftliches Schreiben
Genre, habitus and student´s academic writing
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Andere Sozialwissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
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ACADEMIC WRITING,
APPLIED LINGUISTICS,
TEXT LINGUISTICS,
INSTITUTIONAL COMMUNICATION,
DISCOURSE ANALYSIS
In diesem Projekt werden diskursive Merkmale studentischer und professioneller aus zwei Disziplinen an zwei Universitäten, die sich (auch v.a. hinsichtlich der Organisation) unterscheiden, untersucht. Das Datenmaterial umfasst dabei nicht nur Seminararbeiten und wissenschaftliche Artikel, sondern auch Interviews mit Studierenden und Lehrenden. Außerdem wird das Datenkorpus durch Beobachtungsprotokolle ergänzt, die bei der teilnehmenden Beobachtung an zwei Seminaren an den entsprechenden Instituten, aufgenommen werden. Der studentische Schreibprozess kann so im Kontext von Institution und persönlichen Einstellungen gesehen werden. Den theoretischen Rahmen der Untersuchung bilden Bourdieus Habitustheorie (Bourdieu, 1977) und Faircloughs Diskurstheorie (Fairclough, 1992), die sich sinnvoll verbinden lassen, da diskursive Ordnungen als konstitutive Bestandteile des Habitus in einem bestimmten akademischen Feld gesehen werden können. Das bedeutet, dass die Kenntnis über die betreffenden Genres, Stile und Handlungstypen und deren Verknüpfungen in einem bestimmten akademischen Feld entscheidend zum symbolischen Kapital beiträgt, das jemand in einem. bestimmten Feld erwerben kann. Die Verbindung zwischen den Konzepten Feld`, Habitus` und symbolischem Kapital` einerseits, und den Diskursen` und diskursiven Ordnungen` mit deren konstitutiven Teilen andererseits, führt uns zu folgenden Forschungsfragen: Wie unterscheidet sich der Habitus zweier verschiedener Fachrichtungen`? Wie und in welchem Ausmaß helfen Lehrende den Studierenden, einen angemessenen akademischen Habitus zu entwickeln? Inwiefern eignen sich Studierende den Habitus im entsprechenden Studienfach an? Inwiefern sind sie sich der Konventionen hinsichtlich der Genres ihres Faches bewusst? Wie wenden sie Kenntnisse über diese Konventionen bei der Textproduktion an? Wie sehr weisen ihre Texte Merkmale der entsprechenden Konventionen ihres Faches auf? Wie kann Studierenden. geholfen werden, ein Bewusstsein der Anforderungen, die sie bei der Abfassung von Seminararbeiten zu erfüllen haben, zu entwickeln und diese Anforderungen auch zu erfüllen? Da wir unterschiedliche Datensätze in unsere Analyse einfließen lassen, und ein vielschichtiges Analyseverfahren anwenden, wird gewährleistet, dass die Ergebnisse nicht nur für ein bestimmtes Institut und Fach Gültigkeit besitzen. Die anschließenden entwickelten Vorschläge für unterstützende Maßnahmen beruhen nicht nur auf festgestellten Defiziten und Kompetenzen von Studierenden, sondern es werden auch die Bedürfnisse und Einstellungen von Studierenden und Lehrenden mit einbezogen.
In dieser Untersuchung wurde die Schreibpraxis von österreichischen Studierenden aus drei sozialwissenschaftlichen Fächern (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Personalwirtschaft und Wirtschaftspsychologie) untersucht. Dazu wurden Textanalysen mit Interviewanalysen und der teilnehmenden Beobachtung dreier Seminare kombiniert. Um unsere Ergebnisse zu erklären entwickelten wir ein Textmodell, in dem wir zwischen "Texttypen" (abstrakten Einheiten auf einem allgemeinen Niveau), die hauptsächlich durch institutionelle und soziale Zwecke definiert sind, und "Textsorten", die (semiotisch angereicherte) Realisierungen von Texttypen in bestimmten institutionellen und sozialen Kontexten sind, unterscheiden. Texttypen und -sorten sind mit dem feldspezifischen Habitus einer Person insofern verbunden, als das Wissen, welche Texttypen und - sorten für bestimmte Aufgaben in einem Feld relevant sind, ein relevantes symbolisches Kapital darstellt. Ein allgemeines Ziel des Projekts war es zu untersuchen, ob Studierende bereits einen disziplinspezifischen Habitus entwickelt haben und demnach Texte produzieren, die fachspezifische Textsorten realisieren. Ein weiteres Ziel der Untersuchung bestand darin, herauszufinden ob und welche sprachliche Merkmale einer Seminararbeit mit ihrer Beurteilung durch den Seminarleiter korrelieren. Die quantitative und qualitative Textanalyse aller sprachlichen Charakteristika, die wir untersuchten, zeigen dass die Studierenden in den drei Seminaren unterschiedliche Textsorten produzieren, die jedoch alle zu einem Texttyp, den wir "universitäre Prüfungsarbeit" genannt haben, gehören. Dieser Texttyp befindet sich am Schnittpunkt zweier sozialer Felder, nämlich des universitären und des akademischen Feldes (diese Unterscheidung folgt Bourdieus Arbeit über den "Homo academicus"). Unsere Resultate zeigen auch, dass sich die Studierenden des doppelten institutionellen Zwecks des Texttyps bewusst sind, allerdings in unterschiedlicher Art. Während sich Studierende der Wirtschaftsgeschichte hauptsächlich am wissenschaftlichen Zweck einer Seminararbeit orientieren und damit den Habitus von JungwissenschaftlerInnen zeigen, orientieren sich Personalwirtschaftsstudierende und Studierende der Wirtschaftspsychologie am Prüfungscharakter der Texte und zeigen damit eher einen "Studierendenhabitus". Der Zusammenhang zwischen sprachlichen Textmerkmalen und der Benotung der Texte ist nicht einfach. Die meisten sprachlichen Merkmale der mikrotextuellen Ebene zeigen keinen Zusammenhang mit der Benotung. Viele Merkmale der meso- und makrotextuellen Ebene hingegen zeigen klare Zusammenhänge mit den Noten der Arbeiten. Die vorliegende Studie hat ein weit reichendes Anwendungspotential. Ihre Resultate können verwendet werden, um Schreibunterstützungsmaßnahmen für Studierende in unterschiedlicher Form zu planen und zu realisieren.
- Universität Wien - 100%