Grundlagen der Horváth-Philologie
The foundations of the Horváth philology
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
-
Österreichische Literatur 1918-1938,
Ödön von Horváth,
Edition,
Interpretation
Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk und der Biographie Ödön von Horvths bedarf einer gesicherten und vollständigen Text- und Quellenbasis. Die Notwendigkeit einer solch umfänglichen philologischen Grundlage und ihre Relevanz für eine Neuinterpretation des Horvthschen Werkes wurde in den letzten Jahren wiederholt betont, und gerade in jüngster Zeit ist es in einigen Teilbereichen bereits zu neuen und teilweise wohl auch überraschenden quellenkundlichen Neufunden gekommen. Die literaturwissenschaftliche Basisforschung, die am Nachlaßbestand des Autors am Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖLA) unternommen wird, hat viele dieser Arbeiten angeregt, in ihrem Entstehen unterstützt und teilweise auch selbst mitgetragen. Mit dem gegenständlichen Projekt soll in systematischer und umfänglicher Weise fortgeführt werden, was bislang nur anhand ausgewählter Problembereiche dargestellt werden konnte. Hierbei geht es insbesondere um die Erreichung folgender Ziele: 1) eine möglichst vollständige und systematische Erfassung und Auswertung aller publizierten und unpublizierten Texte, Briefe, Notizbücher und Lebensdokumente des Autors unter Mitberücksichtigung der zeitgenössischen Rezeption 2) eine qualifizierte Bewertung der genetischen Konvolute und eine anhand der Originaltyposkripte und - handschriften gewonnene Darstellung der jeweiligen Werkgenesen samt einer zuverlässigen Transkription des Textmaterials 3) die Herstellung von Textsicherheit in den Endfassungen 4) die Ermöglichung und Anregung weiterer Einzelinterpretationen auf der Basis neuer philologischer Befunde im Rahmen universitärer Seminar- und Abschlußarbeiten, Fachsymposien und anderer Kooperationen.
Ödön von Horvth (1901-1938) ist einer der meistbeachteten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Romane und Prosatexte erfreuen sich beim Lesepublikum anhaltender Beliebtheit und seine Stücke (darunter die berühmten "Geschichten aus dem Wiener Wald") entfalten bis heute unverminderte Bühnenwirkung. Innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung, die sich mit Horvth seit Jahrzehnten intensiv und unter den verschiedensten Aspekten beschäftigt, ist wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, der Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Biografie eine verlässliche Text- und Quellenbasis zu geben. Anhand des umfangreichen Nachlassbestandes des Autors am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien hat das gegenständliche Projekt die methodischen Grundlagen einer historisch-kritischen Ausgabe geschaffen und die ersten vier Bände dieser sogenannten Wiener Ausgabe erarbeitet. Innerhalb der auf 18 Einzelbände projektierten Ausgabe, die im Berliner Verlag de Gruyter erscheint, sollen alle abgeschlossenen und Fragment gebliebenen Werke sowie sämtliche Briefe und Lebensdokumente des Autors ediert werden. Bislang liegen vor bzw. sind im Erscheinen begriffen: Kasimir und Karoline (2009), Don Juan kommt aus dem Krieg (Juni 2010), Der ewige Spießer (Dezember 2010), Figaro läßt sich scheiden (April 2011). Ein besonderer Stellenwert kommt in der Wiener Ausgabe der Darlegung komplexer entstehungsgeschichtlicher Vorgänge zu. Horvth hat seine Texte oft neu konzipiert, in großen Teilen umgeschrieben und an den Materialien intensiv geschnitten und geklebt. Zur Darstellung dieser hochmodernen Arbeitsweise greift die Ausgabe nicht allein auf Faksimiles zurück; für besonders komplexe Arbeitsphasen wurde ein spezielles Modell von Simulationsgrafiken entwickelt. Textgenetischen Studien, auf denen heute nicht alleine in der Literaturwissenschaft, sondern auch in interdisziplinären Bereichen oftmals ganz divergente methodische Hoffnungen ruhen, eröffnet sich mit der Wiener Ausgabe ein breites Feld der Anwendung. Für das gegenständliche Projekt war diese Ausweitung programmatisch, denn nicht allein auf die Edition, sondern auch auf die Einbindung der Edition in solche Diskursfelder wurden starke Akzente gesetzt. Im Falle Horvths richtet sich aber auch ein ganz unmittelbares Interesse nach dem textgenetischen Material: Theaterregisseure integrieren Material des Arbeitsprozesses in ihre Inszenierungen und partizipieren damit auf ihre Weise an dem offenen Textbegriff, der eine konzeptionelle Leitlinie der Wiener Ausgabe ist. Die Projektinhalte haben indes noch eine weitere Umsetzungsform gefunden: Vier Lesebände der bekanntesten Werke des Autors (Geschichten aus dem Wiener Wald, Kasimir und Karoline, Der jüngste Tag, Jugend ohne Gott) mit einer Auswahl des werkgenetischen Materials, einem Sachkommentar und einem ausführlichen Nachwort sind auf der Basis der Projektarbeiten in kostengünstigen Ausgaben bei Reclam erschienen.