Römische Steindenkmäler aus Carnuntum
The Roman Sculpture of Carnuntum
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (95%)
Keywords
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Carnuntum,
Steindenkmäler,
Götter- und Weihdenkmäler,
Skulptur,
Antike Religionsgeschichte
Ziel des Projektes ist die wissenschaftliche Neubearbeitung der Steindenkmäler von Carnuntum, die eine der ergiebigsten archäologischen Quellen für die Geschichte des pannonischen Raumes in der Antike darstellen. Das Forschungsvorhaben fokussiert auf die Gruppe der Götter- und Weihedenkmäler mit Fundort Carnuntum (Bad Deutsch-Altenburg und Petronell, Niederösterreich). Gerade auf diesem Gebiet waren in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fundzuwächse zu verzeichnen, so dass die übergreifende Behandlung dieses Themas ein Desiderat der Forschung darstellt. Die thematisch und regional begrenzte Denkmälergruppe soll unter interdisziplinären Gesichtspunkten ausgewertet werden: Durch die Zusammenarbeit von Archäologen (Institut für Kulturgeschichte der Antike, ÖAW) und Epigraphikern (Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik der Universität Wien) werden sowohl denkmalspezifisch-kunsthistorische Fragen (z.B. zur Ikonographie, Datierung, Stilentwicklung, Funktion, Rekonstruktion) als auch allgemein historische bzw. siedlungsarchäologische (beispielsweise zur Sozialgeschichte, Religionsgeschichte, lokalen Siedlungstopographie und zu den Fundkontexten) behandelt. Nur so ist eine umfassende Neubewertung der Objekte in ihrem kulturhistorischen Kontext zu erreichen. Die erzielten Forschungsergebnisse sollen auf dreifache Weise für die Öffentlichkeit nutzbar sein. - Mit der Publikation des gesammelten und ausgewerteten Denkmälerbestandes wird ein neuer und zeitgemäßer Standard für die wissenschaftliche Vorlage von römerzeitlichen Steindenkmälern angestrebt. - Bei der Erfassung des Materials wird zudem auf größtmögliche Konformität mit bereits bestehenden Datenbanksystemen geachtet, so dass die großflächige Vernetzung von Informationen im Internet möglich ist. - Schließlich eröffnet die enge Kooperation mit dem Museum Carnuntinum und dem Archäologischen Zentraldepot des Landes Niederösterreich direkte Wege zur Vermittlung der Ergebnisse an ein breiteres Publikum.
Die in Stein gemeißelten Skulpturen und Inschriften gehören zu den aussagekräftigsten historischen Dokumenten der Römerzeit in den Provinzen. Durch die Neuaufnahme und wissenschaftliche Bearbeitung der Götter- und Weihedenkmäler aus Carnuntum ist erstmals ein umfassender Überblick über das kultische Geschehen während rund 3 Jahrhunderten in der oberpannonischen Provinzhauptstadt möglich. Insgesamt wurden aus verschiedenen öffentlichen und privaten Sammlungen 770 Skulpturen, Reliefs, Inschriftplatten, Altäre und ornamentierte Architekturteile aufgenommen, für die ein Zusammenhang mit der Religionsausübung nachgewiesen oder angenommen werden kann. Viele dieser Monumente wurden durch die Neuaufnahme erstmals wieder zugänglich, insgesamt 136 waren bisher unpubliziert. Die Denkmäler wurden in einer Datenbank erfasst, fotografiert, z. T. gezeichnet, interdisziplinär untersucht und beschrieben sowie wissenschaftlich eingeordnet. Für die Datensammlung wurden alle greifbaren Informationen aus bestehenden Publikationen, Aufzeichnungen, Archiven und Inventarbüchern zusammengetragen und aufgearbeitet. Neue Informationen resultieren u.a. aus der Verortung anhand aller vorhandenen Fundortangaben in einem Geographischen Informationssystem sowie aus der Gesteinsanalyse der Marmordenkmäler. Es liegt nun eine umfassende und den aktuellen Dokumentations- und Forschungsmethoden gerechte Materialbasis zum Kultgeschehen in Carnuntum vor, die sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form veröffentlicht werden wird. Abweichend von der bisherigen Gliederung des Corpus signorum imperii Romani (CSIR) wurde die thematische Gruppierung der Steindenkmäler gewählt und so eine Auswertung des Datenmaterials nach gezielten Fragestellungen ermöglicht. So ergibt sich etwa ein facettenreiches Bild zur Religionsgeschichte Carnuntums, indem die Bedeutung einzelner Kulte hinterfragt wird, von den häufigsten Gottheiten Jupiter und Silvanus bis hin zu den für Carnuntum besonders wichtigen Kulten orientalischen Ursprungs. Durch die Differenzierung von Dedikantengruppen können Aussagen zur Gesellschaftsstruktur im römischen Carnuntum getroffen werden. Entwicklung und Charakteristika der Produkte aus Carnuntiner Steinmetzwerkstätten werden nachgezeichnet, ebenso wie Chronologie und Zusammensetzung der Importe. In das topographische Gesamtbild des Siedlungsgebietes von Carnuntum wird die Verteilung der Heiligtümer und der einzelnen Kultdenkmäler eingefügt. Nicht zuletzt kann das Fundmaterial die neuzeitlichen Fälscheraktivitäten in und um Carnuntum aufzeigen und zur Diskussion stellen. Die Ergebnisse erlauben erstmals eine detaillierte und vielschichtige Darstellung der "Kultlandschaft" Carnuntum und bieten eine ideale wissenschaftliche Grundlage für die geplante Vermittlung an die breitere Öffentlichkeit in Form von Museums- und Ausstellungskonzepten sowie allgemein verständlichen Publikationen.