Der Briefwechsel zwischen Goethe und Kaspar Graf Sternberg
The Correspondence between Goethe and Kaspar Graf Sternberg
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Philosophie, Ethik, Religion (35%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
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GOETHE,
NATURAL PHILOSOPHY,
STERNBERG,
CULTURAL HISTORY,
CORRESPONDENCE,
BOHEMIA
Forschungsprojekt P 14773 Der Briefwechsel zwischen Goethe und Kasper Graf SternbergW. KRIEGLEDER 27.11.2000 Das vorliegende Projekt bezweckt die naturphilosophische und kulturhistorische Interpretation eines bislang philologisch unbearbeiteten Briefwechsels zwischen Goethe und Graf Kaspar Sternberg, einem böhrnischen Naturforscher und Mitbegründer des böhmischen Nationalmuseums in Prag, dem Goethe auf seinem Kuraufenthalt in Marienbad 1822 persönlich begegnet ist. Diese Briefe erfüllen folgende Zielsetzungen: 1. Sie weisen auf das geistige Wirken innerhalb der späten Freundschaft Goethes mit dem um zwölf Jahre jüngeren Freund, der bislang in der Goethe-Forschung kaum genannt wurde. 2. Sie bezeugen und ergänzen die wissenschafts- und naturphilosophischen Hintergründe im Denken der beiden gleichermaßen vertieften Forscher wie unterschiedlich veranlagten Charaktere. 3. Sie dokumentieren das kulturhistorische Bild Böhmens in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Folgende Methoden kommen zur Erleuchtung der genannten Fragestellung zur Anwendung: a) die Stilanalyse (s. 1.2.3.) b) ein kulturhistorisches Quellenstudium zum Königreich Böhmen zwischen 1820 und 1832 (s. 1.2.4.) c) die philologische Ermittlung von Goethes Naturphilosophie aus der untersuchten Korrespondenz in Gegenüberstellung zu seinem naturwissenschaftlichen Werk (s. 1.2.2.) d) das philologische Studium von Tagebuchs- und Gesprächsaufzeichnungen sowie Briefen beider Korrespondenten an weitere Adressaten e) die Ermittlung von relevanten Editionen aus der Bibliothek des Kaspar von Sternberg
Das Projekt Der Briefwechsel zwischen Goethe und Kaspar Graf von Sternberg beinhaltete die philologische, wissenschaftshistorische und kulturgeschichtliche Erläuterung der Alterskorrespondenz zwischen Goethe und dem böhmischen Naturforscher Sternberg, die von 1820 bis 1832 währte. Folgende Ergebnisse wurden dabei erzielt: 1) Die beiden Korrespondenten waren in ihren Lebensanschauungen und -gesinnungen, besonders aber in ihren naturwissenschaftlichen Bestrebungen, die den Briefwechsel bestimmen, auch in ihrem Alter von den Grundsätzen der Spätaufklärung geprägt. Dies erweist sich in ihrer übereinstimmenden Beurteilung der Französischen Revolution und deren politischen Folgen, in der optimistischen Fortschrittsgläubigkeit in ihrer Naturforschung und in der moralistischen Wertung derselben im Sinne einer Erlangung des Humanitätsideals im wissenschaftlichen Streben. 2) Die Untersuchung von Sternbergs Privatbibliothek und das Studium seiner Lebensaufzeichnungen ergab, dass der Naturforscher schon vor seiner persönlichen Bekanntschaft mit Goethe mit dessen dichterischem Werk vertraut und von ihm beeindruckt war. 3) Drei Aufenthalte in Weimar in den Sommern 1824, 1827 und 1830 machten Sternberg bekannt mit dem Weimarer Hof. 4) Die Stilanalyse der Goethe-Sternberg`schen Korrespondenz ergab eine fortlaufende Vertrautheit in der persönlichen Beziehung zwischen den Autoren besonders nach 1822, dem Jahr ihres ersten persönlichen Zusammentreffen in Marienbad. Es fällt auf, dass sich Goethes Stil als einfallsreicher und von den zeitgenössischen Stilkonventionen der Textsorte Brief unabhängiger ausnimmt als jener Sternbergs. Der Korrespondenz beigefügt wurden Goethes an Sternberg gerichtete Gelegenheitsgedichte, die den Briefen ein besonderes literarisches Gepräge verleihen. Auch in der Erörterung wissenschaftlicher Fragestellungen setzt sich Goethe über die entsprechenden Stilvorgaben der einzelnen Disziplinen in Nomenklatur, Exaktheit der Beschreibung etc. wiederholt hinweg, während diese von Sternberg sorgfältig eingehalten werden. Die stilistischen Gewohnheiten der Briefautoren wirken sich mithin diskursübergreifend aus und reflektieren ihre individuelle Denkweise, die sich bei Goethe auch im wissenschaftlichen Bereich als literarisch-kreativ und bei Sternberg als streng logisch und systematisch erweist. 5) Die Gründungsumstände des von Sternberg ins Leben gerufenen Vaterländischen Museums in Prag (später Böhmisches Nationalmuseum) wurden aufgezeigt, dem Goethe geologische Suiten aus der Marienbader Umgebung zu den Sammlungen beisteuerte und dadurch zunächst stiftendes und später - wie auch Carl August von Weimar- Sachsen-Eisenach - Ehrenmitglied von dessen Gesellschaft wurde. 6) Das entsprechende Quellenstudium im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien sowie die in Prag lagernden Korrespondenzen mit Sternberg erhellten dessen Einflussnahme auf die Wissenschaftspolitik der Vormärzjahre in der Habsburgmonarchie. So wurde er wiederholt zu Gutachten herbeigezogen, z. B. zur Neuorganisation der k. k. Vereinten Hofnaturalienkabinette in Wien und zur Gründung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er hatte Einfluss auf die Publikationen der Brasilien-Expedition und führte die Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in die österreichische Monarchie ein. In all diesen Zusammenhängen wurden neue Quellen aufgedeckt. 7) In zahlreichen naturwissenschaftlichen Themen verschiedener Disziplinen ließ sich der Stellenwert Sternbergs als wissenschaftlicher Mentor Goethes ermitteln. Es steht hiemit außer Zweifel, dass Goethe seine eigenen Kenntnisse jenen Sternbergs in den meisten Fällen unterordnete. Goethes Verhältnis zu den romantischen Strömungen in der Naturforschung seiner Zeit - etwa zu den Gedanken Fichtes und Schelvers - wurde im vorliegenden Projekt neu überdacht; es konnte aufgewiesen werden, dass sich Goethe im Alter der romantischen Naturphilosophie gedanklich zumindest genähert hat.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 2 Zitationen
- 1 Publikationen
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2007
Titel Geological travellers in view of their philosophical and economical intentions: Johann Wolfgang von Goethe (17491832) and Caspar Maria Count Sternberg (17611838) DOI 10.1144/sp287.6 Typ Journal Article Autor Schweizer C Journal Geological Society, London, Special Publications Seiten 63-72