Weltbühne Wien
The Reception of Anglophone Plays in 20th Century Vienna
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (80%)
Keywords
-
Kulturtransfer,
Terranglia,
Dramenrezeption,
Wien,
Übersetzungstheorie,
20. Jh.
Das interdisziplinäre Forschungsprojekt will mit Hilfe kulturwissenschaftlicher Methoden und Ansätze, insbesondere der Kulturtransfertheorie, die Rezeption englischsprachiger Dramen auf Wiener Bühnen des 20. Jahrhunderts aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Die rezeptionsgeschichtliche Perspektive wird dabei durch Fragestellungen erweitert, die das Verhältnis der beteiligten Kulturen insgesamt berühren. Fragen des Kulturkontaktes und des Kulturtransfers, der Zirkulierung und Blockierung (fremd)kultureller Elemente, der Dramenselektion, der Selektionssteuerung und Zensur, des Verstehens und Missverstehens der Fremdkultur und des Umgangs mit dem Fremden, der Rolle nationaler Stereotypen im Rahmen des Verstehensprozesses, der Translation und der Adaption, aber auch die historische Rolle einzelner Theater, Intendanten und Regisseure sowie herausragender Persönlichkeiten der Wiener Theaterszene geraten dabei in den Blick. Der für das Projekt gewählte Zeitabschnitt, das 20. Jahrhundert, ermöglicht es, die Prozesse des Transfers englischsprachiger Dramen in der Abfolge unterschiedlicher historischer Phasen oder Epochen - der letzten Jahre der Kaiserzeit, der ersten österreichischen Republik (1918-1938), des Anschlusses (1938-1945), der Zeit des 2. Weltkriegs (1939-1945), der Besatzungszeit (1945-1955) bis hin zur Gegenwart - zu untersuchen und an den zeitlichen Kontext gebundene, unterschiedliche Phänomene des Transferprozesses zu beschreiben und miteinander zu vergleichen. Die Einbeziehung britischer und amerikanischer Stücke erweitert das zu untersuchende Repertoire auf drei Kulturen, die gleichzeitig in Kontakt zueinander stehen. Die Berücksichtigung von Klassikern - des Klassikers Shakespeare und auch moderner britischer oder amerikanischer Klassiker wie Pinter, Beckett, Miller, Williams und Albee - erlaubt Untersuchungen darüber, wie ein Klassiker `gemacht` wird, welche Metamorphosen das Bild eines Klassikers unter dem Einfluß zeitbedingter politischer, ökonomischer und sozialer Faktoren durchläuft und wie auch der Prozeß der Kanonisierung als Mittel der Blockierung des Fremden dienen kann. Insgesamt wird so das Phänomen der Versetzung` der Dramen in einen anderen kulturellen Kontext, ihrer Einbürgerung oder aber ihrer Resistenz gegen Bestrebungen, sie im Wiener Kontext heimisch zu machen, untersucht. Der Transfer des ursprünglich englischsprachigen Stücks steht für eine Form des Kulturkontakts bzw. interkulturellen Austauschs mit der Terranglia`, dessen Beschaffenheit und Wandel im Laufe der Zeit erforscht und in seinen einzelnen historischen Phasen beschrieben werden soll. Dabei werden auch eine Reihe von Hypothesen bezüglich der Interkulturalität des Dramas und der Rolle fremder Kulturen bei der Konstruktion nationaler Identität einer praktisch-analytischen Überprüfung unterzogen. Das Projekt leistet so anhand eines selbst gewählten Ausschnitts einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Prozesse des Kulturtransfers, zur Kulturtransfertheorie und zur Theater- und Kulturgeschichte Wiens.
Wien gehört zu den wichtigsten Theaterhauptstädten der Welt und kann auf eine besonders vielfältige und lebendige Theaterszene verweisen. Wiens Offenheit für andere Kulturen ist das Resultat seiner geographischen Lage und seiner abwechslungsreichen Geschichte, Einflüsse, die sich auch heute noch bemerkbar machen. Wien schaut sowohl auf seine Nachbarstaaten im Osten, als auch auf Zentraleuropa und die westliche Welt. Da Englisch zur wichtigsten Verkehrssprache der Welt geworden ist, überrascht es nicht, dass der Transfer und die Rezeption ursprünglich anglophoner Dramen einen wichtigen Beitrag zur Wiener Theaterszene darstellt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts fanden mehr als 1500 britische, irische und amerikanische Dramen ihren Weg auf Wiener Bühnen in Form von Übersetzungen, Adaptionen oder sogar in der Originalsprache. Das Weltbühne Wien/World Stage Vienna-Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, über verschiedene historische Abschnitte des 20. Jahrhunderts hinweg die Rezeption anglophoner Dramen auf Wiener Bühnen und deren Umgang mit dem `Fremden` zu untersuchen. Zum ersten Mal wird dabei die Kulturtransfertheorie auf die Untersuchung der Rezeption von fremdsprachlichen Dramen in einem heimischen Kontext angewandt. Die `Verpflanzung` eines fremdsprachlichen Dramas aus seiner Ursprungskultur in die österreichische Zielkultur erweist sich als ein komplexer Prozess, in dem verschiedene Transfer- und Translationsakte nahtlos ineinandergreifen müssen, soll der Transferprozess gelingen: die Auswahl des zu transferierenden Stücks, die Translation des fremdsprachlichen Textes durch den Übersetzer, die Produktion des Stücks durch den Regisseur, die Umsetzung seiner Ideen durch die Schauspieler, die Aufnahme durch das Publikum und die Rezeption durch die Theaterkritik. Auf jeder dieser Stufen kann der Transfer- und Translationsprozess scheitern - wie unsere Einzelanalysen belegen. Als eines der überraschendsten Ergebnisse des Projekts lässt sich festhalten, dass die Auswahl eines Stückes für die Wiener Bühnen des 20. Jahrhunderts (oder seine Verhinderung) nur in den seltensten Fällen nach qualitativen Gesichtspunkten erfolgt. Vielmehr sind verschiedene andere Kriterien maßgebend: eifrige Agenten, die Stücke erfolgreich vermitteln; politische Zensur, die die Aufführung von Stücken vereitelt; aufsehenerregende kommerzielle Erfolge in anderen Ländern, die zur Nachahmung animieren; die unterschiedliche Aufführungspolitik der einzelnen Wiener Theater; die Vorlieben des Wiener Publikums; die Vorurteile der Wiener Theaterkritiker. So verwundert es nicht, dass die Liste der in Wien aufgeführten Stücke große Lücken zeigt und Dramatiker, die in England oder den USA die Theater des 20. Jahrhunderts dominiert haben, in Wien nur teilweise oder gar nicht wahrgenommen worden sind. Umgekehrt gibt es jedoch auch einige `Dauerbrenner` (vor allem Shakespeare, aber auch Wilde und Shaw), die zu Favoriten des Publikums avancieren und dauerhaft `eingemeindet` werden. Erfolgreich ist ein Stück immer dann, wenn es `Andockstellen` in der Wiener Theaterlandschaft findet, d.h., dem Bewährten und dem Publikums- und Kritikergeschmack entspricht. Das Fremde wird in diesem Fall als das Eigene empfunden, das Stück gewissermaßen `kannibalisiert`.
- Universität Wien - 100%