Schottische Dichtung aus unserer Zeit: Ein Projekt in vielen Sprachen
20th- and 21st- Century scottish Poetry: A Multilingual Project
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
SCOTTISH POETRY,
TRANSLATION STUDIES,
MULTILINGUAL EDITION,
SCHEMATA & STEREOTYPES,
SCOTISTIK,
CANON BUILDING,
POLICY
Dieses Projekt, bestehend aus multilingualer Edition und kritischer Studie, bettet sich in den für Österreich neuen Forschungsschwerpunkt der Scottish Studies. Es schenkt einen Blick auf die Vielfalt schottischer Dichtung und will den Weg für eine intensive Auseinandersetzung damit öffnen. Dazu zählt auch das Problem der Definition und Abgrenzung schottischer Literatur; und wer mag durch eine bessere Schule gegangen sein, als wir im Umgang mit dem Mythos der österreichischen Literatur Bewährten. Die wissenschaftliche Edition will ihre Seiten mit rund 100 schottischen Dichtern des 20. und 21. Jahrhunderts füllen, einem weiten Spektrum an Gedichten, mit Übersetzungen aus dem Gälischen, dem Englischen und dem Schottischen ins österreichische Deutsch. Unser sprachliches Kontinuum, die charakteristische Fluktuation vom Basisdialekt zur Standardsprache eignet sich besonders, der Sprachsituation in Schottland gerecht zu werden. Die mit der Übersetzungsarbeit betraute Wissenschaftlerin und Autorin Heidelinde Prüger hat bereits durch vielfältige Translationsarbeit und inspirierende Transkreationen bewiesen, daß aus den verschiedenen österreichischen Dialekten das Wienerische mit seinen althochdeutschen, mittelhochdeutschen, tschechischen, ungarischen, französischen und jiddischen Sprachschätzen dem Reichtum des Schottischen vielleicht am nächsten kommt. Vorliegendes Projekt wird unter anderem auch damit befaßt sein, wie stereotype Bilder von Schottland, den Schotten und einigen Subgruppierungen - Lowlands vs. Highlands, Frauen, ethnischen Minderheiten, sozialen Klassen - von Dichtung getragen oder ins Wanken gebracht werden. Obwohl sich die Untersuchung möglicherweise diskriminierender Schemata im wesentlichen auf eine Detailanalyse der schottischen Situation konzentriert, will sie nicht auf komparative Überlegungen, insbesondere zur Situation in Österreich, verzichten. Weitere Forschungsschwerpunkte sind der Kanonisierungsprozeß schottischer Dichtung insbesondere anhand von Literaturzeitschriften, sowie die Problematik der literarischen Artikulation von kultureller und nationaler Identität. Daran schließt sich die Translationsproblematik, welche anhand ausgewählter Übersetzungen aus verschiedenen Regionen des deutschsprachigen Raums behandelt wird. Es ist zu hoffen, daß die Rezeption der Projektergebnisse zum Auslöser einer die herkömmlichen Standardkonzeptionen transzendierenden lebhaften Debatte zur schottischen Identitäts- und Kulturvielfalt wird. Dabei ist zu erwarten, daß das von der (deutschsprachigen) Leserschaft mitgebrachte Wissen über schottische Literatur und angebliche schottische Wesensmerkmale modifiziert, erweitert und in manchen Fällen bestätigt wird, denn die Bedeutung von zusammengehörigkeitsstiftenden Schemata für "Dichtung und Wahrheit" sollte nicht unterschätzt werden. Eines der wichtigen schottischen Stereotype ist die sogenannte "antisyzygy", die fest verankerte Vorstellung der Verstrickung schottischen Schrifttums und Daseins in scheinbar unauflösliche Gegensätze. Anstelle der dualistischen Simplifikation dieses "Caledonischen Yin-Yang" stattzugeben, steht ein anderes Bild für unser Publikationsvorhaben: das Kaleidoskop, jenes kindliche genauso wie ernsthafte Faszinosum, erfunden vor mehr als 180 Jahren an der schottischen Universität St. Andrews. Es steht für Vielfalt, Buntheit und Unendlichkeit. Nach T. S. Eliot braucht jede Literatur die Auffrischung und Erfrischung zweier Quellen: ihrer eigenen Vergangenheit und zeitgenössischer Literatur von außen. Es ist ein fester Bestandteil der universalen und europäischen Ausrichtung Schottlands, sich anderen Sprachen und Literaturen zu öffnen, was zahlreiche Übersetzungen aus vielen Literaturen der Welt in schottische Varietäten bezeugen. Die kürzlich in Italien, Frankreich und Ungarn erschienenen Übersetzungen schottischer Literatur spiegeln die wachsende Bedeutung wider, welche ihr zuteil wird. Erstmals soll nun der Leserschaft im deutschsprachigen Raum ein Kennenlernen der stets sich wandelnden Vielfalt schottischer Dichtkunst des 20. und 21. Jahrhunderts im Original und übersetzt ermöglicht werden. Die Anthologie will ein heterogenes Spektrum an Inhalten und Varietäten bieten und sowohl für die schottische Dichtung als auch für die Literaturen der deutschen Sprachen ein faszinierender Zuwachs sein.
"Ich bin von den Übersetzungen und ihrem Klang sehr beeindruckt. Die wunderbaren Soutar- Intimitäten, ein nachdenklicher, melancholischer Ton bei Garioch, eine härtere, sarkastischere Gangart bei Leonard. Es gibt solche Glücksfälle wie bei diesen Übersetzungen, da Heidi Prügers Sprache über die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten verfügt und zudem der poetischen Qualität der schottischen Texte Rechnung trägt. Darüber hinaus muß man bedenken, daß diese wienerisch-schottischen Gedichte nicht nur in Österreich gelesen werden, sondern auch in Deutschland, wo die Art der Fremdheit, die sie sprachlich in Großbritannien verkörpern, ja auch zum Teil in Schottland selbst, besonders evident wird. Daß einige Wiener etwa Tom Leonard zu einem der ihrigen erklären werden, scheint mir auch nicht verkehrt zu sein." Iain Galbraith Dieses Projekt, dessen Publikationsergebnis (geplantes Erscheinungsdatum 2007) eine multilinguale Edition mit wissenschaftlichem Einführungsteil und bio-bibliographischen, textinterpretatorischen Porträts der schottischen "Dichterlandschaften" ist, bettet sich in den für Österreich neuen Forschungsschwerpunkt der Scottish Studies. Es schenkt einen Blick auf die Vielfalt schottischer Dichtung, Kultur und Gesellschaft und will den Weg für eine intensive Auseinandersetzung damit öffnen. Dazu zählt auch das Problem der Definition und Abgrenzung schottischer Literatur; und wer mag durch eine bessere Schule gegangen sein, als wir im Umgang mit dem Mythos der österreichischen Literatur Bewährten. Die Erstellung einer umfassenden "Bibliography of 20th- and 21st-Century Scottish Poetry (in Translation) Anthologies" ergab, daß seit Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 100 Anthologien schottischer Dichtung in Schottland erschienen sind. Außerdem wurden um die zwei Dutzend schottische Lyrikanthologien in Übersetzung publiziert [z. B. Frankreich (1991, 1998), Ungarn (1998), Italien (1992, 1996, 1997), Kroatien (1993!), Israel (1998)]. Anhand einer repräsentativen Auswahl von 50 Anthologien schottischer Literatur wurde ein 56-seitiger "Index to 20th-Century Scottish Poets in Selected Anthologies" von 420 Schreibenden und deren anthologisierten Gedichten erstellt. Eine statistische Auswertung der AutorInnenrepräsentanz gab Aufschluß über den Konstruktionsprozeß des Kanons schottischer Dichtung. Auffällig ist der geringe prozentuelle weibliche Anteil jener Schreibenden, die mit den meisten Werken in den Anthologien vertreten sind. Das m:w Verhältnis beträgt dabei 4:1, wiewohl "im Untergrund" der weibliche Anteil literarisch Schaffender wächst. Zur "Untergrundliteratur" gehören auch Eigenverlagspublikationen, die im Schottland des 21. Jahrhunderts anders konnotiert werden als im deutschsprachigen Kulturraum. Aus Frustration über die schwerfällige Verlagsszene entstanden in den letzten Jahren writers` groups, die ihre Werke in Heftform ("pamphlets") publizieren und dabei von etablierten AutorInnen wie Tessa Ransford, Gründerin der SPL, finanziell und ideell unterstützt werden. Eine Klassifikation der Kompilationsintentionen von schottischen Anthologien, die sich in Einleitungen, Vorwörtern und spezifischen Auswahl(verfahren) direkt oder indirekt manifestieren, ergab u. a., daß häufig versucht wurde, durch Dokumentation der sprachlichen und thematischen Vielfalt schottischer Dichtung den Begriff der "Schottischen Renaissance" seit Ende des Ersten Weltkrieges zu veranschaulichen oder als "Mahnung" an die neue Dichtergeneration in den Raum zu stellen: "But how much longer the Lallans Movement can be sustained today depends on a new generation" (George Bruce, 1968). Durch Vereinnahmung der "neuen Dichter" für diese Bewegung entstanden bis in die 80er Jahre Anthologien (Bruce, Lindsay) im Bewußtsein, damit Literaturgeschichte der Gegenwart, ja sogar der Zukunft, zu schreiben, sowie für Schottlands Identitätsfindung wichtiges Zeitgeschehen festzuhalten ("acknowledging the moment") und im Kontext der "Scottish Renaissance" bzw. im Vergleich dazu zu präsentieren. Ein Beispiel dafür ist Maurice Lindsays Lebenswerk. Seine erste Edition schottischer "Renaissance"-Dichtung des 20. Jahrhunderts erschien 1946 und wurde alle zehn bis zwanzig Jahre aktualisiert. Bis 1985 wählte er als Untertitel "An Anthology of the Scottish Renaissance". Häufig war die Kompilationsarbeit politisch motiviert. Offensichtlich mündete parteipolitische Desillusionierung in verstärktes kulturelles Engagement. Dem defizitären politischen Agieren im Streben nach Schottlands Unabhängigkeit setzte man Kulturarbeit entgegen, welche die politische Nonexistenz einer eigenen Nation durch selbstbewußt formulierte visionäre Entwürfe ["envisioning their own, other, better, Scotlands" (O`Rourke)] auf der Ebene der Dichtung zu kompensieren suchte. Dabei fungieren Schlüsselwörter wie "Europeanness", "plurality", "openness" als Bollwerk gegen den Vorwurf, nationalistischer Tendenzliteratur den Weg zu bereiten. Versucht wurde und wird ein Wirken im Geiste der Schottischen Renaissance bei gleichzeitiger Abgrenzung im Sinne einer neuen, "offenen" Post-Renaissance Bewegung. Das politische Bewußtsein schottischer AutorInnen und HerausgeberInnen dokumentiert ein Projekt der Scottish Poetry Library anläßlich der Wiedergründung des schottischen Parlaments im Jahr 1999. Als Ergebnis jenes Projektes liegt eine Anthologie vor, in welcher jeder Dichter einem MSP (Member of Scottish Parliament) zugeordnet wird und dessen "hopes, dreams, fears and concerns of the constituency [he or she] represents" artikuliert. Die Edition füllt ihre Seiten mit an die fünfzig schottischen Dichtern und Dichterinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, einem weiten Spektrum an Gedichten, mit Übersetzungen aus dem Gälischen, dem Englischen und dem Schottischen ins österreichische Deutsch. Unser sprachliches Kontinuum, die charakteristische Fluktuation vom Basisdialekt zur Standardsprache eignet sich besonders dafür, der Sprachsituation in Schottland gerecht zu werden. Die mit der Übersetzungsarbeit betraute Wissenschaftlerin und Autorin Heidelinde Prüger hat bereits durch vielfältige Translationsarbeit und inspirierende Transkreationen bewiesen, daß aus den verschiedenen österreichischen Dialekten das Wienerische mit seinen althochdeutschen, mittelhochdeutschen, tschechischen, ungarischen, französischen und jiddischen Sprachschätzen dem Reichtum des Schottischen vielleicht am nächsten kommt. Der Einführungsteil ist unter anderem mit stereotypen Bildern von Schottland und seinen Menschen, mit der Problematik kultureller, nationaler und sprachlicher Identität, sowie mit ihrer literarischen Artikulation und dem Prozeß der literarischen Kanonisierung befaßt. Die Untersuchung möglicherweise diskriminierender Schemata konzentriert sich allerdings nicht nur auf eine Detailanalyse der schottischen Situation, sie bietet auch komparative Überlegungen, insbesondere zur Situation in Österreich. Daran schließt sich die Translationsproblematik, welche anhand von eigenen Übersetzungsbeispielen behandelt wird. Es ist zu erwarten, daß die Rezeption der Projektergebnisse zum Auslöser einer die herkömmlichen Standardkonzeptionen transzendierenden lebhaften Debatte zur schottischen Identitäts- und Kulturvielfalt wird. Dabei wird das von der (deutschsprachigen) Leserschaft mitgebrachte Wissen über schottische Literatur und angebliche schottische Wesensmerkmale modifiziert, erweitert und in manchen Fällen bestätigt, denn die Bedeutung von zusammengehörigkeitsstiftenden Schemata für "Dichtung und Wahrheit" sollte nicht unterschätzt werden. Eines der wichtigen schottischen Stereotype ist die sogenannte "antisyzygy", die fest verankerte Vorstellung der Verstrickung schottischen Schrifttums und Daseins in scheinbar unauflösliche Gegensätze. Anstelle der dualistischen Simplifikation dieses "Caledonischen Yin-Yang" stattzugeben, steht ein anderes Bild, erstmals von Douglas Dunn im literarischen Vergleich verwendet, für unser Publikationsvorhaben: das Kinder und Erwachsene in gleichem Maße faszinierende Kaleidoskop, das um 1816 an der schottischen Universität St. Andrews von Sir David Brewster erfunden worden war. Es steht für Vielfalt, Buntheit und Unendlichkeit. Nach T. S. Eliot bedarf jede Literatur der Auffrischung und Erfrischung durch zwei Quellen: jene ihrer eigenen Vergangenheit und die der zeitgenössischer Literaturen anderer Länder. Es ist ein fester Bestandteil der universalen und europäischen Ausrichtung Schottlands, sich anderen Sprachen und Literaturen zu öffnen, was zahlreiche Übersetzungen in schottische Varietäten bezeugen. Die kürzlich in Italien, Frankreich und Ungarn erschienenen Übersetzungen schottischer Literatur spiegeln die wachsende Bedeutung wider, welche ihr zuteil wird. Erstmals soll nun der Leserschaft im deutschsprachigen Raum ein Kennenlernen der stets sich wandelnden Vielfalt schottischer Dichtkunst des 20. und 21. Jahrhunderts im Original und übersetzt ermöglicht werden. Die Anthologie will ein heterogenes Spektrum an Inhalten und Varietäten bieten und sowohl für die schottische Dichtung als auch für die Literaturen der deutschen Sprachen ein faszinierender Zuwachs sein.
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