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Medienaktivismus. Formen der populären Medienaneignung

Media activism. Forms of popular media appropriation

Theo Hug (ORCID: 0000-0003-1279-623X)
  • Grant-DOI 10.55776/P21431
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2009
  • Projektende 30.06.2013
  • Bewilligungssumme 229.946 €

Wissenschaftsdisziplinen

Medien- und Kommunikationswissenschaften (100%)

Keywords

    Media, Social Activism, Media Appropriation, Media Activism, New Media, Social Innovation

Abstract Endbericht

Das Projekt beabsichtigt eine systematische und historische Bestandsaufnahme jener Formen der Medienaneignung, welche durch "Unvollständigkeit" und "Offenheit" gekennzeichnet sind (Meikle 2002). Unter "populärer Medienaneignung" wird die Entwicklung, die gesellschaftliche Um-Interpretation und der Gebrauch von solchen unvollständigen und offenen Medien verstanden, der sich formalen gesellschaftlichen Normierungssystemen zum Teil oder gänzlich entzieht und damit potenziell unzensurierbare Öffentlichkeiten erzeugt. Das Projekt ist die erste umfassende Arbeit zu diesem Bereich, der bisher nicht zuletzt aufgrund seines ephemeren Charakters und seiner Verwurzelung in nicht institutionalisierten Gesellschaftsbereichen in der Medienwissenschaft wenig Beachtung gefunden hat. Historisch konzentriert sich das Projekt auf die Gegenwart, insbesondere die aktivistische Aneignung von digitalen Medien. Es bietet aber auch eine exemplarische Vorgeschichte des Medienaktivismus welche von Graffiti über die Menschenmedien der Frühmoderne bis zu den politischen Radiobastlern des frühen 20. Jahrhunderts und der Community-TV-Bewegung reicht. Die untersuchten Formen des Medienaktivismus der Gegenwart konzentrieren sich auf Culture Jamming, Hacktivism, Alternative Media, Tactical Media, Electronic Civil Disobedience, Elecronic Street Theatre, Swarming, und Bricolage. Maßgebliche Anknüpfungspunkte bestehen u.a. in Graham Meikles Arbeit "Future Active" (2002), in Giannettis medienästhetischer Analyse von Bachtins Arbeit zur populären Kultur des Karnevals (Giannetti 2000, Bakhtin 1987), in Lovink und Garcias Arbeiten zu Tactical Media (Garcia & Lovink 1997), und in DeCerteaus Handlungstheorie (DeCerteau 2000). Abgesehen von Literatur greift das Projekt auf Online-Foren wie nettime und rhizome, sowie auf Interviews zurück. Das Ergebnis des Projekts, welches in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste durchgeführt wird und einen Bestandteil des interfakultären Forschungsschwerpunkts Innsbruck Media Studies bildet, ist ein Beitrag zur Medienwissenschaft, welcher Medienaktivismus als historische und theoretische Dimension des gesellschaftlichen Umgangs mit Medien fassbar und erforschbar macht.

Das Forschungsprojekt Medienaktivismus populäre Formen der Medienaneignung nahm seinen Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass es Formen des Mediengebrauchs und der Medienerzeugung gibt, deren Absicht es ist, eine Öffentlichkeit für Stimmen des Dissens, des Protests, des Ungehorsams und des Widerstands zu schaffen, welche in den Mainstream-Medien nicht angemessen in Erscheinung treten. Zielsetzung des Projekts war, solche Medien aus historischer und systematischer Perspektive zu beschreiben. Obwohl die Begriffe Medienaktivismus (im Englischen auch activist media) erst in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre breiter verwendet werden, als Computer und das Internet einer großen Zahl von Menschen zugänglich wurden, zielte das Projekt darauf ab, über die enge Bestimmung von Medienaktivismus als taktische Medien, welche in den früheren Theoretisierungsversuchen dieses Phänomens vorherrschte, hinaus zu gehen. In der Theorie der taktischen Medien ging es darum, das taktische Verhalten von Verbrauchern, so wie es von Michel de Certeau beschrieben wird, mit den neuen Formen des politischen Aktivismus zu verbinden, die im historischen Kontext der Globalisierung und des Neoliberalismus entstanden waren, wobei der Dualismus von Sicherheit und Terror als paradigmatische politische Modulation hervortrat. Die Ambition der Bewegung der taktischen Medien war es weitgehend, Medieninterventionen zu erzeugen, die dissidente politische Positionen in einem Kontext zu artikulieren vermochten, wo etablierte Widerstandsstrukturen mitsamt ihrem ideologischem Unterbau oft selbst als Teil des Problems betrachtet wurden. Ein oft zitiertes Beispiel von taktischem Medienaktivismus sind die Aktionen im Zusammenhang mit dem Zapatisten-Aufstand in Mexiko. Um eine historischere Perspektive zu entwickeln, wurde im Projekt der Medienaktivismus als modernes bzw. postmodernes Phänomen mit frühen, oft performativen Formen kultureller Widerstandspraktiken verknüpft (Rede, Lieder, Maskierung, usw.). Diese Formen bilden nach wie vor das ästhetische Paradigma für gegenwärtige Formen des Medienaktivismus. Die von Michail Bachtin in den frühneuzeitlichen Populärkulturen beschriebene Konzeption des grotesken Körpers tritt etwa in den Formen des biopolitischen Medienaktivismus in Erscheinung (z.B. Google Will Eat Itself von uebermorgen.com), während auf tradierte Techniken der Maskierung und der Parodie in Aktionen zurückgegriffen wird, die mit falschen Websites arbeiten (etwa gatt.org der Yes Men). Die Gutenberg-Revolution markierte den Übergang zu Medientechnologien im modernen Sinn. Printmedien wie Plakate und Pamphlete waren die herausragenden aktivistischen Medien des 19. Jahrhunderts und spielen, zusammen mit politischen Graffiti, nach wie vor eine große Rolle. Auf systematischer Ebene kann eine Unterscheidung zwischen konstruktivem und dekonstruktivem Medienaktivismus getroffen werden. Unter den Begriff konstruktiver Medienaktivismus fallen etwa die social movement media, alternative Medien, citizens media und andere Formen, die primär auf einen sozialen Wandel abzielen. Dekonstruktivistischer Medienaktivismus interveniert auf der semiotischen (z.B. Culture Jamming) oder auf der technologischen Ebene (z.B. Hacking) und unterminiert oder überschreitet bestehende kulturelle und technologische Kodes und Grenzen, wobei die Intervention selbst die Botschaft ist. Obwohl Medienaktivismus vornehmlich mit den Traditionen und Werten der politischen Linken verbunden wird, gibt es medienaktivistische Aktionen auch im antiliberalen Umfeld.In den letzten Jahren hat sich der Medienaktivismus vermehrt auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Medienproduktion konzentriert, anstatt auf die Medien selbst und ihre Inhalte. Der Hauptfokus dieser Art von Medienaktivismus liegt im Bereich des Copyrights, der Entwicklung von alternativen Lizenzen, und neue Modelle der Kooperation, welche auf dem Teilen medialer Ressourcen beruhen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Giaco Schiesser, Zurich University of the Arts - Schweiz

Research Output

  • 15 Zitationen
  • 30 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Übersetzungstheorie als politische Medientheorie.
    Typ Book Chapter
    Autor Kriwak
  • 2012
    Titel Kritische Erwägungen im Spannungsfeld von Wissensmedien und der Medialisierung von Wissen.
    Typ Book Chapter
    Autor Hug T
  • 2012
    Titel Explorations in the Tension Between Media Activism and Action-Oriented Media Pedagogy.
    Typ Journal Article
    Autor Hug T
  • 2012
    Titel Surveillance Chess.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal Springerin
  • 2012
    Titel Between democracy and spectacle. The front and the back of the social web.
    Typ Book Chapter
    Autor 2012
  • 2012
    Titel Politiken der Offenheit. Medienaktivismus jenseits von Ein- und Ausschluss.
    Typ Book Chapter
    Autor Rußmann
  • 2012
    Titel Media competence and visual literacy – towards considerations beyond literacies
    DOI 10.3311/pp.so.2012-2.06
    Typ Journal Article
    Autor Hug T
    Journal Periodica Polytechnica Social and Management Sciences
    Seiten 115
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Aktivistische Brieftauben. Medienaktivismus und Wissen im Zeitalter der Biomacht.
    Typ Journal Article
    Autor Stützl W
  • 2011
    Titel Banquets, Blasphemy and Grotesque Bodies: Carnivalesque Forms in Biopolitical Media Activism.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Stützl W
    Konferenz Conference Paper, Media in Transition conference, Massachusetts Institute of Technology 2011
  • 2011
    Titel The state of Free Culture.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal Komsos Journal (Spring|Summe)
  • 2010
    Titel Jetzt bloß dichthalten! WikiLeaks und die neue Arbeitsteilung in der Nachrichtenproduktion.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis
  • 2010
    Titel Digital Commons.
    Typ Book Chapter
    Autor Hart
  • 2011
    Titel Medien des Ungehorsams: Zur Geschichtlichkeit von Medienaktivismus.
    Typ Journal Article
    Autor Stützl W
  • 2011
    Titel Editorial: Ethics of Sharing, International Review of Information Ethics.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal Special Issue on the Ethics of Sharing
  • 2011
    Titel Interview.
    Typ Book Chapter
    Autor Apprich
  • 2011
    Titel Teilen und Modifizieren. Neue Dimensionen von Solidarität.
    Typ Book Chapter
    Autor Konrad Becker
  • 2011
    Titel WikiLeaks: Neue Dimensionen des Medienaktivismus.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal kommunikation@gesellschaft, www.kommunikation-gesellschaft.de, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0228-201112018
  • 2011
    Titel Von Nischen und Infrastrukturen. Herausforderungen und neue Ansätze politischer Technologien. Medienimpluse 2/11
    Typ Journal Article
    Autor S
  • 2011
    Titel Medienimpulse--Medienaktivismus.
    Typ Journal Article
    Autor Hut T Et Al
  • 2012
    Titel Grenzenlose Enthüllungen? Medien zwischen Öffnung und Schließung. Zur Einführung.
    Typ Book Chapter
    Autor Rußmann U
  • 2012
    Titel Zur Körperlichkeit und Radikalität von Digitalen Protestformen.
    Typ Book Chapter
    Autor Kossek
  • 2012
    Titel Editorial: Biomacht, Biopolitik, Biomedien.
    Typ Journal Article
    Autor Oberprantacher A Et Al
  • 2012
    Titel Analyse: Autonomie und Kooperation
    DOI 10.13109/inde.2012.1.2.39
    Typ Journal Article
    Autor Stalder F
    Journal Indes
    Seiten 39-45
  • 2011
    Titel Leaks, Remixes und die Unordnung der Diskurse.
    Typ Journal Article
    Autor Stadler F
    Journal Springerin
  • 2011
    Titel Masken und Spiegel. Visuelle Strategien im Medienaktivismus.
    Typ Book Chapter
    Autor Hug
  • 2011
    Titel Wikileaks und die neue Ökologie der Nachrichtenmedien.
    Typ Book Chapter
    Autor Geiselberger Heinrich (Hg). Wikileaks Und Die Folgen
  • 2013
    Titel Consideraciones crticas hacia la medializacin del saber en la era digital.
    Typ Journal Article
    Autor Hug T
    Journal Revista Autónoma de Comunicación UNAM
  • 0
    Titel Activist Media and Biopolitics. Critical Media Interventions in the Age of Biopower.
    Typ Other
    Autor Hug T
  • 0
    Titel Cultures and Ethics of Sharing / Kulturen und Ethiken des Teilens.
    Typ Other
    Autor Maier R Et Al
  • 0
    Titel Grenzenlose Enthüllungen? Medien zwischen Öffnung und Schließung
    Typ Other
    Autor Hug T

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