Die Wiener Hofgesellschaft unter Kaiser Leopold I.
The Vienna Court Society under the Emperor Leopold I
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (30%)
Keywords
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KAISER LEOPOLD I,
SOZIALE GRUPPEN/ SOCIAL GROUPS,
FRÜHE NEUZEIT/ EARLY MODERN TIME,
PATRONAGE,
HOFSTAAT/ ROYAL HOESEHOLD
Die Erforschung des Fürstenhofes ist seit längerem Gegenstand allgemeinen wissenschaftlichen Interesses, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. In der diskursiven Behandlung zeigen sich auch für den Wiener Kaiserhof zunehmend thematische und zeitliche Forschungslücken, wobei hinsichtlich einer Definition von Hof und Hofstaat sowie der personellen Zuordnung bzw. Abgrenzung das Manko einer gründlichen Untersuchung und möglichst geschlossenen Erfassung des Hofstaates deutlich wird. Das beantragte Projekt will nun erstmals den gesamten Hofstaat während der Regierungszeit Kaiser Leopolds I. aufarbeiten und die komplexen Personenstrukturen prosopographisch erfassen. Da ausnahmslos alle sozialen Gruppen bei Hof -auch Nicht-Adelige -aufgenommen werden, stellt das Projekt eine Novität dar und grenzt sich damit zeitlich und thematisch vom Projekt "Der Wiener Hof und sein Klientel- und Patronagesystem" ab. Dieses konzentriert sich nur auf den adeligen Kreis um den Herrscher (vornehmlich Ferdinand II. und Ferdinand III.) und analysiert den Kaiserhof als Drehscheibe für das Beziehungsgeflecht österreichischen und europäischen Adels. Die prosopographische Gesamtschau über 50 Jahre unter ein und dem selben Herrscher ermöglicht aktuellen Interessengebieten der Geschichtsforschung gerecht zu werden: So wird u.a. das Machtverhältnis Herrscher-Untertanen evident, die Relevanz von Patronage und Klientel sowie die Bedeutung des Hofes als Integrationsinstrument und seine politische Komponente. Grundlage sind 25 ungedruckte und gedruckte Hofstaatsverzeichnisse, die gleichzeitig einen Überblick über den finanziellen Aufwand bei Hof geben, teilweise mit Angaben über die Wohnadresse einzelner Amtsinhaber sowie Instruktionen zur Beschreibung von Aufgabenbereichen, wodurch sich das Funktionieren des Hofes nachvollziehen läßt. Diese erste durchgehende Auswertung der Hofstaatsverzeichnisse soll in der Folge durch zusätzliche Quellen ergänzt werden: Aus den Hofzahlamtsbüchern ergeben sich Karriereabläufe und welche Hofpositionen Prestigeämter waren. Testamente erweisen sich als ideale Quellen für das Klientel- und Patronagesystem und inkludieren auch niedere Hofchargen. Adelsakte enthalten umfassende biographische Informationen, ebenso wie Totenbeschauprotokolle sowie Trauungsmatriken. Optional vorgesehen ist die Auswertung des Häuserverzeichnisses von Paul Harrer, woraus sich Hinweise auf die Hofquartierspflicht ergeben. Ziel des Projektes ist einmal eine Gesamtdarstellung des leopoldinischen Hofes im Sinne von Kollektivbiographien und zweitens die Präsentation grundlegender Materialien und Ergebnisse zur Entwicklung der Hofbürokratie und der Ämter in Form einer Monographie. Die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung bieten in der Folge einen Ausblick auf die Fülle neuer Forschungsschwerpunkte nicht nur für die Sozialgeschichte, sondern für Detailstudien zu verschiedensten Teildisziplinen der Geschichte.