Die Eingewöhnungsphase von Kleinkindern in Kinderkrippen
Toddlers´ Adjustment to Out-of-home Care
Wissenschaftsdisziplinen
Erziehungswissenschaften (60%); Psychologie (40%)
Keywords
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Child-care,
Care Provider Behaviour,
Adjustment,
Sensitivity,
Quality of Care,
Salivary Cortisol
Während der Eingewöhnungsphase in die Kinderkrippe verspüren Kleinkinder intensive Gefühle der Unsicherheit. Sie reagieren unter anderem mit Weinen und sozialem Rückzug. Erst in späteren Phasen kommt es zu aktiver und positiver Teilnahme am Alltagsgeschehen innerhalb der jeweiligen Einrichtung - wenn die Phase der Eingewöhnung gelingt. Obgleich eine wachsende Zahl von Mitgliedern unserer Gesellschaft darin übereinstimmt, dass dieser "Übergang" von der primär innerfamiliären Betreuung des Kindes hin zum Besuch einer Kinderkrippe einen bedeutsamen Schritt für das Kleinkind darstellt, wurde dieser "Übergangsprozess" bislang erst in Ansätzen wissenschaftlich untersucht. Deshalb deuten nur vereinzelt generierte Forschungsergebnisse darauf hin, welche Faktoren den erfolgreichen Einstieg des Kindes in die Kinderkrippe maßgeblich beeinflussen. Um solche Faktoren differenzierter identifizieren und die pädagogische Arbeit in der Kinderkrippe darauf abstimmen zu können, werden im Laufe dieses Projektes zunächst die ersten, unmittelbaren Reaktionen von Kleinkindern sowie die Entwicklung von Verhaltensmustern und deren Veränderung beobachtet und beschrieben. In diesem Zusammenhang wird insbesondere untersucht, ob und inwiefern das Verhalten der Kinder während der Eingewöhnungsphase in Beziehung steht zu: (i) der Qualität der jeweiligen Einrichtung; (ii) den jeweiligen Interaktionserfahrungen mit Betreuern; (iii) dem Verhalten der Eltern vor und während des Verabschiedens der Kinder und des Verlassens der Einrichtung; und (iv) dem Stresslevel der Kinder. Überdies wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss diese Faktoren auf die Veränderung der Verhaltens- und Beziehungsmuster haben, die zu Beginn der Eingewöhnungsphase ausgemacht werden können. Im Anschluss an die einzelnen Schritte der Untersuchung werden Faktoren identifiziert und beschrieben, die sich in Hinblick auf die Eingewöhnung des Kindes in die Kinderkrippe als förderlich erweisen. Überdies werden Konsequenzen für die Konzeption der Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen angestellt, die in Tageseinrichtungen für Kleinkinder arbeiten.
Die Zahl der Kleinkinder, die jünger als drei Jahre alt sind und in Kinderkrippen betreut werden, wächst auch in Österreich beständig. Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Kinder den Eingewöhnungsprozess erleben, welche Faktoren sich dabei als hilfreich erweisen und welche Bedeutung dem Thema "Eingewöhnung in die Kinderkrippe" in der Aus- und Weiterbildung von Kindergartenpädagoginnen und Kindergartenpädagogen einzuräumen ist. Diese Themen wurden in der Wiener Kinderkrippenstudie eingehend untersucht, die an der Universität Wien am Institut für Bildungswissenschaft in Kooperation mit der Abteilung für Entwicklungspsychologie durchgeführt wurde. Von besonderer Bedeutung sind folgende Ergebnisse: (1.) Es konnte bestätigt werden, dass die tagtägliche Trennung von vertrauten Bezugspersonen Kleinkinder emotional belastet. Dies drücken Kleinkinder allerdings nicht immer durch Weinen oder andere Unmutsäußerungen unmissverständlich aus. (2.) Eingewöhnung kann dann als gelungen angesehen werden, wenn es Kleinkindern alleine oder mit Hilfe anderer gelingt, (a) die Situation in der Kinderkrippe angenehm zu erleben; (b) mit anderen in lebendige Interaktion zu treten; (c) und sich für die Menschen und Gegenstände zu interessieren, die sie in der Kinderkrippe vorfinden. Das bloße Ausbleiben von Weinen oder anderen Unmutsäußerungen ist kein Kriterium für gelungene Eingewöhnung. (3.) Kleinkinder erleben die Trennung von ihren vertrauten Bezugspersonen nicht nur in den ersten Tagen, sondern über Wochen hinweg als belastend und bedürfen in dieser Zeit professioneller Unterstützung und Begleitung. Eine solche Unterstützung erhalten jüngere Kinder in höherem Ausmaß als ältere Kinder. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass still leidende Kleinkinder jene Form von Begleitung nicht erhalten, deren sie bedürfen. (4.) Kleinkinder entwickeln im Zusammenspiel zwischen den Fähigkeiten zur Regulation von Gefühlen, die sie bereits vor dem Eintritt in die Kinderkrippe ausgebildet haben, und den Beziehungserfahrungen, die sie in der Krippe machen, unterschiedliche Strategien, um die emotionalen Belastungen zu lindern, mit denen sie sich konfrontiert finden. Der Beitrag, den Kinder auf diese Weise zum Eingewöhnungsverlauf leisten, ist größer, als bislang angenommen wurde. (5.) Die Eingewöhnungsverläufe von 104 untersuchten Kindern verliefen sehr unterschiedlich und hingen nur in geringem Ausmaß mit allgemeinen Qualitätsmerkmalen von Kinderkrippen zusammen. (6.) In der Aus- und Weiterbildung von Kindergartenpädagoginnen und Kindergartenpädagogen gilt es stärker als bisher professionelle Kompetenzen zu vermitteln, die zur Folge haben, (a) dass Eingewöhnungsprozesse nach wissenschaftlich fundierten Konzepten gestaltet werden; (b) dass dabei der individuelle Besonderheit von Eingewöhnungsprozessen stärker Rechnung getragen wird; und (c) dass in diesem Zusammenhang auf die emotionalen Befindlichkeit von Kleinkindern differenzierter Bezug genommen wird, als dies in den untersuchten Einrichtungen zumeist geschieht.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 91 Zitationen
- 3 Publikationen
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2022
Titel Stress during transition from home to public childcare DOI 10.1080/10888691.2022.2070168 Typ Journal Article Autor Ahnert L Journal Applied Developmental Science Seiten 320-335 Link Publikation -
2018
Titel Relationship building between toddlers and new caregivers in out-of-home childcare: Attachment security and caregiver sensitivity DOI 10.1016/j.ecresq.2017.10.007 Typ Journal Article Autor Ereky-Stevens K Journal Early Childhood Research Quarterly Seiten 270-279 Link Publikation -
2012
Titel Toddlers’ transition to out-of-home day care: Settling into a new care environment DOI 10.1016/j.infbeh.2012.02.007 Typ Journal Article Autor Datler W Journal Infant Behavior and Development Seiten 439-451 Link Publikation