Soziales Lernen und physikalische Kognition beim Kea
Social learning and physical cognition in kea
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (50%); Psychologie (50%)
Keywords
-
Pysical Cognition,
Nestor notabilis,
Social Learning,
Ontogeny
Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, ein vertieftes und integrativeres Verständnis über Tierkognition zu erhalten, indem es den Zusammenhang von sozialem Lernen und technischer (physikalischer) Kognition an einer Tierart untersucht, die sich außerordentlich gut für eine solche Studie eignet. Der Kea (Nestor notabilis) hat erwiesenermaßen das Potential für anspruchsvolle Formen des sozialen Lernens. Er ist hoch motiviert, sich auf das Futtersuchverhalten seiner Artgenossen zu achten und ist sowohl in der Volierenhaltung als auch im Freiland ausgeprägt neophil. Obwohl der Kea kein eigentlicher Werkzeuggebraucher ist, sprechen seine manipulativen Fertigkeiten und sein Interesse für Effekte, die er während der Objektmanipulation erzeugt, für ein hohes Potential an physikalischer Kognition. Trotzdem zeigt unsere bisherige Forschung ein ambivalentes Resultat: Freilebende Keas zeigten keine Hinweise für soziales Lernen und ihre technischen Fertigkeiten sind zwischen Individuen stark heterogen verteilt; Keas in Gefangenschaft scheinen eher sozial zu lernen und meistern auch einige anspruchvolle technische Aufgaben, versagen aber bei anderen. Demnach bleiben zwei fundamentale Fragen offen: 1) Welches sind die Zusammenhänge zwischen physikalischer Kognition und sozialem Lernen? 2) Wie verläuft die Entwicklung der physikalischen und sozialen Intelligenz? Die Beantwortung dieser Fragen stehen im Zusammenhang mit der dritten Frage: 3) Weshalb unterscheiden sich frei- und in Gefangenschaft lebende Keas in ihrer Kompetenz für soziales Lernen und physikalische Kognition? Diese Fragen wollen wir untersuchen, indem wir Keas im Freiland und in Gefangenschaft durch Artgenossen vorzeigen lassen, wie mechanische Aufgaben lösbar sind. Diese Information soll während verschiedener Entwicklungsstufen der physikalischen Kognition und für kognitiv verschieden anspruchsvolle mechanische Probleme angeboten werden. Die Untersuchung von Lernmechanismen eines Nicht-Säugers sowohl im Labor als auch im Feld hat wichtigen integrativen Wert für die Biologie und Psychologie. In dieser Hinsicht bietet das Projekt, in gegenseitigem Nutzen, wichtiges Wissen für andere nationale und internationale Projekte über Kognition. Es besteht auch ein großes öffentliches Interesse an der Intelligenz dieser weltweit bekannten Vogelart.
Der Werkzeuggebrauch bei Tieren wurde oft als eine angepasste Fähigkeit mit komplexer technischer (physikalischer) Intelligenz und manipulatorischen Fähigkeiten betrachtet. Diese Sichtweise der Angepasstheit wurde durch neuere Befunde in Frage gestellt, wonach Vögel, die natürlicherweise kein Werkzeug gebrauchen, zu "einsichtsvollem" Werkzeuggebrauch fähig sind. Demnach könnte eine domänengenerelle Intelligenz für Werkzeuggebrauch ausreichen. Um zu untersuchen, ob sich Tiere in Gefangenschaft in solchen Aufgaben von Tieren in freier Wildbahn unterscheiden, wie die physikalische Kognition und das soziale Lernen zusammenhängen und wie sich diese Kompetenzen entwickeln, starteten wir im Sommer 2006 ein Forschungsprojekt, welches solch besser integrierte Einsichten in die Tierkognition erbringen sollte. Zu diesem Zweck untersuchten wir Keas (Nestor notabilis), neuseeländische Bergpapageien, die für ihre spielerische Intelligenz und ihr Problemlöseverhalten berühmt sind. Obwohl Keas in freier Wildbahn kein Werkzeug gebrauchen, deuten ihre Aufmerksamkeit für Effekte, welche sie mit Objekten erzeugen, auf ein großes Potential physikalischer Kognition hin. Wir haben handaufgezogene Keas Tests aus der Entwicklungspsychologie unterzogen und mit ihnen Experimente zum sozialen Lernen durchgeführt. Dabei zeigten unsere Keas in Gefangenschaft ein erstaunliches Potential, Gegenstände zu kombinieren und Objekte in Röhren auch als Mittel zum Zweck einzufügen (Werkzeuggebrauch). Es zeigte sich, dass das unbelohnten Spiels davor für das Meistern dieser neuen Errungenschaft ausschlaggebend war. Ältere Vögel, welche die Werkzeugaufgabe nicht von alleine lösten, gelang dies nachdem sie es von einem Gruppenmitglied vorgezeigt bekommen hatten. Dies fand sich jedoch nicht bei jüngeren Vögeln. Das weist darauf hin, dass die Vögel zuerst ein Konzept für räumliche Objektbeziehungen entwickeln müssen, bevor sie Werkzeuggebrauch sozial lernen können. Im Gegensatz zu den Keas in Gefangenschaft, kombinierten jedoch die von uns im Freiland besenderten Keas keine Gegenstände, obwohl sie unsere Experimentobjekte erkundeten und mit ihnen spielten. Diese Resultate zeigen, dass die sensomotorische Intelligenz der Keas, sowie ihre spielerische und aktive Informationsaneignung in Gefangenschaft eher als im Freiland dazu führen, dass sich Keas auf räumliche Beziehungen zwischen Objekten achten und diese ausnützen. Neben dieser generellen Kapazität neue Kompetenzen in Abhängigkeit von Umweltbedingungen zu entwickeln, haben wir auch gefunden, dass Keas nur beschränkt den effizienten Gebrauch von stockähnlichen Werkzeugen zeigen. Unsere Ergebnisse passen gut zu einem Futter-Extrahierer wie dem Kea, in dessen natürlicher Umwelt Objekterkundung viele Vorteile und wenige Nachteile mit sich bringt. Unser Vorgehen ökologische Ansätze mit dem Studium der Entwicklung zu verbinden, hat eine bessere Einsicht in die Funktion der Objekterkundung, wie beispielsweise dem Werkzeuggebrauch, und deren Verbreitung im Tierreich erbracht.
- Universität Wien - 100%
- Bruce Robertson, University of Canterbury - Neuseeland
- Robert R. Jackson, University of Canterbury - Neuseeland
Research Output
- 409 Zitationen
- 8 Publikationen
-
2021
Titel Planning Abilities in Nonhuman Animals: In Search of the Evolutionary Origins of “Thought” DOI 10.1007/978-981-16-2028-7_14 Typ Book Chapter Autor Miyata H Verlag Springer Nature Seiten 235-254 -
2015
Titel Chronic West Nile virus infection in kea (Nestor notabilis) DOI 10.1016/j.vetmic.2015.12.012 Typ Journal Article Autor Bakonyi T Journal Veterinary Microbiology Seiten 135-139 -
2015
Titel The advantage of objects over images in discrimination and reversal learning by kea, Nestor notabilis DOI 10.1016/j.anbehav.2014.12.022 Typ Journal Article Autor O'Hara M Journal Animal Behaviour Seiten 51-60 Link Publikation