Historische Ethnographie der Vandalen
Historical Ethnography of the Vandals
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (10%)
Keywords
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Vandalen,
Nordafrika,
Imperium Romanum,
Ethnizität,
Identität,
Römer
Die Vandalen und ihr nordafrikanisches Reich sind in der heutigen Forschung wenig präsent. Das Projekt "Historische Ethnographie der Vandalen" soll Lücken schliessen und bisher nicht oder kaum dargestellte Aspekte der vandalischen Geschichte thematisieren. Hauptfrage ist dabei die nach der vandalischen Identität. Wer waren und wer wurden die Vandalen, und welche Rolle spielte dabei das vandalische Regnum zuerst in Spanien und dann in Afrika? Längerfristig sollen dadurch Grundlagen für eine neue Darstellung der Geschichte des Vandalen geschaffen werden, was zuletzt in den sechziger Jahren unternommen wurde. Die Vandalengeschichte muss dabei in die in jüngster Zeit sehr rege Forschung zur spätantiken Mittelmeerwelt eingebettet werden. Zentral für das hier vorgeschlagene Projekt ist die systematische Untersuchung ethnischer Prozesse. Dabei soll nicht nur die Frage der vandalischen Identität und ihrer Entwicklung seit den Vandiliern der frühen Kaiserzeit neu gestellt werden, sondern komplementär dazu auch die Rolle der anderen ethnischen Gruppen im Vandalenreich. Das gilt für die das Regnum mit tragenden Gruppen der Alanen, Römer und Berber, aber auch für die kleineren, teils kaum untersuchten Gruppen der Griechen, Juden, Lybier, Goten und anderer. Wie hat sich die Übernahme der Herrschaft in den reichen römischen Provinzen auf die vandalische Identitätsbildung ausgewirkt? Der Neuansatz ergibt sich gegenüber allen älteren Arbeiten unter anderem dadurch, dass die ethnischen Identitäten nicht als von vornherein gegeben vorausgesetzt werden, sondern dass gezielt nach den Prozessen der Identitätsbildung gefragt werden soll, wobei das Projekt auf der Traditon der "Wiener Schule der Historischen Ethnographie" und den Arbeiten des Projektleiters Walter Pohl, wie auf denen seines Lehrers Herwig Wolfram, aufbauen kann. Zahlreiche Texte haben im Vandalenreich zur Identitätsbildung beigetragen, darunter auch theologische und (aus dem vandalischen Afrika recht reichlich überlieferte) poetische Werke, die in diesem Zusammenhang noch gar nicht untersucht worden sind. Bei einigen vor allem chronikalischen Texten können aus den Handschriften Aspekte der Überlieferungsgeschichte geklärt werden, die (wie in einer Vorstudie des Projektmitarbeiters gezeigt) gegenüber den Editionen manche Verbesserungen versprechen. Zur Ergänzung dieser vor allem an den Texten orientierten Problemstellung werden u.a. die Münzprägungen der vandalischen Könige sowie ein Überblick über archäologische Fragestellungen herangezogen. Auch die weitere Rezeptions- und Forschungsgeschichte zu den Vandalen soll berücksichtigt werden. Insgesamt können daher eine Reihe neuer Ansätze und Ergebnisse der Forschung sowie eine darauf aufbauende kritische Lektüre sämtlicher vorhandener Quellen für die Erstellung einer methodisch neuen historischen Ethnographie der Vandalen nutzbar gemacht werden..
Ziel des Projekts war es, ethnische Prozesse vor allem im vandalischen Nordafrika des fünften und sechsten Jahrhunderts und die Rezeption der vandalischen Identität im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa zu untersuchen. Methodischer Ansatzpunkt war eine Forschungstradition, die mit dem Wissenschaftsstandort Wien eng verbunden ist. Das Projekt basierte auf den Methoden und Ansätzen, die in den letzten drei Jahrzehnten durch die "Wiener Schule der historischen Ethnographie" (Walter Pohl, Herwig Wolfram) entwickelt wurden. Völker und ethnische Identitäten werden hier nicht als objektives Phänomen, sondern als subjektive Erfahrung verstanden, und ihre Entstehung nicht als biologisch determinierter, sondern als jeweils besonderer historischer Prozeß betrachtet. Ausgangspunkt im Fall des nun abgeschlossenen Projekts war, eine "Identität der Vandalen" als entscheidenden politischen Motivationshorizont für eine kontinuierliche Entwicklung eines gentilen Verbandes hin zu einem Regnum nicht einfach vorauszusetzen, sondern die historischen Besonderheiten verschiedener Integrationsprozesse zu untersuchen. Diese Fragestellungen wurden an Autoren wie Prokop und Victor von Vita, an Chroniken, archäologischen Ergebnissen und der Münzprägung der vandalischen Könige erprobt. Weiters wurde versucht, vergleichende Untersuchungen im pannonischen Raum des 4. und frühen 5. Jahrhunderts vorzunehmen, um einen Einblick in die Bedingungen der Formation ethnischer Gruppierungen an den Grenzen des Imperiums zu bekommen. Ob es ein vandalisches "Volk", das aus Pannonien oder sogar von der Weichsel kommend über Jahrhunderte seine Identität bewahrt haben müsste, in diesem Sinn überhaupt gegeben hat, wurde im Laufe der Projektarbeit immer zweifelhafter. Integrations- und Transformationsprozesse, die Aufgabe alter und die Annahme neuer Identitäten, sind so rasch vor sich gegangen sein, dass sie sich nicht explizit in den Quellen wiederfinden. Viele verschiedene Gruppen und Individuen sammelten sich, auf Beute und ein besseres Leben in den Provinzen des Imperiums hoffend. Die daraus hervorgegangenen soziologischen und ethnischen Strukturen konnten sich schnell wieder auflösen, zum Beispiel nach einer militärischen Niederlage, wenn eine Gruppe wie die Vandalen selbst ihre Identität aufgab, um sich in verschiedene andere soziale wie politische Verbände zu integrieren. Der Vandalenname diente noch bis ins 18. Jahrhundert verschiedenen politischen und gelehrten Zwecken. Die Spannbreite der Untersuchungen reichte dabei vom positiv besetzten schwedischen Königstitel ("König der Schweden, Goten und Vandalen") bis zur hinlänglich bekannten Prägung des Begriffs "Vandalismus" ("vandalisme") im Kontext der französischen Revolution. Näheres unter: http://www.oeaw.ac.at/gema/fm_details_vandalen.htm
- Jörg Jarnut, Universität Paderborn - Deutschland