Jugendfürsorge in Wien 1925-1997
Child Welfare in Vienna 1925-1997
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (5%); Andere Sozialwissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (80%); Philosophie, Ethik, Religion (5%)
Keywords
-
SOZIALGESCHICHTE,
ARCHIVALIEN JUGENDFÜRSORGE,
WIEN,
EXPERTEN- UND KLIENTENINTERVIEWS,
JUGENDFÜRSORGE,
20. JAHRHUNDERT
Gegenstand der projektierten Forschung ist die Wiener Jugendfürsorge zwischen 1925 und 1927 als Ausdruck und Mittel der Familien-, Bevölkerungs- und Sozialpolitik in ihren ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Auswirkungen. Herausgefunden werden sollen Kontinuitäten und Brüche in Theorie und Praxis des Wiener Fürsorgesystems über die politischen Regime- und Systemgrenzen im Untersuchungszeitraum hinweg. Welche Reformulierungen der Theorien und welche Neugestaltung der Praktiken wurden im Untersuchungszeitraum vollzogen; aber auch: welche theoretischen Positionen und welche Praktiken wurden Regimewechseln beinbehalten? Kann die kommunale Jugendfürsorge als ein sich weitgehend selbst regulierendes soziales System dargestellt werden? In diesem System bildete eine multifunktionelle Institution den organisatorischen Kern: die Kinderübernahmsstelle (KÜST). Sie koordinierte von ihrer Gründung 1925 bis Mitte der 1990er Jahre das fürsorgerische Geschehen in bezug auf Kinder und Jugendliche, deren Herkunftsfamilien, Pflegefamilien, Heimunterbringung usw. Erst im Zuge der Heimreform "Heim 2000", in der Großheime der Gemeinde Wien von dezentralen Wohngemeinschaften abgelöst wurden, reduzierte man auch die Funktion der KÜST drastisch. Am Ende einer fürsorgepolitischen Ära angelangt, scheint der Zeitpunkt gekommen, das Wiener Fürsorgesystem und seine zentrale Institution, die KÜST, einer historisch-sozialwissenschaftlichen Untersuchung zu unterwerfen. Die Studie soll auf vier Ebenen durchgeführt werden, die jeweils spezielle Forschungsmethoden erfordern: Theorie und Diskurs (1), Praktiken der Jugendfürsorge (2), Opposition Jugendfürsorge versus Klientel (3), Jugendfürsorge im politischen Raum (4). Nach einem umfangreichen Literaturstudium soll aus den diversen archivierten Materialien eine Anzahl von exemplarischen "Fürsorgefällen" (d.s. alle Familienangehörigen, die jeweils - aus ihrer Sicht und aus Sicht der Fürsorge resp. Sozialarbeit einem "Problemsystem" angehörten) detailliert rekonstruiert werden. Einzelne Professionelle und Klient/inn/en sollen aufgesucht und (narrativ) interviewt werden. Mit dieser Verknüpfung von hauptsächlich aus dem Archiv der KÜST gezogener Daten und den Erzählungen von Mitgliedern befürsorgter Familien (Triangulation) kann eine Anzahl von "Fürsorgefällen" in größtmöglicher Detailliertheit, Komplexität und Spezifität dargestellt und im Hinblick auf die eingangs dargelegten Fragestellungen interpretiert werden.
Gegenstand des abgeschlossenen Forschungsprojekt ist die Wiener Jugendfürsorge zwi-schen 1925 und 1997 als Ausdruck und Mittel der Familien-, Bevölkerungs- und Sozialpolitik in ihren ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Auswir-kungen. In diesem System bildete eine multifunktionelle Institution den organisatorischen Kern: die Kinderübernahmsstelle der Gemeinde Wien (KÜST). Sie koordinierte als "Durch-gangs- und als Begutachtungsstation" von ihrer Gründung 1925 bis Mitte der 1990er Jahre das fürsorgerische Geschehen in Bezug auf Kinder und Jugendliche, deren Herkunftsfamili-en, Fremdunterbringung etc. Insgesamt ist zu konstatieren, dass für den gesamten Untersu-chungszeitraum Veränderungen und Kontinuitäten vielfach parallel verliefen und den poli-tisch historischen Zäsuren innerinstitutionelle (amtsinterne) Zäsuren (bedingt durch Genera-tionen- und Geschlechterrollenkonflikte) in der Geschichte der kommunalen Institutionen der Jugendwohlfahrt gegenüberstehen. Neue Ideen, mehrheitlich intern von ExpertInnen ange-regt, setzen sich nur langsam durch und finden zeitverzögert administrativen und strukturell gesetzlichen Niederschlag. Die Untersuchung bestätigte eine starke Kontinuität des Systems der Jugendwohlfahrt (strukturell, administrativ, ideologisch, methodisch), vor allem für die Jahre der 1. Republik - 1938 - 1945 - Nachkriegszeit - 1960er Jahre. So prägten eugeni-sche, medizinisch-gesundheitsfürsorgerische Konzeptionen die Jugendwohlfahrt der 1920er, die Zeit des Ständestaats gleichermaßen bis nach dem 2.WK. Die Zeit der NS-Herrschaft in Österreich stellt trotz der Beteiligung der Fürsorgeämter an "Auslese" und "Ausmerze" hin-sichtlich Theorie und Praxis der Jugendwohlfahrt keine Zäsur dar. Auch die KÜST fungierte nach Verlegung der sog. "Begutachtungsstelle" 1940 auf die Wiener Städtische Jugendfür-sorgeanstalt "Am Spiegelgrund" weiterhin als zentrale Stelle der Fremdunterbringung. Eine "Stunden Null" läßt sich für die Nachkriegszeit aufgrund geringfügiger Entnazifizierung weder in Bezug auf das Personal noch auf die ideologisch-praktische Ausrichtung der Jugendwohl-fahrt behaupten. Erst im Zuge eines Ausbaus des Wohlfahrtsstaates im Rahmen einer wirt-schaftlichen Hochkonjunktur setzte die Generation der seit den 1960er/1070er Jahren neu ins Jugendamt eintretenden ExpertInnen entscheidende Impulse in Richtung "Modernisie-rung". So haben sozial- und tiefenpsychologische Konzepte unterschiedlicher Schulen Ein-gang gefunden in Theorie und Praxis des fürsorgerischen Handelns. Im Zuge der Entwick-lung neuer Methoden der Fremdunterbringung (erste Wohngemeinschaften und Aufbau so-zialpädagogischer ambulanter Einrichtungen), einer Professionalisierung der ExpertInnen verändert sich die Funktion der KÜST als auch ihre ursprüngliche zentrale Bedeutung im Gesamtsystem der Jugendwohlfahrt kontinuierlich abnimmt. Lange Zeit resistent gegen ver- änderte ideologisch-methodische Konzepte und gesellschaftliche Erfordernisse verliert die KÜST als Ergebnis der ersten Heimreform (Dezentralisierung der Großheime) in den 1970er Jahren ihre Funktion als zentrale "Drehscheibe" im System der Fremdunterbringung. Die Schließung der KÜST im Rahmen der Heimreform 2000 (Schließung aller Großheime) mar-kiert somit einen fürsorgerischen Paradigmenwechsel, analog der Erbauung der KÜST 1925 als Symbol für die Installierung einer öffentlich-gesetzlichen Jugendwohlfahrt, jeweils unter der Prämisse des gesetzlichen Auftrags: "Zum Schutz des Kindes". Aufgrund des anwendungsorientierten Ansatzes hat das Forschungsprojekt entscheidend zu einer Vernetzung mit ExpertInnen und Institutionen der Jugendwohlfahrt (MA 11: Amt für Ju-gend und Familie in Wien; fh-campus wien/ Fachbereich Sozialarbeit), sowohl im Bereich der Praxis (Lehre) als auch im Bereich der wissenschaftlichen und methodischen Forschung beigetragen.
- Universität Wien - 100%