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Koloniale Konzepte von Entwickung in Afrika

Colonial Concepts of Development in Africa

Walter Schicho (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P21304
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2009
  • Projektende 31.08.2013
  • Bewilligungssumme 381.140 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (35%); Geschichte, Archäologie (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (35%)

Keywords

    Development, Africa, British colonialism, Colonial discourse, French colonialism, Global history

Abstract Endbericht

Ausgehend von einer Analyse des kolonialen Entwicklungsdiskurses in Großbritannien und Frankreich soll im Zuge des beantragten Forschungsprojekts das Konzept Entwicklung in der spätkolonialen Periode untersucht werden. Das Projekt wird sich auf den Zeitraum vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Dekolonisierung sowie auf zwei bestimmte afrikanische Territorien und deren koloniale Metropolen (Senegal/Frankreich bzw. Tanganyika/Großbritannien) konzentrieren. Hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) mit den Mitteln der Diskursanalyse wird sich das Projekt vier konkreten Bereichen widmen, mit denen sich die Denkweise der Kolonisatoren rekonstruieren lässt: Politische Äußerungen (Parlamentsdebatten und andere politische Erklärungen), Verwaltungsdokumente (sowohl auf der Ebene der Metropole als auch auf der Ebene der beiden Kolonien), wissenschaftliche Texte (Aufsätze und Bücher, die Entwicklungsfragen betreffen) und Kolonialliteratur (verfasst von AutorInnen, die unmittelbar mit dem Kolonialsystem zu tun hatten). Besondere Bedeutung wird dabei den Beziehungen zwischen diesen Bereichen sowie den verschiedenen dort generierten Diskurssträngen beigemessen. Die Untersuchung wird zwischen zwei Analyseebenen unterscheiden: Auf der ersten Ebene wird das Konzept (bzw. werden die Konzepte) von Entwicklung innerhalb des Kolonialdiskurses analysiert. Dabei soll seine (ihre) relative Bedeutung innerhalb des Kolonialdiskurses im historischen Verlauf ebenso ermittelt werden wie die Beziehung des Kolonialdiskurses zum sich herausbildenden Entwicklungsdiskurs. Auf der zweiten Ebene wird sich das Projekt intensiv dem Entwicklungsparadigma selbst widmen, seinen verschiedenen Diskurssträngen und seiner Veränderung zwischen den frühen 1920er und den späten 1950er Jahren. Diese Detailanalyse des (entstehenden) Entwicklungsdiskurses wird sich auf die selbstformulierten Ziele von Entwicklung - von Produktivitätssteigerungen bis hin zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse -, auf die dafür vorgesehenen Mittel und auf die Rollen konzentrieren, die den unterschiedlichen Akteuren zugeschrieben wurden. Durch den Vergleich zwischen Großbritannien und Frankreich will das Projekt herausfinden, ob die Entwicklungsdiskurse der zwei wichtigsten Kolonialmächte des 20. Jahrhunderts Ähnlichkeiten aufwiesen und ähnliche Veränderungen innerhalb vergleichbarer Zeiträume durchliefen. Dies würde auf gemeinsame strukturelle Merkmale und Rahmenbedingungen jenseits bestimmter nationaler Kontexte hinweisen.

Entwicklung als politisches und ökonomisches Konzept hat die globale Ordnung des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart entscheidend geprägt. Anders als allgemein angenommen sind Konzepte von Entwicklung und die damit verbundene Praktiken wie Entwicklungshilfe nicht das alleinige Produkt des Kalten Krieges und der nach dem zweiten Weltkrieg einsetzenden Dekolonisierung. Ihre Entstehung lässt sich bis in die Zeit der Aufklärung zurückverfolgen und wesentliche Komponenten sind ein Erbe des europäischen Kolonialismus. Strategien der fremd gesteuerten Entwicklung waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine historisch neue Art, sozialen und wirtschaftlichen Wandel zu messen, planen, steuern und zu verwalten. Der Kontinent, auf den sie sich am stärksten konzentrierten, war und ist Afrika. Ziel unseres Projektes war es, historisierende und analytische Zugänge zu Entwicklung als einem wesentlichen Gegenstand und Instrument globaler Beziehungen zu schaffen und dazu beizutragen, die kolonialen Wurzeln moderner Entwicklungspolitik in Afrika besser zu verstehen. Die Forschung konzentrierte sich auf die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zur Dekolonisierung (1920 bis 1960). In dieser Periode wurde Entwicklung zu einem wirkmächtigen Konzept, über das sich Beziehungen zwischen Europa und Afrika bzw. zwischen Metropole und Kolonie definierten und gestalteten. Diskurse über Entwicklung gewannen nach dem Ersten Weltkrieg innerhalb von Kolonialministerien und -regierungen, in Kolonialpropaganda und -presse an Bedeutung und prägten europäische und afrikanische Mentalitäten sowie Interaktionen zwischen Europäern und Afrikanern. Die Dokumentation, Beschreibung und Analyse von Konzepten und Praktiken von Entwicklung in Britisch Ostafrika einerseits und Französisch Westafrika andererseits schuf die Grundlage für Vergleiche zwischen Großbritannien und Frankreich, den beiden größten Kolonialmächten in Afrika. Der Vergleich ermöglichte die Identifikation und das Verstehen diskursiver und institutioneller Kontexte, in denen Konzepte und Praktiken von Entwicklung entworfen, formuliert, reflektiert und umgesetzt wurden. In Anwendung von historischen, diskursanalytischen, kultur- und literaturwissenschaftlichen Zugängen setzten wir Regierungsdiskurse in der Metropole und den Kolonien mit akademischen und medialen Diskursen sowie populärer Literatur in Beziehung. Unsere Forschungsarbeit führte uns in die Archive der Kolonialministerien Großbritanniens und Frankreichs, der Kolonialregierungen Tanganyikas und Senegals und in die Erzählwelten von Akteuren kolonialer Entwicklung, von Kolonialbeamten, Missionaren, Lehrern, Akademikern Männern und Frauen, Europäern und Afrikanern die ihre Erfahrungen und Vorstellungen in Romanen, autobiographischer Literatur und Erzählungen an ein größeres Publikum kommunizierten. Die längst nicht abgeschlossene Auswertung der gesammelten Dokumente ist einerseits ein Beitrag zum Verständnis des Kolonialismus aus einer bisher wenig beachteten Perspektive, andererseits eine notwendige Erweiterung und Vertiefung des weitgehend ahistorischen Diskurses in der Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Catherine M. Coquery-Vidrovitch, Université Paris Diderot - Paris 7 - Frankreich
  • Bernard Mouralis, Université de Cergy-Pontoise - Frankreich
  • Uma Kothari, Manchester University - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 8 Publikationen
Publikationen
  • 0
    Titel Colonial development studies? The British social sciences and Africa, 1940-1960.
    Typ Other
    Autor Hödl G
  • 2012
    Titel L'idée de cooperation, d'association et de développement dans les années 1960.
    Typ Book Chapter
    Autor Dumoulin M
  • 2011
    Titel Von der "zivilisatorischen Mission" zur "Partnerschaft": Koloniale und globale Metropolen und die wirtschaftliche Kontrolle Afrikas.
    Typ Book Chapter
    Autor Schicho W
  • 2010
    Titel Kolonialminister Sarraut und Gouverneur Touzet begegnen Charlie Marlow und Mr. Kurtz.
    Typ Book Chapter
    Autor Schicho W
  • 2010
    Titel Entwicklungswelten: Globalgeschichte der Entwicklungszusammenarbeit.
    Typ Book Chapter
    Autor Journal Für Entwicklungspolitik 3/2010.
  • 2009
    Titel Triumph of the Expert. Agrarian Doctrines of Development and the Legacies of British Colonialism.
    Typ Book Chapter
    Autor Hödl G
  • 2009
    Titel Universities and development policy: innovative approaches.
    Typ Book Chapter
  • 2009
    Titel Universities and development policy: innovative approaches.
    Typ Book Chapter
    Autor Schicho W

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