Geschlechterverhältnisse: Hegel und Lévinas im Vergleich
On Gender in Philosophical Theories of Hegel and Lévinas
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Gender,
Time,
Nature,
Death,
Self,
Border
Hegel und Lévinas haben komplexe Zugänge zu einer Philosophie der Geschlechterverhältnisse entwickelt, die zu ihrer Zeit bestehende Sichtweisen erneuert haben. Umso mehr ist es verwunderlich, dass dieses reichhaltige Reservoir für die philosophische Geschlechterforschung bisher nicht ausreichend genützt worden ist. In der Verfolgung dieser Themenstellung zeigt sich ein spannender Dialog zwischen Hegel und Lévinas, dessen Vielschichtigkeit sich über die Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs der jeweiligen Werke erschließt und unter Bezugnahme auf aktuelle Ergebnisse in der Genderforschung und Feministischen Theorie. In Bezug auf die Themenstellung lassen sich derzeit zwei Richtungen unterscheiden: Eine "essentialistische", die das Normativitätspotential einer geschlechtsspezifischen Natur betont, und eine "konstruktivistische", die in der Infragestellung jeglicher Natur die Annahme von der Natur der Geschlechter als kulturelle Setzung entlarvt. Beide Positionen sind problematisch. Denn die differenzfeministische Annahme von einem geschlechtsspezifischen Selbst leugnet metaphysische Fragen um den Preis einer Metaphysik der Geschlechterdifferenz, die konstruktivistische Annahme leugnet die Bedeutung der leiblichen Wirklichkeit der Geschlechterdifferenz um den Preis einer metaphysischen Setzung von Konstruktion. Um diese Dichotomie von Essentialismus versus Konstruktivismus, in der die Diskussion zum philosophischen Verständnis der Geschlechterdifferenz gefangen ist, aufzubrechen, muss die philosophische Geschlechterforschung ihr Untersuchungsspektrum erweitern. Philosophische Geschlechterforschung in diesem Verständnis ist damit auch Wissen um ihre eigene Grenze, und das Wissen um die Grenze ermöglicht Verschiebung, Vereinnahmung, Transformation (Veränderung), Abgrenzung, Bruch und Ausgesetztsein. Ihr Ort ist intra-, inter- und transsubjektiv. Ebenso sind die zeitlichen Ordnungen von Grenzsetzungen (z.B. zwischen Leben und Tod) subjektiv und gesellschaftlich konstituiert. Zu zeigen sein wird, dass unterschiedliche Formen von Grenzsetzungen (Leben und Tod, Natur und Geist, Bedürfnis und Begehren, Verlust und Aneignung, ... ) Auswirkungen auf die philosophische Artikulation von Geschlechterverhältnissen bei Hegel und Lévinas besitzen.
Geschlechterverhältnisse in der Philosophie von Hegel und Levinas Hegels Philosophie gilt als wichtiger Bezugspunkt für die Entwicklung der Philosophie im 20. Jahrhundert. Seine Philosophie hat auch den 1995 verstorbenen Emmanuel Levinas zu neuen Fragestellungen inspiriert. Eine der Kontroversen entzündete sich an der Geschlechterfrage, die den Ausgangspunkt des Forschungsprojektes darstellt. Die Geschlechterfrage ist nicht nur ein unverzichtbarer Bestandteil in der Philosophie von Hegel und Levinas, sie ist auch eine Schlüsselkategorie in der Erforschung des Verhältnisses zwischen den beiden Philosophen. Dialog zwischen Levinas und Hegel Um geschlechterspezifische Sichtweisen in den Schriften von Hegel und Levinas zu untersuchen, ist es notwendig, diese in Zusammenhang mit der jeweiligen theoretischen Ausrichtung zu erörtern. Zentral dafür ist die Erforschung eines balancierten Geschlechterverhältnisses, das im Gegensatz zu einem hierarchischen Geschlechterbild betrachtet wird. Geschlechterverhältnisse balanciert zu denken, ist dann möglich, wenn Verhältnisse zwischen Natur und Gesellschaft, Ideal und Wirklichkeit, Selbst und Ander/e, Privat und Öffentlich eine ausgewogene Deutung erlangen. Gezeigt wurde, dass Hegel nicht nur als philosophischer Hauptgegner von Levinas gelesen werden kann, sondern seine Schriften auch eine Voraussetzung für das Denken von Levinas darstellen: Levinas hat Themenstellungen von Hegel aufgegriffen und weiterentwickelt. Diese Bezugnahme wurde in Auseinandersetzung mit anderen Philosophen betrachtet. So warfen nicht nur Levinas, sondern auch andere Denker, wie Franz Rosenzweig (1886- 1929) und Jacques Derrida (1930-2004) Hegel ein männlich heroisches Denken vor, das im Zeichen des Krieges stehe und sich nach den Maßstäben des Kriegers richte. Zentral für Levinas Geschlechtermodell waren die Erfahrungen der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (Stalinismus, Nationalsozialismus,...). Eine tiefer gehende Analyse hat gezeigt, dass Hegels Geschlechterphilosophie in Auseinandersetzung mit Rousseau, Kant, Schiller und Hölderlin entstanden ist. Die Berücksichtigung dieses Kontextes hat eine differenzierte Betrachtung der Kritik von Levinas an Hegel ermöglicht. Inklusion und Exklusion der Geschlechterfrage Hegels Interpretation der Geschlechterfrage ist mindestens auf zweifache Weise zu betrachten: Einerseits spielt die Geschlechterfrage eine zentrale Rolle für den Aufbau und die Kohärenz zentraler philosophischer Werke, andererseits ist das Verschweigen der Geschlechterfrage an Stellen, wo es nahe liegt, diese zu integrieren, aufschlussreich für defizitäre Aspekte in seiner Philosophie generell. Auch bei Levinas stellen Inklusion und Exlusion der Geschlechterfrage einen wichtigen Leitfaden in der Erforschung seines Werkes dar. So konnte gezeigt werden, dass unklare Stellen in seinem Werk mit defizitären Aspekten seines Geschlechtermodells korreliert haben. Erst in seinem Spätwerk und in Auseinandersetzung mit Derrida ergeben sich neue Möglichkeiten, Geschlechterverhältnisse zu denken - zum Beispiel dekonstruktiv über die Macht der Verschiebung, aber auch transformativ über die Figur der/des Dritten.
- Universität Wien - 100%
- Hans Rainer Sepp, Charles University Prague - Tschechien
- Robert Bernasconi, The Pennsylvania State University - Vereinigte Staaten von Amerika