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Sensorischer Bias und die Evolution von Signalen

Sensory drive in acoustic communication of insects

Heinrich Römer (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P17986
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.03.2005
  • Projektende 31.12.2008
  • Bewilligungssumme 224.807 €

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (60%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (40%)

Keywords

    Insect Communication, Sensory Neurobiology, Signal Evolution, Bioacoustics

Abstract Endbericht

Die Eigenschaften von Sinnessystemen und den angeschlossenen Gehirnen sind das Ergebnis einer oft unbekannten evolutionären Geschichte. Als Folge besitzen sie morphologische und physiologische Eigenschaften, die dazu führen, dass einige Signale besser als andere in der Lage sind, Antworten in den sensorischen Systemen und im Verhalten von potentiellen Empfängern auszulösen. Daher können diese Eigenschaften einen starken Selektionsdruck für die Evolution von Signalen in eine bestimmte Richtung darstellen ("sensory drive-Modell" der sexuellen Selektion) Ziel des vorliegenden Projekts ist die Untersuchung der proximaten Ursachen von drei möglichen Fällen eines solchen "sensory drive" im akustischen Kommunikationssystem von Heuschrecken und Grillen. Gemeinsam ist allen, dass sie auf einer frühen Ebene der Sinnesverarbeitung wirken; ihnen liegen biophysikalische, sinnesphysiologische und zentralnervöse Mechanismen zu Grunde. (1) Zentraler Mechanismus einer Intensitätskontrolle: In zentralen Nervenzellen der Hörbahn von Laubheuschrecken und Grillen wurden Ionenkanäle mit Eigenschaften beschrieben die dazu führen, dass ein Empfänger in einer Chorsituation mit vielen Sendern innerhalb seines Hörbereichs jeweils nur die lautesten hört ("selektive Wahrnehmung"). Der Mechanismus ist bei allen daraufhin untersuchten Arten vorhanden. Auf Grund seiner Eigenschaften sollte er allerdings negative Konsequenzen für die innerartliche Kommunikation bei solchen Arten haben, die nur kurz und selten singen, wenn sie gleichzeitig in Habitaten mit akustischen Arten konkurrieren, die lang und kontinuierlich singen. Die ökologischen, verhaltens- und neurophysiologischen Konsequenzen werden an ausgewählten Laubheuschrecken untersucht. (2) Grundlage der Weibchenpräferenz für große und symmetrische Grillenmännchen. Grillenweibchen bevorzugen in einer Wahlsituation die Gesänge von großen und symmetrischeren Männchen, auf der Basis der Trägerfrequenz des Gesanges bzw. der Frequenzmodulation am Ende jeder Silbe. Als entscheidende Grundlage für die Präferenz wird das Tuning von Neuronen untersucht, die für die Phonotaxis der Weibchen verantwortlich sind. (3) Richtungshören bei Grillen: Das Hörsystem von Feldgrillen stellt einen Druckgradientenempfänger dar, dessen Richtwirkung aus physikalischen Gründen nur bei bestimmten Signalfrequenzen eine gute Richtwirkung hat. Hier wird untersucht, ob infolge dieser Randbedingung ein stabilisierender Selektionsdruck auf die Evolution der Gesangsfrequenzen wirkt, weil davon leicht abweichende Frequenzen ein schlechteres Richtungshören der Empfänger verursachen würde.

Die sog. "Matched-Filter Hypothese" besagt, dass im peripheren oder zentralen sensorischen Nervensystem Filtermechanismen existieren, die dem Organismus die Wahrnehmung relevanter Reize erlauben, und gleichzeitig garantieren, dass sich das ZNS nicht mit der Verarbeitung irrelevanter Information beschäftigen muss. Wir haben hierzu die Filtereigenschaften einer für die Phonotaxis von Grillenweibchen wichtigen Nervenzelle (AN1-Neuron) untersucht, wobei Verhalten und Eigenschaften des AN1 in den gleichen Individuen studiert wurde. Weibchen variieren im Tuning des Neurons, und auf der Basis des Tunings kann mit hoher Präzision die Wahlentscheidung eines Weibchens in Wahlexperimenten zwischen verschiedenen Trägerfrequenzen (CF) vorhergesagt werden. Ein zweites Filtersystem existiert bei Grillen im Zusammenhang mit dem Richtungshören, das wegen physikalischer Prinzipien ebenfalls stark frequenzabhängig ist. Auch dieses periphere Filter variiert zwischen verschiedenen Weibchen, und die Bestfrequenzen beider Filter divergieren überraschend um 400Hz. Wir diskutieren den Mismatch zwischen den beiden Filtern für Empfindlichkeit und Direktionalität im evolutionären Kontext. Durch die gleichzeitige Registrierung der Aktivität beider seitenhomologer AN1-Neurone war es möglich, die Verhaltensreaktionen von Weibchen auf einem Laufkompensator in Antwort auf einzelne Stimuli bzw. in einer Wahlsituation mit den binauralen Erregungsunterschieden der beiden Neurone zu korrelieren. Diese Korrelationen waren in beiden Verhaltenstests sehr hoch, was für die entscheidende Bedeutung dieses Neuronenpaars für das Verhalten spricht. In sog. Tradingexperimenten bestimmten wir den zusätzlichen Schalldruck, der notwendig ist um im Verhalten einen Stimulus mit einer nicht präferierten CF für Weibchen attraktiv zu machen. Für fast alle Stimuluspaare konnte die zusätzlich Lautstärke, die dafür nötig ist von der individuellen Tuningkurve vorhergesagt werden. Im gleichen Zusammenhang untersuchten wir die sensorische Basis der Unterscheidung von Männchen, die im Ausmaß der bilateralen Symmetrie variieren (fluktuierende Asymmetrie), und die sich in eine Frequenzmodulation am Ende einer jeden Silbe des Lockgesangs ausdrückt. Wir fanden allerdings keine Hinweise, dass derartige Reizunterschiede in der Antwort von AN1-Neuronen repräsentiert sind, weder in der Antwortstärke noch im Timing der Aktionspotentiale. Die mögliche Rolle eines Sensorischen Bias im afferenten System der Grillen und Heuschrecken untersuchten wir auch im Zusammenhang mit einem Mechanismus der "Selektiven Wahrnehmung", wie er zuvor schon beschrieben und u.a. für die räumliche Verteilung von Individuen in Chören angenommen worden war. In Kooperation mit Indischen Kollegen haben wir das "Spacing" im Freiland an einer Laubheuschrecke mit einer Analyse der relevanten Schalldrücke an den Empfängern und der Codierung der Signale in verhaltensrelevanten Neuronen der Hörbahn untersucht. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verteilung der Individuen im Freiland kaum durch diesen Mechanismus der "Selektiven Wahrnehmung" zustande kommt.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Matthias Hennig, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
  • Rohini Balakrishnan, Indian Institute of Science - Indien

Research Output

  • 335 Zitationen
  • 12 Publikationen
Publikationen
  • 2019
    Titel Insect acoustic communication: The role of transmission channel and the sensory system and brain of receivers
    DOI 10.1111/1365-2435.13321
    Typ Journal Article
    Autor Römer H
    Journal Functional Ecology
    Seiten 310-321
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Revisiting adaptations of neotropical katydids (Orthoptera: Tettigoniidae) to gleaning bat predation
    DOI 10.1080/23766808.2016.1272314
    Typ Journal Article
    Autor Hofstede H
    Journal Neotropical Biodiversity
    Seiten 41-49
    Link Publikation
  • 2008
    Titel Matched Filters, Mate Choice and the Evolution of Sexually Selected Traits
    DOI 10.1371/journal.pone.0003005
    Typ Journal Article
    Autor Kostarakos K
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Neurophysiology goes wild: from exploring sensory coding in sound proof rooms to natural environments
    DOI 10.1007/s00359-021-01482-6
    Typ Journal Article
    Autor Römer H
    Journal Journal of Comparative Physiology A
    Seiten 303-319
    Link Publikation
  • 2011
    Titel A cost-benefit analysis of public and private communication
    DOI 10.4161/cib.14173
    Typ Journal Article
    Autor Römer H
    Journal Communicative & Integrative Biology
    Seiten 106-108
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Matched Filters in Insect Audition: Tuning Curves and Beyond
    DOI 10.1007/978-3-319-25492-0_4
    Typ Book Chapter
    Autor Römer H
    Verlag Springer Nature
    Seiten 83-109
  • 2010
    Titel Fast and reliable decisions for a dynamic song parameter in field crickets
    DOI 10.1007/s00359-010-0589-2
    Typ Journal Article
    Autor Trobe D
    Journal Journal of Comparative Physiology A
    Seiten 131-135
    Link Publikation
  • 2010
    Titel The Signaller's Dilemma: A Cost–Benefit Analysis of Public and Private Communication
    DOI 10.1371/journal.pone.0013325
    Typ Journal Article
    Autor Römer H
    Journal PLoS ONE
    Link Publikation
  • 2009
    Titel Two matched filters and the evolution of mating signals in four species of cricket
    DOI 10.1186/1742-9994-6-22
    Typ Journal Article
    Autor Kostarakos K
    Journal Frontiers in Zoology
    Seiten 22
    Link Publikation
  • 2011
    Titel A cost-benefit analysis of public and private communication.
    DOI 10.4161/cib.4.1.14173
    Typ Journal Article
    Autor Römer H
    Journal Communicative & integrative biology
    Seiten 106-8
    Link Publikation
  • 2010
    Titel Sound transmission and directional hearing in field crickets: neurophysiological studies outdoors
    DOI 10.1007/s00359-010-0557-x
    Typ Journal Article
    Autor Kostarakos K
    Journal Journal of Comparative Physiology A
    Seiten 669-681
    Link Publikation
  • 2010
    Titel Reliable detection of predator cues in afferent spike trains of a katydid under high background noise levels
    DOI 10.1242/jeb.042432
    Typ Journal Article
    Autor Hartbauer M
    Journal Journal of Experimental Biology
    Seiten 3036-3046
    Link Publikation

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