Der frühchristliche Kirchenkomplex in Sandanski
The Early Christian church complex in Sandanski
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Philosophie, Ethik, Religion (30%)
Keywords
-
SPÄTANTIKE/LATE ANTIQUITY,
INNENAUSSTATTUNG/INTERIOR DECORATION,
BALKAN/THE BALKANS,
NEKROPOLE/CEMETERY,
BISCHOFSKIRCHE/CATHEDRAL,
PERIODISIERUNG/PERIODIZATION
An der Stelle der modernen südwestbulgarischen Stadt Sandanski befand sich ein antiker Vorläufer, dessen Name bis heute unbekannt ist. Archäologische Funde der letzten Jahrzehnte belegen eine wohlhabende Provinzstadt der Römerzeit, die in der Spätantike auch Sitz eines Bischofs war. Im Zentrum des Projektes stehen die Dokumentation und wissenschaftliche Bearbeitung des Komplexes der Bischofskirche. Sie wurde 1989 bei Bauarbeiten entdeckt und wird seit 1992 systematisch erforscht. Seit 1995 besteht eine österreichisch-bulgarische Kooperation, die im Rahmen dieses Projektes fortgesetzt werden soll. Die Kirche, eine dreischiffige Emporenbasilika, ist die größte der vier die bisher in Sandanski ans Tageslicht kamen. Das Atrium schloß aus Platzgründen nicht westlich des Narthex, sondern südlich der Basilika an. Ein Korridor verband den Narthex mit dem Baptisterium, welches bereits während des 1.Weltkrieges aufgedeckt und als Bunker zweckentfremdet worden war. In der Folge geriet es in Vergessenheit und wurde erst vor kurzem am westlichen Rand des Grabungsareals wiederentdeckt. Seine Mauern stehen immer noch bis zum Gewölbeansatz aufrecht, sodaß seine Dokumentation einen Schwerpunkt der Projektarbeit bilden wird. Die Kirche war von Anfang an reich mit Wandmalereien, Bodenmosaiken und figürlich deko-rierten Schrankenplatten ausgestattet. Es lassen sich mindestens drei Bauphasen unterscheiden, deren älteste noch an das Ende des 4. oder den Anfang des 5.Jhs. gesetzt werden kann. Im Zuge eines Umbaues wurden im 5.Jh. das Presbyterium erhöht und ein zweiläufiger Ambo errichtet, in einer letzten Phase im 6.Jh. auf beiden Seiten der Apsis Pastopohorien eingerichtet und im westlichen Teil des Mittelschiffes sowie im Narthex Bänke eingebaut. Alles in allem stellt die Basilika einen typischen Vertreter frühchristlicher Architektur auf dem Balkan dar, dessen Innenausstattung allerdings über den Durchschnitt hinausragt.. Weiters gehört zur Kirche noch ein im Süden anschließendes Atrium. Über diesen noch nicht ergrabenen Vorhof gelangte man zu einer von Portiken gesäumten Straße, die alle bisher im Zentrum von Sandanski bekannten Kirchen miteinander verband. Ziel des Projektes ist es auch, neben den Erkenntnissen zur Bischofskirche zusätzliche Informationen zu den bereits früher ausgegrabenen Kirchen zu erhalten. Deren Untersuchungen waren teilweise nur als Notgrabungen möglich gewesen und ließen einige Fragen - vor allem zur Datierung - offen. Ein wichtiger Punkt sind hier die Mosaiken, die auf eine einzige Werkstatt hindeuten, die in der 2.Hälfte des 5. Jhs. in Sandanski und Umgebung gearbeitet hat. Ergänzend zur Bischofskirche wird auch das städtische Umfeld untersucht. Topographische Untersuchungen und eine eingehende Beschäftigung mit den Nekropolen der Stadt sollen ein besseres Gesamtbild der spätantiken Stadt und ihrer Bewohner bieten. Die Keramik- und Kleinfundauswertung läßt Rückschlüsse auf Handelsbeziehungen und Verkehrsverbindungen zu. Künstlerische Einflüsse aus Konstantinopel lassen sich bei den reliefierten Schrankenplatten und der Bauplastik feststellen, bei den Mosaiken scheinen eher Einflüsse aus Thessaloniki ausschlag-gebend gewesen zu sein.
Das Projekt diente der Fortsetzung bzw. dem Abschluss der wissenschaftlichen Auswertung der spätantiken Bischofskirche in Sandanski. Der Komplex, der ursprünglich wohl nur aus der Kirche und einem bisher nicht gefundenen ersten Baptisterium bestand, wurde mehrfach erweitert und den sich ändernden Bedürfnissen der Liturgie angepasst. Zum vorläufigen Ende der Ausgrabung ergibt sich folgendes Bild: die älteste Kirche aus dem Anfang des 5. Jhs. stellte eine dreischiffige Säulenbasilika dar, die vermutlich noch keinen Narthex besaß, sondern vom Atrium aus betreten werden konnte. Wie anhand der Reste des Mosaikbodens nachgewiesen werden kann, war das Presbyterium noch nicht erhöht, durch seine Einfassung mittels figürlich dekorierter Schrankenplatten aber deutlich vom übrigen Kirchenraum getrennt. Diese stark fragmentiert auf uns gekommenen Platten wurden aufgrund ihrer Wertschätzung in jeder weiteren Phase wiederverwendet. Als Basen, Säulen und Kapitelle des Baues fanden Spolien, die einem Gebäude des 3. Jhs. zuzurechnen sind, Verwendung. Zur Innenausstattung gehörte weiters ein Mosaikboden mit geometrischem Dekor, sowie eine flüchtige, Architektur imitierende Wandmalerei. In der 2. Hälfte des 5. Jhs. erweiterte man den Bau durch einen Narthex im Westen, im Mittelschiff wurde ein südlich aus der Mittelachse verschobener Ambo eingebaut. Der Bauherr dieser Erweiterung hatte sich wohl in der Mosaikinschrift verewigt, über die man beim Eintritt in die Kirche hinwegschritt, bedauerlicherweise waren nur die letzten 4 Buchstaben erhalten. Kurz danach wurden ca. zwei Drittel des Mittelschiffbodens erneuert, nur der Teil auf dem sich der Ambo befand blieb unangetastet. Gleichzeitig wurde das Presbyterium erhöht und mit einem aufwändigen opus-sectile-Boden versehen. Ähnliche Veränderungen lassen sich in zahlreichen Kirchen des Balkans sowie Nord- und Mittelgriechenlands feststellen. Es steigt der Bedarf an Nebenräumen, dem durch Anbauten im Westen entsprochen wird und im selben Zusammenhang dürfte auch der Neubau des Baptisteriums erfolgt sein. Dieser überkuppelte Rundbau wies wohl von Anfang an ein Kuppelmosaik, Wandmalerei sowie besonders qualitätvolle Bauplastik auf. Weitere bauliche Veränderungen wurden in der Mitte des 6. Jhs. vorgenommen. Durch die Lage am Fuß eines Hanges bedingt, scheint Wasser die Stabilität des Baues gefährdet zu haben. Vor der nördlichen Säulenstellung wurde ein Kanal eingezogen, der Boden erhöht und darüber ein neuer Marmorplattenbelag verlegt. Die Seitenschiffe erhielten ob ihrer minderen Bedeutung einen Belag aus Ziegelplatten. Die Priesterbänke wurden aus dem Halbrund der Apsis an beide Seiten des Altares verlegt, für die Gläubigen in den Seitenschiffen und im Vorraum niedrige Bänke eingebaut. In dieser Form bestand die Kirche nur noch kurze Zeit, ehe sie Ende des 6. Jhs. zerstört wurde. Neben seiner wissenschaftlichen Bedeutung ist der Komplex vor allem für den aufstrebenden Tourismus interessant. Eine Präsentation in situ ist in Planung.
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