Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
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GERMAN LITERATURE,
DUTCH LITERATURE,
RECEPTION,
MUTUAL INFLUENCE
Seit Jahrhunderten gibt es einen aktiven (wenn auch nicht immer gleich intensiven) Kulturaustausch zwischen dem niederländischen und dem deutschen Sprachraum. Viele Autoren sind als Kulturvermittler aufgetreten und einzelne haben im niederländischen beziehungsweise im deutschen Sprachraum eine bedeutsame Rolle gespielt. Darüber hinaus hat man in verschiedenen Perioden im jeweiligen Sprachraum mit viel Aufmerksamkeit auf die andere Literatur geschaut. Man denke in diesem Zusammenhang an die Bedeutung Franz Kafkas oder etwa der Exilautoren für den niederländischen Sprachraum und an den großen Erfolg der niederländischsprachigen Literatur im deutschen Sprachraum im letzten Jahrzehnt. Seit dem Durchbruch von Autoren wie Hugo Claus, Harry Mulisch und Cees Nooteboom Mitte der achtziger Jahre hat die niederländischsprachige Literatur im deutschen Sprachraum einen eigenen Platz erobert. Trotzdem wurde die Beziehung zwischen der deutsch- und der niederländischsprachigen Literatur bislang nicht systematisch untersucht. Im Gegenteil, in den meisten deutschsprachigen Übersichten über die Geschichte der niederländischsprachigen Literatur sowie in den literaturhistorischen Darstellungen zur deutschsprachigen Literatur, die in den Niederlanden und Flandern erschienen sind, fehlt sowohl der systematische Bezug auf das Ausland als auch auf die oft sehr intensiven Kontakte zwischen deutsch- und niederländischsprachigen Autoren sowie auf die Rolle der Rezeption der deutschsprachigen Literatur in den Niederlanden und in Flandern. So drohen wichtige literaturhistorische Erkenntnisse verloren zu gehen. In diesem Projekt wird die niederländisch- und die deutschsprachige Literatur deshalb nicht im traditionellen Sinne als quasi-autonom getrennt von der so genannten außerliterarischen Wirklichkeit, den anderen Künsten und der ausländischen Literatur präsentiert. Durch die besondere Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen der niederländischsprachigen Literatur und der deutschsprachigen und der Rolle der jeweils in die andere Sprache übersetzten Literatur soll erstmals gezeigt werden, wie die Konzepte oder Systeme der niederländisch- beziehungsweise der deutschsprachigen Literatur im Kontext der jeweils anderen entstehen und verändern. Nicht nur inhaltlich möchte das Projektteam neue Wege gehen. Auch bei der Präsentation der Untersuchungsresultate soll Neuland betreten werden. Die Geschichte der niederländisch- und deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtung der Wechselbeziehungen zwischen der niederländisch- und der deutschsprachigen Literatur soll als WWW-Cluster im Internet präsentiert werden. Die Basis für dieses in Europa einmalige Cluster, in dem der Benutzer frei die Perspektiven wird wechseln können und assoziativ und synthetisierend die Daten neu strukturieren können wird, bilden die Dokumentationsstellen für deutschsprachige Literatur in den Niederlanden und Flandern und für niederländischsprachige Literatur im Ausland, die von der Wiener Nederlandistik gegründet wurden und in denen in den vergangenen Jahren bereits ca. 30.000 bibliographische Daten und Rezeptionsdokumente zusammengetragen wurden.
Literaturen `erscheinen` an den Grenzen mit anderen Literaturen, anderen Systemen oder Elementen. Dies ist der Kerngedanke hinter dem Projekt Literatur im Kontext. Mit Literatur im Kontext wollten wir nicht nur die verschiedenen Kräfte und Mechanismen zeigen, die im großen Feld der Literaturen im internationalen Kontext eine Rolle spielen. Von Anfang an haben wir uns für ein System entschieden, das Grenzen sichtbar macht. Literatur im Kontext zeigt zum einen, wie und warum Systeme geschieden werden, und zum anderen, dass sie doch nicht getrennt werden können. Kern des Projektes ist ein innovativer, dynamischer WWW-Cluster zur Geschichte der niederländischen- und der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Wechselbeziehungen zwischen beiden Literaturen (http://www.ned.univie.ac.at/lic/). Literatur im Kontext zeichnet sich aus durch die besondere Aufmerksamkeit für die Poetik der dargestellten Autoren und die Einbettung der Autorenprofile und der (vergleichenden) literaturhistorischen Darstellungen in einem breiten kulturhistorischen und gesellschaftlichen Kontext. Der Cluster, inzwischen mit Mitteln des europäischen Programms Kultur 2000 um bibliografische Informationen, Autorenprofile und literaturhistorische Analysen zur polnischen, slowakischen, slowenischen, tschechischen und ungarischen Literatur erweitert, wird in diesem Jahr auch für den Bereich der englischen, spanischen und afrikaansen Literatur erweitert (Finanzierung wiederum Kultur 2000 und Nederlandse Taalunie) Anders als ursprünglich vorgesehen, beschreibt Literatur im Kontext inzwischen weit mehr als die kaum erforschten Wechselbeziehungen zwischen der deutsch- und der niederländischsprachigen Literatur. Das System ist äußert dynamisch und dennoch klar hierarchisch strukturiert. Auf der oberen Ebene werden die Resultate der synchronen und diachronen Vergleiche präsentiert. Diese Ebene verweist automatisch auf die unteren Ebenen, d.h. auf die Autorenprofile, die bibliografischen Sätze, die Links usw. So werden quasi von selbst fortwährend neue Querverweise generiert, neue Forschungsbereiche aufgezeigt. Für die Projektphase 2000-2004 wurden vier Schwerpunkte gesetzt: der historische Roman, die Literatur der Wende (1980-2000) und der ersten Jahrhundertwende, und die Literatur der fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das Projekt wurde abgeschlossen mit der Tagung Rezeption, Interaktion und Integration, während der die wichtigsten wissenschaftlichen Probleme des Projektes Literatur im Kontext diskutiert wurden. (Siehe hierzu auch: Leopold Decloedt, Herbert Van Uffelen u. Elisabeth Weissenböck (Hg.) Rezeption, Interaktion und Integration, niederländischsprachige und deutschsprachige Literatur im Kontext. Edition Praesens, Wien, 2004, ISBN 3-7069- 0252-4, brosch., 331 S.)
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