Der Mann im Eis: menschliche und tierische Koprolithen
The Man in the Ice: human and animal coprolite analysis
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (100%)
Keywords
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ICEMAN,
NEOLITHIC,
COPROLITE,
PREHISTORIC ANIMAL DIET,
PREHISTORIC DIET,
PREHISTORIC TRANSHUMANCE
In jüngerer Zeit wurden von Medizinern neue Proben von verschiedenen Organen des Eismannes genommen, um Pollen- und Großrestanalysen an den verschiedenen Geweben und an den Speiseresten aus dem Darmtrakt vorzunehmen. Diese zusätzlichen Proben versprechen weitere Erkenntnisse über die Ernährung und die Umwelt, als auch über den Todeszeitpunkt des Eismannes. Mit den neuen Proben kann die Variabilität der Zusammensetzung des Speisebreis in seinem Darm erfaßt werden, und liefert damit neue Aspekte zur Diät des Eismannes. Bis jetzt ist anhand der Analysen einer Probe bekannt, daß der Großteil seines Speisebreis aus Kleie von Einkorn (Triticum monococcum) bestanden hat (Oeggl 1998, 2000). Daneben belegen aber Steinzellen und Gefäßelemente, daß der Eismann noch andere Pflanzen konsumiert hat, die aber wegen der schlechten Erhaltung nicht bis auf die Art bestimmt werden konnten. Die neuen Proben aus dem Magen und Dünndarm lassen wegen der geringeren Digestion einen besseren Erhaltungszustand erwarten. Damit sind auch bessere Möglichkeiten zur Bestimmung neuer Pflanzengewebe gegeben. Zusätzlich verspricht die größere Probenquantität aus verschiedenen Bereichen des Darmtraktes neue Aspekte zur neolithischen Diät. Der Hintergrundpollen (= unintentionell konsumierter Pollen von windblütigen Pflanzen aus der Umgebung, in der sich der Eismann aufhielt), der im Speisebrei und in den Schleimhäuten der Nase, des Kehlkopfes und der Lunge enthalten ist, soll die Umwelt während seiner letzten Lebenstage präziser einschränken. Insbesondere die Pollenanalysen der Schleimhäute liefern genaue Daten über die Zusammensetzung des Hintergrundpollens, und gewährleistet damit eine bessere Interpretation des Hintergrundpollens aus dem Speisebrei. Diese Daten sind ebenfalls essentiell zur Klärung der Frage, ob der im Speisebrei häufig gefundene Ostrya-Pollen intentionell oder unintentionell aufgenommen wurde. Eine Probe aus dem Magen soll die Zusammensetzung seiner unmittelbar letzten Mahlzeit zeigen und erklären, ob der Eismann vor Hunger und an Hypothermie gestorben ist (Spindler 1996). Neben diesen Proben werden tierische Exkremente, die am Fundort in zahlreicher Menge gefunden wurden und auf einen Zeitraum von 4800 bis 2000 BC datiert sind, als Proxidaten für die neolithische Umwelt verwendet. Diese Kotbällchen von Capriden, die von Steinbock, Gemse, Schaf oder Ziege stammen, sind mit Holzresten bzw. Artefakten assoziiert. Diese Hölzer bzw. Artefakte können nur durch menschliche Aktivität zum Fundort gebracht worden sein, da die Waldgrenze nie die Höhe der Fundstelle erreicht hat und Windtransport wegen der Größe der Objekte auszuschließen ist. In diesem Projekt sollen die Exkremente als Informationsquelle für Viehwirtschaftspraktiken seit dem Neolithikum dienen. Die Versuchsannahme ist die, daß die Kotbällchen anhand der Zusammensetzung der Diät und des Hintergrundpollens getrennt werden, in jene von Steinwild (Steinbock, Gemse), die ausschließlich in alpinen Habitat geäst haben, und in jene von Haustieren (Schaf, Ziege), die in anthropo-zoogenen Habitaten geweidet haben. Auf diese Weise trägt dieser Teil des Projekt wesentlich zum Verständnis und zur Genese der Transhumanz im Untersuchungsgebiet des Ötztales in prähistorischer Zeit bei.
Die Analysen der Speisebreiproben aus dem Darmtrakt des Eismannes liefern neue Ergebnisse über seine Ernährung, seinen letzten Weg und seinen Todeszeitpunkt. Die Pollen- und Großrestanalysen der Proben offenbaren, dass der Eismannes in den letzten beiden Tagen seines Lebens mindestens drei Mahlzeiten gegessen hat. Alle Mahlzeiten sind fast gleich zusammengesetzt und bestehen überwiegend aus Einkorn (Triticum monococcum), Fleisch und weiteren Pflanzen. Damit konnte definitiv festgestellt werden, dass der Eismann weder ein Vegetarier noch ein Veganer war. Mehr Information über die Lebensumstande des Mannes im Eis liefern die Pollenanalysen des Nahrungsbreis aus dem Darm. Anhand der unterschiedlichen Pollenzusammensetzung der drei verschiedenen Mahlzeiten kann die Route, die der Mann im Eis in den letzten 24 -30 Stunden gegangen ist, rekonstruiert werden. Demnach wanderte der Mann im Eis aus der alpinen Stufe in die Tallagen südlich des Alpenhauptkammes und verschwand wieder in die alpine Stufe. Diese pollenanalytischen Ergebnisse unterstützen die "Desaster-Hypothese" über sein Ableben. Sie besagt, dass der Eismann von den hochalpinen Weideflachen kommend in seinem Heimatdorf mit seiner Sippe in einen schweren Konflikt verwickelt wurde, so dass er von seiner Gemeinschaft in Richtung hochalpiner Weideflächen fliehen musste, wo er verstarb. Ein Vergleich der Pollenspektren aus den Speisebreiproben mit rezenten Pollenflugspektren aus SchlanderslVinschgau (1996-2002) eröffnet zudem, dass dieses Ereignis im Frühjahr stattgefunden hat und nicht wie bisher angenommen im Herbst. Zusätzlich wurden Pollen- und Großrestanalysen an Exkrementen von Ziegenartigen, die im Zuge der Ausgrabungen am Fundort gesammelt worden sind, durchgeführt Die Auswahl der über hundert Proben erfolgte nach dem Zufallsprinzip. Ziel der Untersuchungen war es, anhand der Nahrung und der Zusammensetzung des Hintergrundpollens in den Fäzes festzustellen, ob diese von Wildtieren (Steinbock, Gämse die in Hochlagen geweidet haben, oder von Haustieren (Schaf, Ziege), die in anthropo-zoogener Vegetation in den Tallagen geweidet haben, stammen. Der Vergleich mit modernen Fäzes von Steinbock, Gämse Ziege und Schaf zeigt, dass alle untersuchten Kotproben von Ziegenartigen stammen, die während des Sommers in der alpinen Stufe geweidet haben. Zum gleichen Ergebnis führt der Vergleich des Pollengehaltes aus den Fäzes mit rezenten Oberflächenproben die entlang eines Transektes vom Vinschgau im Süden über das Hauslabjoch bis zur Mündung des Ötztales im Norden gewonnen wurden. Dies macht es höchstwahrscheinlich dass diese subfossilen Exkremente von Wild- und nicht von Haustieren stammen. Im Zusammenhang mit der Tatsache, dass zwischen 3600 und 2900 BC - also der Lebenszeit des Eismannes - keine tierischen Exkremente nachgewiesen sind, stellt die momentane Erklärung dass der Eismann ein Hirte war und mit neolithischer Hochlagenbeweidung in Verbindung gebracht wird, deutlich in Frage.
- Universität Innsbruck - 100%
Research Output
- 71 Zitationen
- 2 Publikationen
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2008
Titel Origin and seasonality of subfossil caprine dung from the discovery site of the Iceman (Eastern Alps) DOI 10.1007/s00334-008-0188-0 Typ Journal Article Autor Oeggl K Journal Vegetation History and Archaeobotany Seiten 37 -
2007
Titel The reconstruction of the last itinerary of “Ötzi”, the Neolithic Iceman, by pollen analyses from sequentially sampled gut extracts DOI 10.1016/j.quascirev.2006.12.007 Typ Journal Article Autor Oeggl K Journal Quaternary Science Reviews Seiten 853-861