Kasperls komische Erben
Kasperl´s comical successors
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (20%); Soziologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Austrian Comedy,
Literature sociology,
Critical edition,
History of the comic,
Gender,
History of acting
Seit Jahren dringt verstärkt das Schlagwort "kulturelles Erbe Österreichs" in unser Bewusstsein vor, seit Jahren wird der Ruf nach einer neuerlichen, weniger austriakisch ideologisierten und stattdessen sachlich vertieften Auseinandersetzung mit der österreichischen Kulturgeschichte laut und seit Jahrzehnten bereits verlangt die Forschung konkret nach der Erschließung von literarisch-theatralischen Texten, die von der Kanonbildung aus schlichter Unkenntnis oder aus Fixierung auf textfremde Wertmaßstäbe ausgeschlossen wurden und somit dem Vergessen zufielen. Diesen Fehler möchte das Projekt Kasperls komische Erben korrigieren: Die Wiederentdeckung des soziokulturellen Lebens Wiens (und seiner Vorstädte) an der Wende zum und im beginnenden 19.Jahrhundert soll anhand von Theaterstücken - konkret den Komödien des für das Wiener Gesellschaftsleben relevantesten Theaters, nämlich des Leopoldstädter Theaters - erfolgen, und zwar durch eingehende Beschäftigung mit den Autoren, Schauspielern, dem Publikum und natürlich den Texten, die als Grundlage für die literatursoziologische Studie und gleichzeitig zur eine interessierte Leserschaft kritisch ediert werden sollen, zumal sie zum großen Teil noch niemals - wie etwa die handschriftlichen Textbücher F. X. K. Geweys oder Th. Krones` - gedruckt wurden. Inhaltlich beschäftigt sich das Projekt mit der Entwicklung der Komik/der Komödie nach dem Tode Kasperl-La Roches (1806), dessen Schauspielleistung das Leopoldstädter Theater zum Anziehungspunkt für die kulturelle Elite Österreichs um 1800 machte. Nach seinem Ableben setzt A. Hasenhut als "Thaddädl" die Tradition der Lustigen Figur fort und bald treten weitere Figuren an seine Seite - "Staberl" (Bäuerle), Lorenz (Gewey) und zuletzt "Kratzerl", der von Ferdinand Raimund genial verkörperte Lustigmacher. Bemerkenswert ist dabei die Wandlung der Komik, deren vorläufiger Endpunkt mit der Genialität Raimunds anzusiedeln ist. Nicht eine Figur ist der alleinige Spaßmacher, die Komik wird von mehreren/vielen getragen und äußert sich auf ungemein vielfältige Weise, gleichzeitig wird die lustige Figur zusehends sozialisiert und verbürgerlicht und kann vom Publikum als eine Art Identifikationsfigur - und seien es die schlechten Eigenschaften des ungeliebten Nachbarn - vereinnahmt werden. Summa summarum besteht das Ziel der Studie zum Komikwandel darin, ausgehend von den, im Vorprojekt Mäzene des Kasperls synchron gewonnenen Befunden zum komischen Habitus von La Roche-Kasperl im theatralen Feld um 1800 um die diachrone Perspektive zu erweitern. Die ersten Recherchen erlauben eine zweifache Hypothese: dass die Komik sich diversifiziert (von einer Figur auf mehrerer Figuren), individualisiert (vom Figurentypus auf auktoriale Charaktere) und möglicherweise auch geschlechtsrollenspezifisch ausdifferenziert. Neben den genannten Autoren (Bäuerle, Gewey, Krones) sollen überdies J. A. Gleich, K. F. Hensler, F. J. Korntheuer, F. Kringsteiner, K. Meisl und quasi als "Gast" E. Schikaneder (der nicht zwar nicht am Leopoldstädter Theater dichtete, aber dennoch von großem Interesse für die Studie ist) "zu Wort kommen"; darüber hinaus müssen die Schauspieler A. Hasenhut, J. Lessel, F. Raimund, A. Schmitt und natürlich die Aktricen K. Ennöckl, J. Huber, J. Sartory sowie die erste "Diva" Th. Krones Beachtung finden, da ihr Spiel die Theaterstücke zum Leben erweckte und somit den implizierten sozialen Raum des Theaterlebens nachvollziehbar macht.
Am 8. Juni 1806 verstarb der Schauspieler Johann Josef La Roche. Er war mit der von ihm am Wiener Leopoldstädter Theater, dem Lachtheater Europas (Otto Rommel), verkörperten Lustigen Person des Kasper (Kaspar, Kasperl, Käsperle) und seiner Typenkomik im deutschen Sprachraum zum Inbegriff der Lustigen Person auf der Bühne geworden. Neben La Roche spielte aber auch eine neue Generation von Komikern, die nach dessen Ableben den Fortbestand der Bühne als Lachtheater sichern sollten, beispielsweise Anton BAUMANN (gest. 1808), Anton HASENHUT (1766-1841) oder Ignaz SCHUSTER (1779-1835). Das komische Monopol Kasperls in der Wiener Volkskomödie fächerte sich mit Beginn des 19. Jh.s ebenso auf wie dessen Rolle(n) und Typus. An die Stelle der Typenkomik traten nach und nach diversifizierte und individualisierte Formen des Komischen eine Folge der Sozialisierung und Verbürgerlichung der Figuren und Rollen. Lächerlich gemacht wurden nunmehr soziale, familiale, ständische, berufliche, charakterliche Eigenheiten von zwei oder mehreren Lustigen Personen und nicht mehr der realitätsferne Typ des Dieners allein. Die Lustigen Personen der Wiener Volkskomödie hießen nunmehr Thaddädl (entwickelt von Hasenhut), Staberl (1813 begründet von Adolf Bäuerle in Die Bürger von Wien und in der Folge stehende Rolle Schusters) oder Kratzerl (gespielt von Ferdinand RAIMUND, 1790-1836), mitunter auch Kramperl, Schwips, Schnipp, Tyroler-Wastel, Leopold Würfel, Notenfresser, Schieberl, Sandelholz u. a. Gespielt wurden sie neben den Genannten von Josef Korntheuer, Jakob Lessel, Anton Schmitt oder Wenzel Swoboda; die weiblichen komischen Partien übernahmen Josefa SARTORY (17771801), Johanna HUBER (geb. um 1790), Katharina ENNÖCKL (verh. Bäuerle, 17891869) und die legendäre Therese KRONES (18011830). Dass sich das Komische in der Wiener Komödie im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts grundlegend gewandelt haben muss, und zwar in Richtung Diversifizierung und Individualisierung, Sozialisierung und Verbürgerlichung, wird seit Jahrzehnten vermutet ohne dass mehr als vereinzelte Quellen, Stücke und Kontexte bekannt bzw. zugänglich gewesen wären. Das Projekt setzte sich zum Ziel, ein breites Spektrum dieser Quellen mittels kommentierter Editionen zugänglich zu machen. Die 26 transliterierten, kommentierten, kontextualisierten und mit Biografien ihrer Autoren versehenen Stücke stammen aus den Komödienwerken von Adolf BÄUERLE (1786-1859), Franz Xaver Karl GEWEY (1764-1819), Joseph Alois GLEICH (1742-1841), Friedrich Joseph KORNTHEUER (1779-1829), Joseph Ferdinand KRINGSTEINER (1775-1810), Therese KRONES (1801-1830) und Joseph KRONES (1797-1832), Karl MEISL (1775-1853) sowie Emanuel SCHIKANEDER (1751-1812): http://lithes.uni-graz.at/kasperls_erben/index.html Damit ist eine wissenschaftlich gesicherte Basis für die Erforschung der (Wiener) Bühnenkomik im 1. Drittel des 19. Jahrhunderts geschaffen. Fünf theatersoziologische Fallstudien rund um Karl Friedrich Henslers Thaddädl-Stücke, verfasst vom Projektteam Andrea Brandner-Kapfer, Jennyfer Großauer-.Zöbinger und Projektleiterin Beatrix Müller-Kampel, über Ferdinand Kringsteiner von A. Brandner-Kapfer (ebda.: http://lithes.uni-graz.at/kasperls_erben/index.html) sowie über Frauenrollen und deren Darstellerinnen im österreichischen Theater um 1800 (von A. Brandner-Kapfer; in Arbeit) belegen die Hauptthese und exemplifizieren und illustrieren die geänderten Formen des Komischen die ganz eindeutig mit einer Entkomisierung, einer Rückstufung / Minderung des Komischen in der Komödie einhergehen.
- Universität Graz - 100%