Tourismus und Freizeitkultur im sozialistischen Jugoslawien
Toursim and Leisure Cultures in Socialist Yugoslavia
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Rechtswissenschaften (10%); Soziologie (40%)
Keywords
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Tourism,
Holidaymaking,
Leisure,
Socialism,
Yugoslavia,
Nationalism
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das Reisen "um des Reisens Willen" immer mehr zu einem Massenphänomen. Am Beispiel Jugoslawiens lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich nicht nur viele ausländische Besucher und Besucherinnen auf, in Jugoslawien ihren Urlaub zu verbringen, auch für viele jugoslawische Familien wurde die Heimat zum Urlaubsort. Das vorliegende Projekt wird aus historisch-anthropologische Perspektive die Entwicklung von Tourismus und Freizeitkultur in Jugoslawien untersuchen. Von Interesse ist, wie sich soziale Praktiken durch Urbanisierungsprozesse und die Ausweitung der arbeitsfreien Zeit in den 1960er und 1970er Jahren gestalteten. Trotz der aufschlussreichen Literatur zum Thema Freizeit und Urlaub als wichtige Aspekte moderner` Gesellschaften in Westeuropa, gibt es nur wenige Studien über den sozialen und kulturellen Wandel, die die Unterhaltungs- und Freizeitkultur im Sozialismus fokussieren. Mehrere Aspekte heben den Fall Jugoslawien als besonders beachtenswert hervor. Erstens: obwohl der politische Diskurs über den sozialistischen Lebensstil den Alltag der Bürger erheblich prägte, bot das jugoslawische System große Freiräume für die Gestaltung der persönlichen Lebenssphäre. Zweitens: trotzdem ist die Alltagsgeschichte Jugoslawiens in der sozialistischen Zeit weitgehend unerforscht. Drittens: der Zerfall Jugoslawiens unterstreicht die Problematik nationaler Darstellungen. Einerseits kommunizierte der jugoslawische Staat ein Narrativ der nationalen Einheit und des wachsenden Wohlstands, das auch durch die Organisation von Freizeit vermittelt wurde. Andererseits gerieten regionale Auffassungen von kulturellem Erbe - wie im Gebiet des Tourismus deutlich wird - mit der sozialistischen nationalen Idee in Konflikt. Der methodische Zugang richtet sich in erster Linie auf die Analyse von Dokumenten zur Tourismusplanung und Sozialpolitik. Eine Untersuchung der materiellen Kultur (Photos, Musik usw.) soll weiters Auskunft über Themen wie Konsumverhalten und neue soziale Beziehungen geben. Zudem sollen biografische Erzählungen eine differenzierte Sicht auf die Entstehung von neuen Normen und Werten durch Freizeitverhalten ermöglichen. Die akademische Perspektive auf Modernität im Europa des späten 20. Jahrhunderts kann durch den Fall Jugoslawien wesentlich erweitert werden.
In den 1970er Jahren beschrieben jugoslawische Marketingexperten ihre Adriaküste als "jugoslawisches Florida". Zu dieser Zeit galt die jugoslawische Tourismusentwicklung als eine europäische Erfolgsgeschichte, die propagandistisch auch für die Leistungsfähigkeit der heimischen Arbeiterselbstverwaltung wie auch generell für den steigenden Lebensstandard im Land stand. Für viele BürgerInnen des ehemaligen Jugoslawien rufen Erinnerungen an das Urlaubmachen in ihrem damals sozialistischen Land vor allem ein Gefühl von vergangenem "guten Leben" hervor, das die Menschen genossen, bevor die jugoslawische Wirtschaft und zunehmend auch der Staat immer mehr in eine Krise schlitterten. Trotz der zentralen Rolle, die der Tourismus in der politischen Entwicklung des jugoslawischen Staates nach dem 2. Weltkrieg hatte, wurde dieses Thema als Objekt historischer Forschung bisher recht vernachlässigt. Immer stärker fokussierte man sich zuletzt auf die Hintergründe von Krieg und "ethnischem" Konflikt. In diesem Projekt ging es um die Geschichte des jugoslawischen Inlandstourismus in sozialistischer Zeit: es setzte bei der Popularisierung von Tourismus und Freizeitkultur in den 1950ern und 1960ern an und reichte bis zu den Konsumpraktiken der 1970er und 1980er Jahre. Tourismus wurde als politisches, wirtschaftliches und soziales Projekt des föderativen jugoslawischen Staates als auch als zentrales Feld von alltäglicher Integration analysiert. Kritisch wurde darauf geblickt, wie entsprechend einer sozialistischen und jugoslawischen Ideologie Arbeiter zu Konsumenten von "sinnvollem" Urlaub gemacht und wie mit Hilfe dieser Ideen althergebrachte Praktiken von Erholung und Freizeit überwunden werden sollten. Sonne, Meer und Cevapcici gelten auch heute noch zu den geteilten Erinnerungssymbolen an den Tourismus und das Urlaubmachen in sozialistischer Zeit, die aber dennoch auch von konkurrierenden Vorstellungen, Ökonomien und Chancen geprägt waren. Mit dem allmählichen Verblassen einer einheitlichen sozialistischen Utopie, existierten verschiedene Wunschbilder von individuellem und kollektivem Freizeitverhalten nebeneinander und kamen mitunter zueinander auch in Konflikt. Tourismus stand nicht allein für Vergnügen, sondern war auch eine Möglichkeit, sich persönliches Vermögen zu schaffen, z.B. indem man Unterkünfte für Touristen vermietete oder in den Bau eines Ferienhauses investierte. Darüber hinaus erhielten manche Tourismusdestinationen insbesondere im Laufe der 1980er Jahre eine zunehmend auch eine "nationale" Konnotation. Dieses Forschungsprojekt hat sich mit einer Palette solcher Probleme befasst, um auch zu verdeutlichen, in welch großem Umfang Tourismus zwar eine Sphäre gemeinsamer Erfahrung und Identität in Jugoslawien gewesen war, gleichzeitig aber auch soziale Spannungen produzierte, die ebenfalls existierten und teilweise auch ungelöst blieben. Die wichtigsten Forschungsresultate dieses Projekts wurden in dem von H. Grandits und K. Taylor herausgegebenen Buch "Yugoslavia`s Sunny Side: A History of Tourism in Socialism (1950s-1980s)" publiziert. Dieses Buch wie auch weitere Publikationen des Projekts fordern durch ihre dichten Auseinandersetzungen mit gelebter Freizeitkultur und Logiken des Tourismus in sozialistischer Zeit zum Nachdenken über so manche etablierte "Meisternarrative" zur jugoslawischen Geschichte auf.
- Universität Graz - 100%