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Wallfahrt in der Nachmoderne

Pilgrimage in Postmodernism

Helmut Eberhart (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P14927
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2001
  • Projektende 31.05.2003
  • Bewilligungssumme 109.450 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (25%); Soziologie (75%)

Keywords

    KULTUR, WALLFAHRT, FRÖMMIGKEITSGESCHICHTE, SPIRITUALITÄT, NACHMODERNE, RITUALE

Abstract Endbericht

Aufbauend auf Vorstudien, die in den vergangenen Jahren am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Karl-Franzens-Universität Graz unter meiner Leitung durchgeführt wurden, sollen im Rahmen des beantragten Projektes Wallfahrtsaktivitäten steirischer Pfarren empirisch untersucht werden. Aus praktischen Gründen der Durchführbarkeit beschränkt sich das Projekt in qualitativer Hinsicht auf die Untersuchung mehrtätiger Wallfahrten. Im Rahmen der genannten Vorstudien wurden Fragebogen an alle steirischen Pfarren ausgesandt, um die Wallfahrtsaktivitäten zu erfassen. Der Rücklauf betrug etwa 60%. Zunächst erfolgt daher eine quantitative Nacherhebung in jenen Pfarren, die sich nicht an der ersten Kampagne beteiligt haben, um eine flächendeckende Erfassung des Geschehens für das gesamte Untersuchungsgebiet zu erreichen. Nach diesem vollständigen Überblick werden "selected sample" gezogen, die für eine umfassende qualitative Studie in Frage kommen. Ziel der Untersuchung ist die Analyse der Funktionen gegenwärtiger Wallfahrten für die nachindustrielle Gesellschaft. Damit soll erstmals auf breiter Basis das zu beobachtende starke Ansteigen dieses Aktivitäten in den letzten zwei Jahrzehnten empirische untersucht werden. Im Mittelpunkt stehen demnach nicht die Pilgerzentren, wie dies meist der Fall ist, sondern die Ausgangsorte und die Wallfahrt als kulturelle Handlung. Dieser Ansatz stellt immer noch ein Desiderat dar. Es wird zu fragen sein, inwieweit sich der gegenwärtige Wallfahrtsboom als "Rückkehr des Religiösen", als Suche nach Spiritualität deuten läßt und sich hier zugleich ein Prozeß der Kulturalisation von Religion manifestiert: Welchen Bedürfnissen entspringt die Wiederbelebung bestimmter Rituale? Inwiefern erweist sich Wallfahrt als tauglicher Rahmen, den Bedarf an Ritualen und Tradition zu erfüllen? Mit einer Mischung aus qualitativen (sowohl narrativen als auch teilstrukturierten) Interviews und teilnehmender Beobachtung soll nicht nur die jeweilige Kerngruppe untersucht, sondern auch der Frage nach den Randgruppen des Geschehens nachgegangen werden.

Ziel dieses Projektes war eine Untersuchung gegenwärtiger Wallfahrtsaktivitäten am Beispiel steirischer Pfarren. Mithilfe von Fragebögen wurde zunächst das Wallfahrtsaufkommen sämtlicher 388 steirischen Pfarren erhoben. Hier bestätigte sich die deutliche Zunahme von Wallfahrten während der letzten zwanzig Jahre, die sich in neueren Forschungsarbeiten zum Thema Wallfahrt bereits abgezeichnet hatte. Von den gegenwärtigen steirischen Wallfahrten sind 74,4% nicht älter als dreißig Jahre alt, wobei sich der Prozentsatz von Neueinführungen seit 1970 kontinuierlich erhöhte. Die Teilnahme an zahlreichen unterschiedlichen Wallfahrten und Interviews mit Veranstaltern und TeilnehmerInnen zeigten, dass aus dieser Entwicklung nicht einfach auf eine "Rückkehr der Religionen" geschlossen werden darf, sondern dass vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftspolitischer Anforderungen verstärkt ein Bedürfnis nach Tradition und Ritualen beobachtbar ist. Hier spielt die katholische Kirche als Trägerin lang vertrauter Rituale nach wie vor eine bedeutende Rolle - und dies auch über die Konfessionsgrenzen hinweg. Wallfahrt als Ritual ist verhältnismäßig leicht zugänglich und im Gegensatz zu anderen Ritualformen etwa innerhalb der New Age Bewegung und der Esoterik-Szene ein vertrautes und in unserem Kulturraum traditionell verankertes Handlungsmuster, das auch für "nicht-Fromme" durchaus anziehend wirkt. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der stark zunehmenden Vermarktung des Themas "Wallfahrt" von Seiten der Tourismuswirtschaft wieder, die sich keineswegs nur an ein ausdrücklich religiös oder gar katholisch motiviertes Publikum wendet. Nicht primär religiöse Inhalte sondern vielmehr die gemeinschaftsbildende Funktion des Rituals mit seinen vielfältigen Erlebnismöglichkeiten stehen im Vordergrund. Man könnte in diesem Zusammenhang von einem "kulinarischen Ritualgebrauch" sprechen, in dem das Ritual-Repertoire der Religionen als eine unter anderen Spielarten genützt wird. Im Gegensatz zu einer nach der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils häufig als zu "verkopft" erlebten Kirche, bietet Wallfahrt Möglichkeiten sinnlichen Erfahrens und Erlebens, Zeit zu bewusstem Schauen, Hören, Riechen, Spüren. Natur- und Körpererfahrung, sakrale Architektur und Kunst, Musik, der Geruch von Kerzen und Weihrauch usw. als Elemente einer intensiven "Gegenwelt", die befristet zu erleben gut tut. Ein Kontext, der emotionale Offenheit erlaubt und fördert, und zudem eine gemeinsame Ausrichtung auf ein Ziel hin vorgibt, ermöglicht auch ein Öffnen des Bewusstseins für spirituelle Erfahrungen. Wallfahrt kann als Möglichkeit wahrgenommen werden, sich emotional zu öffnen und Gefühle zulassen und zeigen zu dürfen. Die Motive, heute an einer Wallfahrt teilzunehmen, sind höchst unterschiedlich: Gemeinschaft mit ähnlich oder gleich Gesinnten erleben, die Suche nach spiritueller Erfahrung, die Natur genießen, sich sportlich betätigen und körperlich fit halten, z. B. auch abnehmen, Suche nach oder Dank für Heilung oder Linderung von Krankheit, Trost suchen, Kunst und Kultur kennen lernen, eine/n Partner/in finden, Hilfe in einer Lebenskrise suchen bzw. für erfolgreiche Bewältigung danken, ein Zeichen an einem wichtigen Lebensabschnitt setzen, "Urlaub" von Ehepartner/in und Kindern nehmen, sich eine "Aus-Zeit" nehmen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%

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