Qualitätssicherung der Suizidprävention in Gefägnissen
Quality Assurance of Suicide Prevention in Jails and Prisons
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (50%); Klinische Medizin (50%)
Keywords
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SUICIDE,
JAILS AND PRISONS,
CASE-CONTROL STUDY,
SUICIDE PREVENTION
Suizidverhütung in Gefängnissen gehört zu den wichtigen Aufgaben medizinischer und psychologischer Dienste in Justizanstalten. Zahlreiche internationale Studien befassen sich mit Suiziden und Suizidverhütung in Haftanstalten (Marcus & Alcabes, 1993, DuRand et al, 1995, Hayes, 1994, Dooley, 1990). Ebenso wie die Suizidrate in der Allgemeinbevölkerung ist auch jene in Gefängnissen in Österreich im internationalen Vergleich hoch (Etzersdorfer et al, 1992; Frühwald et al., 1998; Frühwald et al., 2000a&b). In Österreich wurde zuletzt von Sluga 1977 im Rahmen seiner Untersuchung über geistig abnorme Rechtsbrecher am Rande auf die Häftlings-Suizide in unserem Land Bezug genommen, ohne aber dieses Thema eingehender abzuhandeln. Schon damals zeigte sich eine ansteigende Tendenz der Fallzahlen seit dem Zweiten Weltkrieg, genaue Raten wurden jedoch nicht berichtet. Seit 1995 untersucht unsere Arbeitsgruppe (Frühwald, Frottier et al.) suizidales Verhalten in Österreichs Justizanstalten. Nach der ersten Projektphase (Literaturrecherche, Erfassung aller Suizide seit 1947 und Auswertung aller Personaldaten der Verstorbenen) wurde in einem zweiten, drittmittelgefördertem Schritt (Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, Jubiläumsfondsprojekt Nr. 7523) alle zur Verfügung stehenden Personalakten der Personen, die sich suizidiert hatten, ausgehoben und genau ausgewertet. Von Anfang an war in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medizinische Statistik der Universität Wien eine Fall-Kontroll-Studie geplant (je 2 gematchte Kontrollen für jeden Suizid), deren Durchführung aber nicht vollendet werden konnte, da die beantragten Mittel nur zu 50 % bewilligt wurden. Die wissenschaftliche Aussagekraft einer Fall-Kontroll-Studie ist jedoch um vieles höher einzuschätzen als die quantitative und qualitative Auswertung der Suizidfälle selbst, umso mehr, als gerade die protektiven Faktoren im Kontext von Gefangenensuiziden für die Prävention eine entscheidende Rolle spielen dürften. Zusätzlich ist es bemerkenswert, dass bisher in der internationalen wissenschaftlichen Literatur keine Fall- Kontroll-Studie publiziert wurden. Im Verlauf der Jahre 2001/2002 sollen zu sämtlichen bereits vorliegenden Vollzugsakten aller zwischen dem 1.1.1975 und dem 31.12.1999 im Strafvollzug an Suizid verstorbenen Personen (n=220) 440 Akten von nach Geschlecht, Alter, Nationalität, Haftart und -ort parallelisierter Fallkontrollen ausgehoben werden. Der Einfluss folgender Parameter auf das Suizidgeschehen soll untersucht werden: Familienstand, Arbeitssituation vor der Inhaftierung, Dauer der Haft, Vorstrafen, Vordelikte und Anlaßdelikt(e), Psychiatrische Diagnose, Substanzmissbrauch, Suizidalitätszeichen, soziale Problemstruktur und Netzwerkcharakteristika u.a. Nach deskriptiver Darstellung der Daten getrennt nach Fällen und Kontrollen werden univariate Vergleiche zwischen Fällen und Kontrollen für die Einflußfaktoren auf die Suizid-Gefährdung (t-Test, Chi-Quadrat-Analyse, u-Test), Korrelations- und Faktorenanalysen zur Aufklärung der Abhängigkeitsstrukturen zwischen den Einflußfaktoren (Untersuchung auf Homogenität zwischen den Gruppen), Diskriminationsanalysen zwischen Fällen und Kontrollen unter Einschluß relevanter Einflußfaktoren sowie eine stufenweise logistische Regression für die wesentlichen Einflußfaktoren zur Erklärung der Suizidgefährdung durchgeführt. Im besonderen kann aus den Ergebnissen dieser Untersuchung die Basis eines Leitfadens entstehen, der besonders suizidgefährdete Personengruppen in Justizanstalten zu identifizieren hilft. So soll es Justizwachebeamten ermöglicht werden, auffälliges Verhalten von Insassen auch auf bestehende Suizidalität hin zu deuten.
Anliegen: Für eine Verbesserung der Suizidprävention in Haftanstalten ist die auf adäquater Methodik aufbauende Kenntnis von Risikofaktoren Voraussetzung. Zur Erfassung wesentlicher Gefährdungsmomente betreffend soziale Integration, kriminologische und psychiatrische Parameter wurde eine Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. Methode: Jeder in Österreich in einer Haftanstalt zwischen 1.1.1975 und 31.12.1999 identifizierte Suizid wurde mit zwei Kontrollen verglichen, die nach Alter, Geschlecht, Nationalität, Haftart, Haftort und Aufnahmezeitpunkt parallelisiert wurden. Unter anderem wurden Hinweise auf psychiatrische Erkrankungen, kriminologische Vorgeschichte und Indikatoren sozialer Integration ausgewertet. Ergebnisse: Von 250 Suiziden konnten 220 Personalakten ausgehoben und mit 440 parallelisierten Kontrollen verglichen werden. Die wesentlichsten Prädiktoren für Suizid in Haft waren bekannte Zeichen früherer Suizidalität (Suizidversuche oder Suizidankündigungen), das Vorhandensein einer psychiatrischen Diagnose, psychopharmakologische Behandlung, ein hohes lndex-Gewaltdelikt und die Unterbringung in einem Einzelhaftraum Diskussion: Die prädiktive Bedeutung suizidalen Verhaltens für Suizid auch im sozialen Kontext des Gefängnisses ist wesentlichstes neues Ergebnis der vorliegenden Studie. Die Ergebnisse belegen, dass psychosoziale Fachkräfte im Justizvollzug Anzeichen von Suizidalität ebenso ernst nehmen sollten, wie dies in der stationären wie außerstationären zivilrechtlichen psychiatrischen Routineversorgung seit vielen Jahren selbstverständlich ist.
Research Output
- 160 Zitationen
- 3 Publikationen
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2004
Titel Suicide in custody DOI 10.1192/bjp.185.6.494 Typ Journal Article Autor Fruehwald S Journal British Journal of Psychiatry Seiten 494-498 Link Publikation -
2004
Titel Do monthly or seasonal variations exist in suicides in a high-risk setting? DOI 10.1016/s0165-1781(03)00253-1 Typ Journal Article Autor Fruehwald S Journal Psychiatry Research Seiten 263-269 -
2003
Titel The relevance of suicidal behaviour in jail and prison suicides DOI 10.1016/s0924-9338(03)00064-6 Typ Journal Article Autor Fruehwald S Journal European Psychiatry Seiten 161-165