Die Amerikanisierung der Wiener Suburbia?
Americanization of Vienna´s suburbia?
Wissenschaftsdisziplinen
Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (100%)
Keywords
-
Suburbanisierung,
Amerikanisierung,
Wien,
Segregation,
Fontana,
Postsuburbia
Suburbanisierungsprozesse haben in der Stadtregion Wien erst vergleichsweise spät eingesetzt und sind bis zum heutigen Zeitpunk quantitativ deutlich unter dem Niveau von anderen deutschsprachigen Verdichtungsräumen ähnlicher Größe geblieben. In der jüngsten Vergangenheit wurden aber einige Projekte realisiert, die aufgrund ihrer qualitativen Merkmale von großem Interesse für Raum- und Sozialwissenschaften sind. Der exklusive Wohn- und Freizeitpark Fontana`, im Süden Wiens gelegen, ist beeindruckendes Beispiel für Trends im suburbanen Raum, die als Ausdruck postmoderner Stadtentwicklung gelten. Ziel des Projektes ist es, darzustellen, auf welchen (evtl. veränderten) Wahr-nehmungen und Präferenzen der beteiligten Akteure (Investoren, Planer, Bewohner) der Entwicklungsprozess basiert und ob er stellvertretend für den Wandel des Wiener Umlands von Suburbia` nach Postsuburbia` steht. Da diese hoch segregierten, multifunktional ausgerichtete Siedlungsform, die neben exklusivem Wohnen auch ein damit verbundenes, gehobenes Freizeitangebot (Golf, Fitness, Gastronomie) für eine spezielle Zielgruppe bereit hält und sich dabei vermeintlich an US-amerikanischen Vorbildern orientiert (gated community bzw. lifestyle community mit formalen Elementen des new urbanism), ist darüber hinaus zu fragen, ob somit auch die Amerikanisierung` der Stadtregion nach strukturellen und ästhetischen Aspekten fortschreitet. So ist die Untersuchung eingebettet in die seit einigen Jahren wieder lebhaft geführte Diskussion über die künftige Entwicklung europäischer Stadt-regionen und dem diesbezüglichen Einfluss US-amerikanischer Entwicklungstrends bzw. -vorbilder. In einem ersten Schritt soll also der state-of-the-art` der deutschsprachigen Stadtentwicklungsforschung auf diesem Gebiet theoriekritisch nachgezeichnet werden, da stets gefragt werden muss, ob die amerikanischen (Extrem-)Beispiele wie Los Angeles und die an ihnen entwickelten Theorien und Begrifflichkeiten direkt oder indirekt als Inspirationsquellen` dienten und inwieweit sie auf den hiesigen überhaupt Raum anwendbar sind. Zudem sind die meisten aktuellen Denkmodelle bzw. Terminologien auf einer so übergeordneten Betrachtungsebene angesiedelt, dass konkrete Phänomene nicht unmittelbar damit erklärt werden können. Deshalb sollen im zweiten - empirischen - Schritt Fontana` nicht nur nach Struktur und Form untersucht werden, sondern durch eine breit angelegte qualitative Feldforschung die handlungsleitenden Wahr-nehmungen und Motivationen der Akteure dargestellt werden - so dass am Ende eine lokale Theorie` aufgestellt werden kann. In einem dritten Schritt wird dann versucht, die auf den beiden unterschiedlichen Maßstabsebenen gesammelten Ergebnisse zu kontextualisieren: Es wird geklärt, ob es tatsächlich berechtigt ist, Modelle und Begriffe US- amerikanischer Forschung als Erklärungsansatz für Fontana` zu verwenden oder ob die Siedlung trotz offen- sichtlicher Anleihen an amerikanischen Vorbildern in einem ganz eigenständigen Kontext einer spezifisch europäischen Variante von Stadtentwicklung unter Bedingungen der Globalisierung betrachtet und bewertet werden muss. Über den Bereich der Raumwissenschaften hinaus kann die Untersuchung helfen, für die raumordnerische bzw. politische Perspektive das Bewusstsein zu dafür schärfen, dass Siedlungsentwicklung zunehmend von stark individuell-variierenden Faktoren bestimmt wird, die in der bisherigen Planungspraxis kaum Berücksichtigung finden.
In Sozial- und Raumwissenschaften spielt Suburbanisierung, also die Siedlungsdynamik um die großen Städte herum, seit vielen Jahrzehnten eine große Rolle. Im Bereich des Wohnens wird u.a. danach gefragt, aus welchen Gründen heraus Menschen sich aus den Städten heraus im Umland ansiedeln - ist es alleine der allseits bekannte Traum vom "Wohnen im Grünen"? Das Projekt "Die Amerikanisierung der Wiener Suburbia?" beschäftigte sich intensiv mit einer ganz speziellen Form des Wohnens im Umland, nämlich dem Wohn- und Freizeitpark `Fontana` in Oberwaltersdorf bei Wien. Auf den ersten Blick scheint Fontana eine typische `Lifestyle-Community` nach US- amerikanischem Vorbild zu sein: Große Wohnhäuser in einheitlichem Design, platziert an einem großen Badesee und einem Golfplatz, alles in ungewohnt kräftiger städtebaulicher und landschaftlicher Inszenierung, vollständig privat finanziert von einem austrokanadischen Investor. Das Forschungsprojekt war unterteilt in drei Analyseebenen (Experteninterviews, städtebaulich-entwerferische Analyse sowie Intensivinterviews mit BewohnerInnen der Anlage), um möglichst deutlich und breit herauszuarbeiten, inwiefern `Fontana` als ein Sonderfall der Siedlungsentwicklung im Umland Wiens gelten kann. Mit den Ergebnissen konnte gezeigt werden, dass es sich bei `Fontana` einerseits tatsächlich um ein Pionierprojekt für Österreich handelt, was Gestaltung, Konzept, Finanzierung und Entstehung betrifft. Andererseits jedoch konnte gezeigt werden, dass es sich nicht um eine "typisch amerikanische" Siedlung handelt, schon gar nicht um eine Gated Community, also eine nach außen hin abgeschlossene und bewachte Wohnform. Eine Entwicklung in diese Richtung wird von vielen BewohnerInnen auch dezidiert nicht gewünscht. Es sind aus Sicht der Bewohnerschaft auch nicht immer die Nähe zum Golfplatz oder das `High-End` - Image der Anlage, die sie für sie so wohnenswert machen: Vielmehr ist es eine stark ausgeprägte Form von Gemeinschaft, die oftmals über alle zuvor erlebten Nachbarschaftserfahrungen hinausgeht und als enorme Bereicherung des Alltagslebens bewertet wird. Auch aus regionaplanerischer Sicht kann `Fontana` zwar als Sonderfall eingestuft werden, gleichzeitig ist das Siedlungsprojekt an sich aber durchaus als regional verträglich zu bewerten - trotzdem dem privaten Investor nahezu völlig freie Hand bei der Realisierung gelassen wurde.
- Universität Wien - 100%