Der Sakralbereich des keltischen Heiligtums am Frauenberg
The inner sacral area in the celtic sanctuary on Frauenberg
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (50%); Geschichte, Archäologie (50%)
Keywords
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Keltisches Heiligtum,
Innerer Sakralbereich,
Tier- und Waffenopfer,
Modifizierte Menschenknochen,
Trophäenschädeln
Zwischen 1991 und 1998 wurde auf einer dem Gipfelbereich des Frauenberges bei Leibnitz vorgelagerten Terrasse ein keltisches Heiligtum vom Typ "Picardie" ergraben. Dieses weist im Grundriss eine annähernd trapezförmige Gestalt auf, die Umfassungs-gräben mit Längen von 150x100 Metern umschließen eine Fläche von über 5000 m, die auf Grund des Fundmaterials als innerer Sakralbereich angesprochen werden kann. Ein etwa 80 Meter langer Abschnitt des südwestlichen Umfassungsgrabens samt Ein-gangsbereich, dessen Befund im noch laufenden FWF- Projekt P16231-G02 bearbeitet wird, bildet die Grundlage zur Interpretation und chronologischen Einordnung. Während das äußere Erscheinungsbild den nordfranzösischen Vorbildern entspricht, unterscheidet sich der Inhalt des Grabens klar von diesen. Es liegt zwar ebenfalls umfangreiches archäologisches Fundmaterial vor (zahlreiche Waffen- und Rüstungsteile, Trachtbestandteile, Münzen und Keramik), hervorstechend ist jedoch die Menge und Selektion bestimmter Skelettelemente von Haustieren (etwa 2000 Schulterblätter von über 1000 Hausrindern). Diese ungewöhnlich große Serie erlaubt im Vergleich mit den Oppida Manching und Altenburg-Rheinau erstmals detaillierte Studien über Herdenstrukturen in keltischen Gesellschaften. Die zu verschiedenen Verfüllphasen deponierten modifizierten Menschenknochen sprechen einerseits für ein komplexes mehrstufiges Bestattungs- bzw. Opferritual, andererseits lässt sich das Phänomen von Trophäenschädeln belegen. Das reiche stratifizierte archäologische Fundmaterial bietet erstmals im Südostalpenraum die Möglichkeit einer feintypochronologischen Analyse von der Mitte des 2. Jhs. v. Chr. bis in die Mitte des 1. Jhs n. Chr. Die Synthese aller archäologischen und naturwissen-schaftlichen Ergebnisse wird es ermöglichen, das sich ändernde ökologische Umfeld nachzuzeichnen, die Deponierungsabläufe zu rekonstruieren und unter Einbeziehung ähnlicher Befunde, religionswissenschaftlicher und ethnographischer Vergleiche sowie historischer Quellen, ein Modell dieses Heiligtums hinsichtlich Anlage und Ritual zu entwerfen. Hauptziel des Folgeprojektes ist die Rekonstruktion des inneren, vom Umfassungsgraben eingeschlossenen Sakralbereichs. Erste Untersuchungen der Tierknochen aus dem Innenbereich zeigen, dass hier vermehrt Elemente vorliegen, die im Graben nicht angetroffen werden konnten und umgekehrt, z.B. fehlen Schulterblätter vollständig. Gerade diese Konstellation erlaubt detaillierte Aufschlüsse über Areale unterschiedlich funktionellen Charakters innerhalb des Heiligtums und verweist somit auf ritualisierte Handlungen, die während der Nutzungsphase des Heiligtums zur Anwendung kamen.
Bei Rettungsgrabungen des Bundesdenkmalamtes 1991 bis 1999 auf den Perl-/Stadläckern am Frauenberg bei Leibnitz/Steiermark konnte zum ersten Mal im gesamten ostkeltischen Bereich ein Heiligtum nach Vorbild der gallischen Anlagen vom Typ "Picardie" nachgewiesen werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Archäologen, Archäozoologen, Archäobotaniker, Palynologe, Dendrochronologen, Molekularbiologen, Geologen und Numismatiker im Rahmen zweier FWF-Projekte ermöglichte die optimale Auswertung sämtlicher Funde und Befunde. Der von der befestigten Siedlung separierte, über 5000 m große und im Grundriss trapezförmige "Temenos" wurde von einem Graben eingefasst, der von einem Eingangsbereich mit hölzener Toranlage unterbrochen wurde. Außerhalb des Grabens zog sich ein Erdwall mit Palisaden (?) um das Heiligtum herum. Im Inneren, dem eigentlichen Sakralbereich konnten trotz der zahlreichen jüngeren Störungen Reste eines "Tempels", zahlreiche Gruben mit umfangreichen Keramik- und Tierknochenfunden, Feuerstellen und andere "Aktivitätszonen" festgestellt werden. Von entscheidender Bedeutung für die Rekonstruktion der Rituale bzw. Prozesse, die sich im Heiligtum selbst abspielten, sind die fundreichen Verfüllschichten des Umfassungsgrabens, wobei sich neun zeitlich gut datierbare Verfüllhorizonte feststellen ließen. Diese setzten in der ersten Hälfte des 2. Jhdts. v. Chr. ein, die letzten und jüngsten Aktivitäten fanden um die Zeitenwende statt. Im umfangreichen Fundmaterial waren vier Hauptgruppen trennbar: Tierknochen, Menschenknochen, Waffenteile und Gefäßkeramik. Daneben begegneten auch Wagenteile sowie zahlreiche Gold- und Silbermünzen und zwei Tüpfelplattenfragmente als Hinweis auf keltische Münzprägung am Frauenberg. Während kleinteilig zerstörte Waffen (Schwerter, Schilder, Lanzen und Helme) fixer Bestandteil aller Verfüllschichten sind, lässt sich durch die markante Abnahme von Tierknochenfunden eine Änderung im Opferverhalten belegen: Das "blutige" Tieropfer wird sukzessive von Speise- und Trankopfern bzw. "Kultmahlen" abgelöst. Beispiellos sind bislang die zahlreichen Rinderschulterblätter geblieben, die hauptsächlich in einer massiven Knochenschicht vorkamen. Über 2000 Schulterblätter von mindestens 1300 Rindern (hauptsächlich von Stieren!) gelangten in einem Zug in den Umfassungsgraben. Zahlreiche Ritzlinien auf der fleischlosen Knochenseite entziehen sich noch einer Erklärung. Eine Reihe von Menschenknochen mit Schnittspuren ist vermutlich als Relikt eines komplexen mehrstufigen Bestattungsvorganges zu sehen, wobei bei den Schädelteilen auf Grund der auffälligen Lagebeziehung von Unterkiefern und Schädelteilen auch an Trophäenschädel gedacht werden muss. Auf mehreren Gefäßbruchstücken fanden sich Ritzinschriften bzw. Buchstaben in venetischem Alphabet, wobei jedoch die Sprache als nichtvenetisch, sondern als keltisch bestimmt werden konnte. Ein Ritzinschriftenfragment ist als Weih- bzw. Widmungsinschrift zu werten und unterstreicht damit den Opfercharakter.
- Bundesdenkmalamt - 100%