Tradition und Moderne in Tibet und der Himalayaregion
Tradition and Modernity in Tibet and the Himalaya
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Agrarwissenschaften (10%); Soziologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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TIBET,
MODERNE,
KULTURGESCHICHTE,
TRADITION
Dieses Projekt ist eine Studie von Tradition, ihrer Begegnung mit der Moderne und ihrer Beziehung zur politischen und ethnischen Dynamik im gegenwärtigen Tibet und den Himalayaregionen. Es beruht auf einem früheren Antrag, der von 1992-2000 durch den FWF in Verbindung mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert wurde und sich auf eine enge Zusammenarbeit mit tibetischen Wissenschaftern stützte. Dabei wurden Schrift- und Oraltraditionen mit den Bergkulten in Tibet und den Himalayagebieten in Beziehung gesetzt. Das 3- Jahres Projekt wird ebenfalls über Schrift- und Oraltraditionen arbeiten, dabei aber einen größeren Bereich von sozialen, politischen und kulturellen Fragestellungen erfassen. Weiters wird ein interdisziplinärer Zugang gewählt um die Wechselwirkung zwischen Tradition und Moderne und die Art der Beziehungen lokaler Gesellschaften zu den Zentren von Autorität und Macht zu untersuchen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Staaten gerichtet, die eine Vielzahl von ethnischen Gruppen unter ihrer Bevölkerung aufweisen. Das Projekt wird einen Vergleich der erzielten Resultate vornehmen, die durch Studien in den Berg- und Hochplateaugebieten von vier Staaten - China, Indien, Bhutan und Nepal - gewonnen wurden. In der Beziehung zwischen Staat und lokalen Gemeinschaften dieser Ländern bekommen Tradition, Ethnizität und kulturelle Differenz immer mehr Bedeutung. Die Fallstudien werden das Wiederauftauchen von epischen Liederzyklen in Tibet und der inneren Mongolei, Ursprungsmythen, Weidewirtschaft und die Benennung von Orten behandeln. Sie werden besonders die Wechselwirkung zwischen lokalen "traditionellen" Gemeinschaften und den "modernen" politischen Systemen in China und der Indischen Union, sowie den kommunistischen Bewegungen der maoistisch dominierten Teile Nepals, untersuchen. Das Projektteam besteht aus fünf Forschern, drei tibetischen Forschungsassistenten, drei internationalen Konsulenten, zwei Studenten und fünf tibetischen wissenschaftlichen Mitarbeitern. Es ist geplant, sowohl Forschungsergebnisse über Schrift- und Oraltraditionen, als auch weitreichende Konzepte über die Reaktion der Tradition auf die Moderne und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie in einer Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu publizieren. In den Jahren 2003 und 2004 werden zwei Tagungen stattfinden, an denen auch alle internationalen Mitarbeiter des Projekts beteiligt sind. Die aus den Diskussionen resultierenden Ergebnisse werden publiziert. Das Projekt hat zum Ziel, Kooperationen zwischen der internationalen Gemeinschaft und den wissenschaftlichen Zentren in Tibet im Rahmen des im Jahr 2000 erneuerten Abkommens zwischen der Tibetischen Akademie der Sozialwissenschaften (Tibetan Academy of Social Sciences) und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, zu fördern. Neben den Mitarbeitern aus den betreffenden Instituten in Österreich und Tibet werden Wissenschafter der Universitäten Cambridge, Oxford, Leipzig, Columbia (New York), und dem CNRS, (Paris) einbezogen.
Die Kulturen und die Bevölkerung Tibets und des Himalayaraumes waren seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Studien von "Tradition". Heutzutage sind diese Gebiete dem Druck des regionalen und globalen Wandels unterworfen. Die Wechselwirkung zwischen Tradition und Moderne wurde damit zur zentralen Frage für Sozialwissenschafter. Im Rahmen des Projekts "Tradition und Moderne in Tibet und der Himalayaregion" wurden im Zeitraum 2001-2005 Forschungen in verschiedenen Gebieten über unterschiedliche Aspekte von Tradition und Moderne durchgeführt. Durch die Schaffung und Unterstützung von Kooperationen sowie in Feldforschungen wurde ein reiches Datenmaterial gesammelt. Die Studien wurden in 4 Bereichen durchgeführt. Untersucht wurden: 1. Gesänge und darstellende Kunst in verschiedenen Gebieten Tibets, besonders die Revitalisierung epischer Liederzyklen, der tibetischen Oper und die Entstehung der Popmusik. 2. Die Wiederbelebung von Ritualen mit vorbuddhistischem Ursprung, wie z.B. die Pferderennen in Nagchu und die Praktiken von Orakeln in tibetischen Dörfern. 3. Die Konstruktion von Landschaft an den Beispielen der Anpassung des Managements von Weideland an traditionelle Organisationsformen in Südtibet, an Ortsnamen in der Tsal-Region und anhand der städtischen Architektur in Lhasa. 4. Politische Antworten zu "Tradition". Diese Untersuchungen betreffen sowohl die Praxis der Ernennungen und Verleihungen von Ämtern, weibliche Aktivisten, weibliche Mitglieder des Kaders in den neuen Eliten Zentraltibets als auch politische und ethnische Konflikte in den Gebieten der Tamang und Magar in Nepal, sowie in Ladakh. Es kam dabei eine Kombination von historischen, politologischen, kultur- und sozialanthropologischen Methoden zum Einsatz. Die Forschungsgebiete lagen in Zentral-, Süd- und Osttibet, in Nepal und Ladakh. Im Osten wurde mit Forschern aus der Inneren Mongolei zusammen gearbeitet. Gegenstand dieser Untersuchungen war das so genannte "Tibetan-Mongolian Interface", also jene zeitgenössischen Erscheinungsformen historisch gewachsener kultureller und politischer Beziehungen zwischen den verschiedenen Ethnien. Das Projekt entwickelte ein Netzwerk von Kooperationen zwischen Forschungs-einheiten in Europa, den USA, Zentral- und Südasien und veranstaltete einen zwei-jährigen Workshop mit Forschern aus 10 Ländern über Kader und Diskurs in spätkommunistischen bzw. sozialistischen Gesellschaften. Als Ergebnis der Zusammenarbeit mit lokalen Forschern wurde auch neues Material entdeckt, das wiederum zum Ausgangspunkt für weitere Studien wurde. Dies betrifft Sammlungen von Texten aus dem 11. Jhd. des buddhistischen Klosters Ke ru in Zentraltibet, als auch Manuskripte und Wandmalereien über die wichtigste Linie weiblicher Lamas in Tibet, die Samding Dorje Phagmo, deren gegenwärtige Reinkarnation Äbtissin des Klosters ist und gleichzeitig eine Position im Kader der Administration der TAR innehat. In diesen Fallstudien konnten die Projektmitglieder umfangreiche Daten präsentieren und theoretische Einblicke in den Prozess der Globalisierung, Modernisierung und Staatenbildung eröffnen. Die Studien zeigen die Vernetzung von rekonstruierten traditionellen Praktiken innerhalb sich rasch modernisierender lokaler Gemeinden und die Einbindung traditioneller Konzepte in den politischen Diskurs und vergrößern damit das kulturelle und intellektuelle Verständnis über gegenwärtige Gesellschaften in Hochgebirgsregionen am Schnittpunkt zwischen Süd- und Ostasien.
- Per Kjeld Sorensen, Universität Leipzig - Deutschland
- Anne Chayet, Centre National de la Recherche Scientifique - Frankreich
- Martino Nicoletti, Universita degli Studi di Perugia - Italien
- Madeleine Zelin, Columbia University New York - Vereinigte Staaten von Amerika
- Caroline Humphrey, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich